Schul-IT: Didacta-Verband fordert Rückzug der Länder aus Entwicklung

Im Didacta-Verband finden mittelständische Firmen der Bildungswirtschaft zusammen. Der Verband möchte, dass die Länder aufhören, eigene Schul-IT zu basteln.

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(Bild: creo2/Shutterstock.com)

Von
  • Kristina Beer

Mit der angestrebten tiefergehenden Digitalisierung im Bildungswesen, gibt es auch neue Felle zu verteilen. Deutlich wird dies durch aktuelle Aussagen des Didacta-Verbands anlässlich der momentan stattfindenden gleichnamigen Bildungsmesse "Didacta" in Köln.

Der Verband plädiert für stärkere Kooperationen zwischen Bildungswirtschaft und Ländern. Er fordert zugleich den Rückzug der Länder bei Erstellung und Weiterentwicklung von Lernmanagementsystemen (LMS) wie etwa der "dBildungscloud" (ehemals "HPI Schul-Cloud"), des LMS "ella" aus Baden-Württemberg, "Logineo" aus Nordrhein-Westfalen, "mebis" aus Bayern oder anderer Schul-IT.

Der Didacta-Verband wirft den Ländern und der Koalition im Bund in diesem Zusammenhang unter anderem Wortbruch vor. Aus Sicht des Verbands würden "Bildungsunternehmen der Digitalwirtschaft [...] die Grundlagen für die Digitalisierung der Bildungseinrichtungen und damit für zeitgemäßes Lehren und Lernen" schaffen. Bund, Länder und Schulträger würden dabei auf das Know-how der Anbieter vertrauen. Trotzdem würden die Bundesländer auf eigene IT-Lösungen setzen und "damit die weitere Entwicklung" erschweren.

Im Koalitionsvertrag sei festgehalten worden, dass "die Bundesregierung [...] digitale Innovationen sowie unternehmerische und gesellschaftliche Initiative fördern" will. Sie setze dabei auf offene Standards und Diversität und strebe auch "engere, zielgenauere und verbindliche Kooperation aller Ebenen an". Aus Sicht des Verbands unterlaufen die ländereigenen Lösungen dieses Ziel und würden auch noch zur Steuerverschwendung beitragen, da die Angebote den individuellen Bedürfnissen der Schulen nicht gerecht würden und deshalb oft mehrere Lösungen bezahlt werden müssten. Nur das "Ringen um die besten Lösungen" in einem freien Markt würden zu passgenauen Programmen führen – Schulen sollten deshalb auch selbst auswählen dürfen, welche Lösung sie einsetzen wollen. Zudem sei die Schul-IT schon personell nicht dafür ausgestattet, dass ein reibungsloser Ablauf für Bildungseinrichtungen nur mit Länderlösungen zu garantieren sei.

Der Verband meint kurzum: Der Aufbau landeseigener Schul-Software ist "ein Eingriff in die freie Marktwirtschaft", Bund und Länder seien aber "keine Wirtschaftsteilnehmer". Durch Aktivitäten im Bildungsmarkt würden verzerrte Wettbewerbsbedingungen entstehen. Dementsprechend plädiert der Verband dafür, dass sich Bund und Länder darauf konzentrieren, lediglich "geeignete Rahmenbedingungen für eine gelingende Bildung zu schaffen". In der digitalen Welt würden dazu Mindeststandards zählen, "ineinandergreifende Förderstrukturen und schlanke bürokratische Prozesse trotz föderaler Strukturen". Die Entwicklung, Programmierung und Betreuung von IT-Angeboten für Bildungseinrichtungen gehörten explizit nicht dazu.

Mit Beginn der Coronavirus-Pandemie ist die Digitalisierung der Bildungseinrichtungen neu in den Fokus geraten. Größere Fördertöpfe und neu formulierte Anforderungen haben auch neue Interessenverbände wie etwa die "Initiative der deutschen digitalen Bildungsanbieter" (iddb) entstehen lassen, die ebenfalls für bessere Marktchancen und Marktzugänge für digitale Bildungsanbieter plädiert. Die iddb sah sich in einem Interview mit heise online im Frühjahr 2022 beispielsweise in klarer Konkurrenz zu Schulbuchverlagen, ohne aber bisher die gleichen Vorteile und Marktzugänge genießen zu können. Der Branchenverband Bitkom wiederum sah zu Jahresbeginn 2021 in den Ländern zu wenige Bemühungen, funktionierende Lernmanagementsysteme aufzubauen und stattdessen nur auf die Rückkehr zum lang erprobten Präsenzunterricht zu setzen.

Kritikerinnen und Kritiker des momentan föderal organisierten Schulsystems wünschen sich derweil mehr Verantwortung beim Bund – auch für die Digitalisierung der Bildungseinrichtungen. Während der Didacta sprach sich nun der Philogogenverband dafür aus, dass sich Lehrkräfte nicht mehr um die Schul-IT kümmern sollten, sondern entsprechendes Fachpersonal endlich von Schulträgern gestellt werden müsse. Das Problem sei auch eine bildungsgerechte Schulfinanzierung, da Sanierungsstand und Ausstattung stark von den Mitteln vor Ort abhänge. Dieses Problem müsse von Bund, Länder und Kommunen gelöst werden.

Der "Didacta Verband e.V. – Verband der Bildungswirtschaft" vertritt nach eigenen Angaben die Interessen von mehr als 260 Unternehmen und Organisationen im In- und Ausland. Als offizieller Vertreter der deutschen Bildungswirtschaft setze sich der Verband auch "für die Verbesserung der Marktchancen im nationalen und internationalen Wettbewerb ein".

Artikelserie "Schule digital II"

Wie sollte die Digitalisierung in unseren Schulen umgesetzt werden? Wie beeinflusst die Coronavirus-Pandemie das Geschehen? Was wurde im Schuljahr 2020/2021 erreicht - wie ging es 2021/2022 weiter? Das möchte unsere Artikelserie beleuchten.

Artikelserie "Schule digital"

(kbe)