Schwere Fehlfunktion: Russisches Forschungsmodul dreht ISS nach Andockmanöver

Das russische ISS-Modul Nauka hat an die ISS angedockt. Dann feuerte es aber plötzlich die Triebwerke und drehte die Station. Der Crew geht es gut.

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Das Modul Nauka vor dem Andockmanöver aus der Sicht der ISS-Crew

(Bild: Oleg Novitskiy)

Von
  • Martin Holland

Beim Andocken des russischen Forschungsmoduls Nauka an die Internationale Raumstation ISS hat es eine schwerwiegende Fehlfunktion gegeben: Während russische Kosmonauten mit Routinearbeiten nach dem Andockvorgang beschäftigt waren, hat das Modul unerwartet und selbstständig die Triebwerke gezündet und die Raumstation dadurch gedreht. Die Fluglage der ISS sei dadurch um ganze 45 Grad verändert worden, teilte die US-Weltraumagentur NASA mit. Teilweise automatisch ausgelöste Manöver der ISS-Triebwerke hätten aber rasch dagegen gesteuert, eine Weile haben die gegeneinander gedrückt. Schließlich wurde die Lage der Station aber wieder korrigiert. Für die Crew habe zu keiner Zeit eine Gefahr bestanden, versichert die NASA noch. Weitere Informationen sollen folgen.

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Das Forschungsmodul Nauka sollte ursprünglich bereits 2007 zur ISS fliegen, es ist das Schwestermodul des ersten ISS-Segments überhaupt – Sarja. Mit dem Bau des Moduls war sogar bereits 1995 begonnen worden. Der Start hatte sich aber immer wieder verzögert und schon seit Längerem hatte es Kritik gegeben, dass die Technik von Nauka längst überholt sei. Am 21. Juli war es schließlich gestartet worden, aber auch danach lief nicht alles rund: Ein erstes geplanten Manöver musste verschoben werden und auch das Andocken an die ISS verzögerte sich immer weiter. Schon da war ein Problem mit den Triebwerken verantwortlich. Für Nauka machte das russische Modul Pirs Platz, es wurde abgedockt und verglühte planmäßig in der Atmosphäre.

Was genau nun bei dem Andockmanöver schiefgelaufen ist, ist noch unklar. Es hat den Anschein, dass die Systeme von Nauka nach dem Andocken davon ausgegangen sind, dass das Manöver nicht abgeschlossen war und deswegen erneut die Triebwerke aktivierten. Erst die Verantwortlichen im russischen Kontrollzentrum können sie vollständig deaktivieren, hieß es in der Übertragung der NASA, daran werde aktuell gearbeitet. In Houston gab es unterdessen den Verdacht, dass während des unerwarteten Manövers etwas von der Station weggeflogen ist. Die Crew an Bord wurde gebeten, aus den Fenstern Ausschau zu halten und eventuell Fotos zu machen, berichtet NASA Spaceflight. Während Experten Zweifel äußern, dass man bereits ausschließen könne, dass für die Crew eine Gefahr bestanden hat, gibt es erste Hinweise darauf, dass der für Freitag geplante Flug von Boeings Starliner zur ISS nach den Ereignissen verschoben wird.

[Update 30.07.2021 – 06:40 Uhr] Wie bereits erwartet, hat die NASA mit Boeing kurz nach dem missglückten Andockmanöver den für Freitag angesetzten Start der Raumkapsel Starliner abgesagt. Die Verschiebung auf unbestimmte Zeit gebe dem Team auf der ISS genug Zeit, das neue Modul zu überprüfen und die Raumstation auf die Ankunft der unbemannten Kapsel von Boeing vorzubereiten. Zu dem unbeabsichtigten Feuern der Triebwerke hat Anatoly Zak von RussianSpaceWeb derweil noch erfahren, dass dabei der komplette Treibstoff von Nauka verbraucht wurde. Deshalb bestand keine Gefahr mehr, dass sich der Fehler wiederholt.

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(mho)