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Saufen macht besoffen

90 Freiwillige haben sich in Witten/Herdecke einen gezwitschert. Darunter soll ihre Selbsteinschätzung gelitten haben.

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Ob dieser Mann nur eine Bierflasche aus dem Autofenster hält oder auch daraus getrunken hat, können wir nicht sagen. Jedenfalls sollte er seinen Blick besser auf das Geschehen vor ihm richten.

(Bild: Shutterstock/Salov Evgeniy)

Von
  • Andreas Wilkens

Juristen und Polizisten kennen das vielleicht aus ihrer Ausbildung – sofern sie sich noch daran erinnern können. Sie bekommen etwas oder auch viel mehr als etwas zu trinken, fahren dann am Simulator lustige Schlangenlinien und wanken nach Hause. Während eines bunten Nachmittags sollen die Probanden auf die Weise kennenlernen, was es bedeutet, betrunken zu sein, zum Beispiel für die Verkehrstüchtigkeit.

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Das Internet ist voll von heißen IT-News und abgestandenem Pr0n. Dazwischen finden sich auch immer wieder Perlen, die zu schade sind für /dev/null.

Ein ähnliches Experiment wurde an der Universität Witten/Herdecke unternommen, und damit auch alles seine ethische Richtigkeit hat, wurde es von der dortigen zuständigen Kommission geprüft und abgenickt. 90 als "Sozialtrinker" charakterisierte Freiwillige im Durchschnittsalter von 23,5 Jahren, halbehalbe weiblich und männlich, bekamen an zwei Tagen für eine prospektive randomisierte kontrollierte Crossover-Studie Premium-Lagerbier vorgesetzt, gebraut nach einem Rezept aus dem Jahr 1847 mit 5 % vol, sowie Edelgräfler-Qualitätsweißwein Jahrgang 2015 mit 11,1 % vol, genauer einen Chasselas blanc/Johanniter vom Weingut Zähringer in Baden, Deutschland. Das Getränk ist ECOVIN-, Biowein- und EU-Bio-zertifiziert, DE-ÖKO-039 mit der A.P.-Nr. 2081516.

Beide Getränke wurden gleichkalt serviert. Von Carlsberg gab es das Premium-Lager als Freibier, das Unternehmen soll außer mit seinem Gesöff aber keinen Einfluss auf das Experiment und dessen Konzeption genommen haben, versichern die Forschenden. Herausfinden wollten sie, ob und wie die Selbsteinschätzung der Trinkenden in Sachen Verkehrstüchtigkeit vom Grad der akuten Alkoholvergiftung abhängt.

Alle Teilnehmenden sollten sich melden, wenn sie die gesetzliche Fahrgrenze von 0,5 Promille erreicht zu haben meinten. Sofern sie es dann noch konnten, aber das steht nicht in der Studie. Der Atemalkoholgehalt (BrAC) wurde erstmals mit einem AlcoQuant 6020+ gemessen, wenn die Studienteilnehmer berichteten, dieses Niveau erreicht zu haben, oder nach 45 bis 50 Minuten ab dem ersten Schluck wiederholte BrAC-Messungen durchgeführt. Die Daten wurden festgehalten, wenn sowohl eine BrAC-Messung als auch eine Selbstschätzung dokumentiert wurden.

Ergebnis des Experiments: Sozialtrinker sind sich häufig nicht bewusst, dass sie die gesetzliche Fahrgrenze beim Alkoholkonsum überschreiten. Die Selbsteinschätzung könne durch mehr Bewusstsein verbessert werden. Und zwar durch engagierte Sensibilisierungsprogramme oder auch Social-Media-Kampagnen.

Mit anderen, in der Studie nicht gesagten Worten: Wer säuft, wird besoffen. Meist ist jenen, die zu saufen anfangen, vorab ohnehin alles egal oder/und es wird ihnen mit jedem Schluck egaler. Schade, dass aus der Studie nicht herauslesbar ist, ob gilt: "Bier auf Wein, das lass sein" – mit einer Kontrollgruppe "Wein auf Bier, das rat ich Dir". In der Studie heißt es lediglich: "Am ersten Studientag war der Weinkonsum mit einer etwas genaueren Selbsteinschätzung im Vergleich zum Bierkonsum verbunden." Am zweiten Studientag habe die Art des konsumierten alkoholischen Getränks keinen signifikanten Einfluss auf die Selbsteinschätzungsgenauigkeit der Teilnehmer gehabt. Na denn…

(anw)