Schummeln beim Schach: Weltverband ermittelt gegen Niemann und Carlsen

Seitdem Weltmeister Carlsen den Shooting-Star Niemann der Schummelei bezichtigt, streitet die Schachwelt: Wie kann man Schummler überhaupt entlarven?

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(Bild: Shutterstock.com / Impact Photography)

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  • Hartmut Gieselmann
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Der Schachweltverband FIDE hat seine Fair-Play-Kommission beauftragt, im Fall Magnus Carlsen gegen Hans Moke Niemann zu ermitteln. Das dreiköpfige Team, zu dem auch Klaus Deventer, Anti-Cheating-Beauftragter vom Deutschen Schachbund gehört, soll untersuchen, was an den Vorwürfen dran ist, die Weltmeister Magnus Carlsen gegen den 19-jährigen US-Amerikaner Hans Moke Niemann erhebt.

Niemann hatte Carlsen Anfang September überraschend beim Sinquefield Cup mit den schwarzen Figuren besiegt. Anschließend trat Carlsen vom Turnier zurück. Als die beiden beim Julius Bär Generations Cup zwei Wochen später erneut aufeinander trafen, brach Carlsen die Partie nach seinem ersten Zug ab.

Zuvor hatte die Online-Seite Chess.com erklärt, dass Niemann in der Vergangenheit bereits zweimal wegen Schummelei gesperrt worden war. Niemann gab zu, als 12- und 16-Jähriger bei Online-Turnieren geschummelt zu haben. Er beteuerte jedoch, bei Turnieren direkt am Brett (over the board) immer fair gespielt zu haben.

Am Montag gab Carlsen nun eine umfangreichere Erklärung ab, in der er Niemann beschuldigt, mehr als zwei Mal betrogen zu haben. In diesem Zusammenhang erwähnte er auch Niemanns Trainer Maxim Dlugy, er mache "einen sehr guten Job". Dlugy will Carlsen wegen Verleumdung verklagen.

Seit diesen Vorfällen analysieren weltweit Schach-Experten die Partien von Niemann und anderen Großmeistern. Sie suchen mithilfe von Schach-Engines nach Hinweisen auf untypische Züge, die einem menschlichen Spieler nicht in den Sinn kommen würden. Dabei ziehen sie unter anderem Chessbase zu Rate, eine riesige Datenbank, die alle Partien in offiziellen Turnieren und Ligen sammelt.

Dort kann man etwa mit der Funktion "Lets Check" prüfen, wieviele Züge ein Spieler ebenso gut gewählt hat, wie die derzeit beste Computer-Engine Stockfish 15. Steigt dieser Wert über 70 Prozent, schrillen die Alarmglocken, denn nur die absolute Weltspitze kann derlei Werte kontinuierlich erzielen. Hans Moke Niemann gehört derzeit mit einer ELO-Bewertung von 2699 aber nur zur erweiterten Weltspitze der 50 besten Spieler.

Der bekannteste Anti-Cheating-Experte Keneth Regan hat bei einer Analyse der Niemann-Partien keine Auffälligkeiten gefunden, die auf den Einsatz von Computerhilfen schließen lassen. Seine besten Turniere wären immer noch in einem statistischen Bereich, der auch ohne Schummelei zu erreichen wäre. Oft hätten Niemanns Gegner einfach schlecht gespielt, und deshalb verloren – so auch Magnus Carlsen beim Sinquefield Cup. Nicht aber weil Niemann übermenschlich gut gespielt habe.

Laut Regan könne man erst von einem Betrug sprechen, wenn ein Spieler bei einer statistischen Analyse seiner Partien mit einer Abweichung von mehr als vier Sigma über dem Erwartungswert für seine ELO-Spielstärke liegen würde. Mit dieser hohen Hürde will Regan vermeiden, ehrliche Spieler des Falschspielens zu bezichtigen, weil dies deren Karieren zerstören würde.

Die französische FIDE-Meisterin Yosha Iglesias kommt allerdings zu einem anderen Ergebnis und zählte in ihrer Analyse acht Partien auf, in denen Niemann 100 Prozent der Engine-Züge ausgeführt habe. Weltmeister Magnus Carlsen sei eine solche Perfektion hingegen erst zweimal gelungen.

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Der Nachweis, dass ein Spieler beim Schach betrügt, ist äußerst schwierig zu führen. Denn laut Ex-Weltmeister Viswanathan Anand genüge bereits eine Information von 1 Bit, um eine Partie zu entscheiden – etwa wenn ein Spieler in einer schwierigen Stellung einen Hinweis bekommt, ob er eine Figur für einen Angriff opfern soll oder nicht. Dazu braucht es nichtmal ein elektronisches Gerät. In der Vergangenheit hatte bereits ein Helfer solche Informationen an einen Spieler übermittelt, indem er sich an eine bestimmte Stelle im Zuschauerraum stellte.

Unabhängig davon, ob Niemann geschummelt hat oder nicht – dieser Fall macht ein Dilemma deutlich, in dem die Schachwelt derzeit steckt. Denn es gibt keine einheitlichen Untersuchungsverfahren, mit denen die FIDE und die beiden größten Online-Plattformen Lichess und Chess.com Cheater überführen. Laut Chess.com seien auf der Plattform bislang 400 Spieler mit offiziellen Schachtiteln – unter anderem Großmeister und FIDE-Meister – des Schummelns überführt und gesperrt worden. Die Namen auf der Liste hält Chess.com jedoch geheim. Möglich, dass Weltmeister Carlsen hier weitere Einblicke hat, denn Ende August hat chess.com die Play-Magnus-Gruppe mit der Online-Plattform Chess24 und dem Trainingsprogramm Chessable übernommen.

Man darf gespannt sein, zu welchem Ergebnis die Fair-Play-Kommission der FIDE nun kommt. Wenn sie Niemann schuldig spricht, drohen ihm eine lebenslange Sperre sowie bis zu 50.000 Euro Geldstrafe. Sollten sich die Anschuldigungen von Carlsen als falsch erweisen, müsste die Ethik- und Disziplinarkommission der FIDE über eine Strafe für den Weltmeister entscheiden.

(hag)