Schweiz: Endgültiges Aus für GSM-Mobilfunk Anfang 2023

Netzbetreiber Sunrise UPC wird das 2G-Mobilfunknetz in der Schweiz zum Jahresbeginn 2023 abschalten. GSM und GPRS sind damit Geschichte.

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Ein aus dem Boden ausgegrabenes Klapphandy, noch voller Erdreich

Archäologen jubeln über diesen Fund - doch die kompatiblen Netze schwinden.

(Bild: Daniel AJ Sokolov)

Von
  • Tom Sperlich
  • Daniel AJ Sokolov

Der zweitgrößte Schweizer Telekommunikationsanbieter Sunrise UPC baut sein GSM-Netz (2G) beginnend mit 3. Januar 2023 ab. Der größte Schweizer Telecomkonzern Swisscom hat das 2G-Netz bereits von Jahresbeginn 2021 bis April gleichen Jahres definitiv deaktiviert. Auch Mobilfunker Salt (vormals Orange) hat sein GSM-Netz inzwischen abgeschaltet.

Sunrise hat das 2G-Mobilfunknetz bisher nicht ausgeschaltet, um dessen Nutzern eine längere Übergangsfrist zu bieten, betont das Unternehmen in einer Pressemitteilung. "Wir haben zugunsten unserer Kundinnen und Kunden den Wechsel auf eine moderne Mobilfunkgeneration bewusst flexibler gestaltet. Da 2G-Verbindungen aber praktisch nicht mehr benötigt werden, schalten wir ab Anfang des nächsten Jahres 2G ebenfalls ab", erklärt Sunrise-Chef André Krause.

Von der Abschaltung seien Kunden nur in Einzelfällen betroffen. Denn es gibt kaum noch Handys in Gebrauch, die nur mit 2G laufen. Wo jedoch heute noch Geräte oder M2M-/IoT-Lösungen (Machine-to-Machine-Kommunikation und Internet of Things) ausschließlich mit 2G-Verbindungen funktionieren, würden deren Nutzer beim Wechsel auf einen modernen Mobilfunkstandard (4G/5G) verschiedentlich unterstützt, schreibt Sunrise UPC.

Der ebenfalls zunehmend veraltete Mobilfunkstandard UMTS (3G) bleibt erstmal – anders als in Deutschland. Dort wurden die 3G-Netze im Jahr 2021 von allen Betreibern abgeschaltet. In der Schweiz plant Sunrise ihre Abschaltung in den kommenden drei bis vier Jahren, hieß es am Mittwoch. Die Swisscom hat angekündigt, die 3G-Techik noch bis Ende 2025 betreiben zu wollen. Salt Mobile investiert vereinzelt sogar noch in die dritte Mobilfunkgeneration.

Bei LTE (4G) stellt sich das Problem, dass viele Smartphone LTE zwar für Datenübertragung unterstützen, nicht aber für Telefonate (Voice over LTE, VoLTE). Und selbst wenn, unterscheidet sich die Umsetzung in Details, was hohen Supportaufwand für die Netzbetreiber mit sich bringen kann. Ein reines 4G/5G-Service wäre mit den heute im Umlauf befindlichen Endgeräte schwierig zu verwirklichen.

Österreichische Netzbetreiber haben noch keine konkreten Pläne zum Ausstieg aus GSM und UMTS verlautbart. Marktführer A1 denkt daran, Ende 2024 mit der 3G-Abschaltung zu beginnen, aber definitiv ist das noch nicht. Eher verschieben die Netzbetreiber einige 3G-Funkfrequenzen hin zu 4G (LTE), lassen aber ein 3G-Grundgerüst weiterlaufen.

GSM dürfte überhaupt noch länger bestehen, weil es für die Netzabdeckung für Telefonate und SMS nur schwer ersetzbar ist. Österreichische Mobilfunkkunden stellen ausnehmend hohe Ansprüche in Sachen Netzabdeckung, selbst im dritten Untergeschoß einer Garage in den Bergen. Daher ist GSM in dem Land ein Wettbewerbsfaktor.

GSM (ursprünglich "Groupe Spécial Mobile", später als "Global System for Mobile Communications" bekannt) ist der erste digitale Mobilfunkstandard. Die GSM-Netze (2G) folgten auf analoge Netze, die Mobilfunk zu hohen Preisen und oft nur in Ballungszentren ermöglichten. Das erste deutsche "Mobilfunknetz" kam 1958 online - neun Jahre nach dem ersten Radiovox-Dienst in der Schweiz. Gespräche wurden von Hand vermittelt, und mobil war das Ganze auch nur, wenn man die dicke Röhren-Funkanlage in den Kofferraum eines großen Autos einbaute. Mit gut 10.000 Teilnehmern war das A-Netz eine recht exklusive Veranstaltung.

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(Bild: Elena11/Shutterstock)

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Auch das B-Netz, immerhin schon für Selbstwähler, war kein Massenprodukt. Mobilfunk, wie wir ihn heute kennen, begann 1985 in der alten Bundesrepublik. Mit dem analogen C-Netz wurden die Autotelefone kleiner und halbwegs erschwinglich. Vor 30 Jahren, am 30. Juni 1991, wurde schließlich GSM mit (damals noch kreditkartengroßen) SIM-Karten eingeführt. Mit dem GSM-Netz wurde das Handy massentauglich.

In der Schweiz kam 1978 das nationale A-Netz, gefolgt von den analogen Netzen B (1983) und C (1987). GSM ging am 1. März 1993 online. Österreich hat das A-Netz der 1950er-Jahre übersprungen und am 5. Mai 1974 den "öffentlichen beweglichen Landfunkdienst" eingeführt - das B-Netz. Die Geräte kosteten gerne mehr, als das Auto, in dessen Kofferraum sie eingebaut wurden. Ende 1984 näherte sich das B-Netz mit 1770 Teilnehmern seinen Kapazitätsgrenzen.

Also folgte das C-Netz mit tragbaren "Handys", die auch schon mal 18 Kilo schwer sein durften. 1990 folgte ein weiteres analoges Netz (E-TACS genannt D-Netz) mit "Pocket-Telefonen". Im Oktober 1991 begann schließlich der interne Probebetrieb des GSM-Netzes der Post, zum kommerziellen Marktauftritt im Dezember 1993 versorgte das "E-Netz" mit 400 Basisstationen Wien samt Flughafen.

(ds)