Postfächer werden im November gelöscht: Schwieriger De-Mail-Umzug der Telekom

Im August hat die Telekom ihren De-Mail-Dienst eingestellt, Ende November werden die Postfächer der Kunden gelöscht. Der Umzug gestaltet sich schwierig.

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De-Mail

(Bild: dpa, Jochen Lübke)

Von
  • Tim Gerber
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Eigentlich war man in Berlin vorgewarnt. Als Telekom-Chef Tim Höttges Anfang des Jahres öffentlich bekannt gab, dass sein Unternehmen ab Sommer keine Dienste nach dem De-Mail-Gesetz anbieten wolle, hatte es im Hintergrund bereits längst Gespräche zwischen dem Provider, seinen Wettbewerbern und dem zuständigen Bundesinnenministerium gegeben.

So wundert es, dass der Bund erst im August einen neuen Rahmenvertrag mit dem Provider FP Digital Business Solutions GmbH abgeschlossen hat und dessen Dienstleistungen den Behörden erst seit 18. August im Kaufhaus des Bundes angeboten werden. In einer Anleitung des neuen Providers zum automatisierten Umzug von De-Mail-Konten der Telekom heißt es, die Telekom werde ab Kalenderwoche 32, die am 8. August begann, ein Tool für die Übertragung ganzer Postfächer zur Verfügung stellen.

Privatanwender haben auf dieses Tool allerdings keinen Zugriff. Ihnen bleibt ein Werkzeug zum Export von De-Mails im mbox-Format, das auf maximal zehn Mails gleichzeitig beschränkt ist. Anders als aufgrund der Ankündigungen erwartet, hat die Telekom diese Einschränkung bis heute nicht aufgehoben. Stattdessen hat sie zum 1. September ein neues Tool zur Sicherung des gesamten Postfaches eingeführt. Dabei kann man entweder einzelne zu sichernde E-Mails auswählen oder das ganze Postfach sichern.

Allerdings sichert dieses Tool die Ordnerstruktur nicht und generiert ein wenig praktikables ZIP-Archiv mit einer – kryptisch benannten – EML-Datei pro Mail. Ob man damit irgendwas anfangen kann, hängt vom eigenen Mailclient ab. Für Thunderbird kann das Add-on "ImportExportTools NG" die Mails immerhin in einen lokalen Ordner des Mailclients importieren, was die neue Sortierung und Archivierung ermöglicht.

Die Telekom bietet Privatkunden ein denkbar spartanisches Tool, um ihr De-Mail-Postfach zu sichern. Anwender, die die Mails weiterverwenden müssen, erwartet einiges an Nacharbeit.

Großkunden vom Kaliber einer Bundesregierung dürften von den Providern deutlich mehr Unterstützung erhalten. Dennoch ist es vielen Ministerien und auch dem Bundeskanzleramt bis heute nicht gelungen, ihre kontinuierliche Erreichbarkeit per De-Mail sicherzustellen. Abgesehen von der recht späten Bereitstellung der Dienste des neuen Providers durch das Innenministerium (BMI) haben sich viele Ministerien darum offenbar schlicht nicht rechtzeitig gekümmert. Dabei sind sie nach wie vor gesetzlich verpflichtet, jederzeit einen Zugang per De-Mail zu gewähren.

Weder Außenministerin Annalena Baerbock (Grüne) noch Digitalminister Volker Wissing (FDP) war es offenbar wichtig genug, wie gesetzlich vorgeschrieben digital erreichbar zu sein. Auf den Webseiten von Auswärtigem Amt, Bundesjustizministerium (BMJ) und manch anderer Behörde sind die De-Mail-Adressen zudem mit einem mailto-Link versehen, sodass sich bei einem Klick darauf der für De-Mails ungeeignete E-Mail-Client des Anwenders öffnet. Ein Ausweis von Digitalkompetenz ist das nicht.

Auf der Webseite des BMJ hatte man die De-Mail-Adresse nach dem Regierungswechsel und der Umbenennung des Ministeriums einfach von poststelle@bmjv.de-mail.de in poststelle@bmj.de-mail.de geändert, ohne beim Provider tatsächlich eine solche Adresse eingerichtet zu haben. Aufgrund von c’t-Recherchen wurde das geändert. Die alte Adresse ist zwar noch immer gültig, aber nicht erreichbar, weil sie noch immer bei der Telekom und nicht bei FP Digital gehostet wird.

Wissings Digitalministerium hat die De-Mail-Adresse immerhin aufgrund der Stilllegung durch die Telekom auch von der Webseite genommen. Auf Anfrage von c’t ließ ein Ministeriumssprecher wissen, dass zwar eine gesetzliche Pflicht zur Erreichbarkeit bestehe, die De-Mail aber nur von sehr wenigen Bürgern tatsächlich genutzt werde, um die Behörde zu kontaktieren.

Dass Bürger mehr Korrespondenz mit Wohngeldbehörden oder privaten Versicherungen und Banken, Energieversorgung und Telekommunikationsunternehmen pflegen als mit Kanzleramt und Bundesministerien, scheint die Regierung unberührt zu lassen. Dabei ist die De-Mail bislang die einzige für jedermann zugängliche Möglichkeit, in Verwaltungsverfahren die Schriftform elektronisch zu ersetzen und vom Empfänger einen elektronischen Zugangsnachweis zu erhalten, der per Gesetz gerichtsfest ist.

Pläne, die De-Mail-Pflicht über den Bereich der Bundesverwaltung hinaus auszuweiten, gäbe es derzeit nicht, hieß es aus dem BMI. Bevor man die De-Mail wie Telekom-Chef Höttges als "toten Gaul" bezeichnet, müsste er erst einmal geritten werden.

Das De-Mail-Postfach von Bundeskanzler Olaf Scholz bleibt durch den Ausstieg der Telekom Ende August bis auf Weiteres geschlossen.
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(tig)