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Selbstgemacht: Belichtung manuell messen

Auch die raffinierteste Automatik fällt manchmal auf die Nase, wenn die Lichtsituation vom Üblichen abweicht. Dann hilft nur der manuelle Eingriff mit dem Belichtungsmesser – der, weil eingebaut, bei Spiegelreflexkameras kostenlos mitgeliefert wird.

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Hand-Belichtungsmesser auf einer Graukarte

Das Grundwissen über die korrekte Belichtung können Sie – zumindest teilweise – auch beim Umgang mit voll- oder halbautomatischen Belichtungsprogrammen nutzen. Die Themen der drei ersten Kapitel – Wechselspiel: Zeit und Blende, Von Brennweiten und Formaten sowie Belichtungshelfer: Histogramme richtig anwenden – betrafen ausschließlich die Aufnahmetechnik, an den entsprechenden Einflüssen auf das Foto läßt sich im Nachhinein nichts Grundsätzliches mehr ändern. Auch wenn man durch selektives Schärfen oder das Wegrechnen von Bewegungsunschärfe noch ein wenig daran manipulieren kann, von Montagen aus mehreren Fotos einmal abgesehen.

Mit der Belichtung betreten wir einen Zwischenbereich. Sie bestimmt durch die korrekte Kombination von Parametern wie Zeit, Blende und eingestellter Empfindlichkeit bei der Aufnahme, dass ein Foto nicht zu hell und nicht zu dunkel ausfällt, und dass insbesondere in den Lichtern und Schatten ausreichend Zeichnung vorhanden ist, soweit diese Bereiche "bildwichtig" sind. Der Bildeindruck, insbesondere der Mitteltöne, kann aber in relativ großem Umfang noch bei der Nachbearbeitung beeinflusst werden. Es kann zum Beispiel sein, dass eine Belichtung, die zu einer schönen Durchzeichnung des Himmels führt, die Landschaft im Vordergrund zu düster wiedergibt, was sich meistens gut nach der Aufnahme korrigieren läßt. Diese und die nächste Folge (Lieber RAW – Rohkost für Feinschmecker) handeln also von "Belichtung und Entwicklung" – oder, um es etwas "digitalgerechter" zu formulieren, von "Belichtung und Ausarbeitung" eines Fotos.

Ganz zu Anfang des Zeitalters der Fotografie war die richtige Belichtung eine Sache von Versuch, Irrtum und Erfahrung. Später gab es "Belichtungsmesser", also Geräte, mit denen man die Beleuchtungssituation eines Motivs messen und in die für die Belichtung in der Kamera erforderlichen Parameter umrechnen konnte. Siehe den Lunasix-Belichtungsmesser von Gossen im Hintergrund der Grafik. Dazu musste man den gemessenen Wert (Zeigerausschlag 17 im Bild, entsprechend 11.000 Lux) auf zueinander verstellbaren Skalen zusammen mit der Empfindlichkeit des eingelegten Filmes (DIN oder ASA, letzteres entspricht zahlenmäßig den heutigen ISO-Angaben) einstellen. Dann konnte man eine Anzahl von zueinander passenden Zeit- und Blendenkombinationen ablesen und eine davon an der Kamera einstellen. Im Bild bei ISO 100 beispielsweise Blende 8 bei 1/60 oder Blende 5,6 bei 1/125.

Früher war nicht alles besser: Der Tageslichtfilm hat im Kerzenlicht trotz Filterung nur braun-rötliche Farbtöne übrigbehalten. Die Belichtungsmessung erfolgte damals mit einem Handbelichtungsmesser und richtete sich nach dem Gesicht.

Mit Belichtungsmessern kann man entweder das aus Richtung der Aufnahme (also von da, wo die Kamera steht) einfallende Licht messen: Für die sogenannte Lichtmessung ist die weiße Messkalotte (Halbkugel) zuständig, die Sie links im obigen Bild in der Mitte der Vorderfront des Belichtungsmessers sehen. Man misst dabei vom Motiv aus in Richtung Kamera. Um eine Objektmessung auszuführen, schiebt man die Kalotte beiseite und misst von der Kamera aus in Richtung Motiv – eventuell auch ganz aus der Nähe gezielt auf verschiedene Motivteile, um deren Helligkeit im einzelnen zu erfassen. Der Lichtmessung entspricht es auch, wenn man eine Graukarte anmisst, die man vorübergehend im Motivbereich platziert – das geht auch mit dem Belichtungsmesser in der Kamera. Als theoretisches und praktisches Hilfsmittel zur Bewältigung der belichtungstechnischen Probleme ist besonders das Zonensystem (meist mit Ansel Adams in Verbindung gebracht) bekannt.

Schließlich wurden Belichtungsmesser in die Kameras eingebaut: Zunächst musste man den Ausschlag eines Zeigers mit einer Kelle zur Deckung bringen, indem man an verschiedenen Einstellern die Filmempfinglichkeit (an der Kamera), die Zeit (wiederum an der Kamera) und die Blende (am Objektiv) über entsprechende Drehringe einstellte. Im Laufe der Zeit lernten die Kameras dann immer mehr, automatisch die "richtige" Belichtung zu ermitteln und sich selbst entsprechend einzustellen. Heute sind die in einer digitalen Spiegelreflexkamera vorhandenen Werkzeuge zur "Belichtungsmessung durch das Objektiv" (TTL-Messung oder through the lens) nahezu perfekt. Besonders präzise ist die Spotmessung (siehe weiter unten) und das auf dem Kameradisplay neben der erfolgten Aufnahme angezeigte Histogramm: Es gibt Luminanzhistogramme, die nur die Helligkeit wiedergeben, Farbhistogramme, welche die Intensität der drei Farbkomponenten R(ot), G(rün) und B(lau) darstellen, und kanalweise Histogramme, die nur die Werteverteilung in einem Kanal anzeigen. Einige Kameras zeigen sogar schon vor der Aufnahme bei eingeschalteter Livebildvorschau ein eingeblendetes Histogramm, so ähnlich wie in den Fotomontagen in diesem Artikel. Dazu kommt eine simple Skala, die Unter- oder Überbelichtung in Blendenstufen anzeigt.

Die Beispiele in Histogramme richtig deuten veranschaulichen, was die Histogramme aussagen, die moderne Kameras wahlweise nach der Aufnahme anzeigen. Manche DSLRs stellen sogar schon vor der Aufnahme ein Histogramm dar, das in die Live-Preview eingeblendet wird – also in die Vorschau vor der eigentlichen Aufnahme. Experimentieren Sie mit den Histogrammen! Versetzte, aber in der Form gleichartige Rot-, Grün- und Blau-Zacken in RGB-Histogrammen deuten auf farbige Flächen hin – wie beispielsweise bei dem blassblauen Himmel in den Aufnahmen vom Tegernsee zu Beginn des letzten Beitrags oder auf einen nicht neutralen Weißabgleich wie in den Nebelaufnahmen. Nutzen Sie bei der Aufnahme vor allem den rechten Bereich des Histogramms (also die Lichter) gut aus, möglichst aber ohne "Anschneiden" der Werte. Links, in den Schatten, dürfen sie eher Luft lassen (freie Bereiche) oder auch ein Anschneiden der "Histogrammhügel" in Kauf nehmen.

Spiegelreflexkameras bieten – neben zahlreichen Programmmodi – bis zu vier verschiedene Messmethoden alleine für die Belichtung: Mehrfeldmessung, Mittenbetont integral, Selektivmessung und bei den besseren Modellen noch Spotmessung – letztere ist die beste, um präzise "manuell" belichten zu können, Selektivmessung wäre die zweite Wahl. In der Bilderreihe sind die jeweiligen Messbereiche hell dargestellt, das dunkle Umfeld wird nicht berücksichtigt bzw. – bei mittenbetont integral – nur abgeschwächt in die Messung einbezogen. Bitte suchen Sie in der Gebrauchsanleitung Ihrer Kamera die Hinweise zu den Messmethoden und vergleichen Sie die Schemata mit den hier gezeigten Abbildungen.

Die drei Bilder (siehe Bilderstrecke) illustrieren die ungefähr bei Spotmessung, Selektivmessung und mittenbetonter Integralmessung über den Sucher angemessenen Bereiche. Die aus den hell hervorgehobenen Bereichen erstellten lokalen Histogramme zeigen, wie unterschiedlich die erfassten Tonwerte ausfallen. Der Blick auf einen kleinen See weist genau in der Bildmitte einen besonders hellen Bereich auf: Die Spiegelung des bewölkten Himmels im Wasser. Beim nächsten Beispiel "Skigebiet Sudelfeld" ist es genau umgekehrt – in der Bildmitte befindet sich der dunkelste Bereich, und unten im Vordergrund der hellste, der Himmel ist dagegen kaum mehr als "mittelgrau", von der Helligkeit her gesehen!

Blick auf das Skigebiet Sudelfeld: Schnee in der Sonne, winterliche Bäume im Schatten, Himmel, dunstige Bergrücken in der Ferne ... die Vollautomatische Belichtung mit einer Canon EOS 50D ergibt ein Bild, in dem der Himmel gut durchgezeichnet, das Schneefeld aber leicht überbelichtet ist. 1/320 s bei f/6,3 = LW 13,63 (ca. 13 2/3).

Das erste Foto, mit Vollautomatik aufgenommen, zeigt im Schneefeld eine leichte Überbelichtung, während der Himmel im Hintergrund recht schön durchzeichnet. Ursache für die Überbelichtung ist der dunkle Bereich in Bildmitte. Automatiken sind auf das Verhalten von fotografischen Laien ausgelegt, die meistens mit dem Mittelpunkt des Sucherbildes auf das zielen, was sie eigentlich fotografieren wollen. Das führt dann zu Portraits, bei welchen die Gesichter der Personen in der Bildmitte liegen, darüber ist viel nutzloser Himmel und unten ist der Körper irgendwo abgeschnitten. Wichtig ist es aber, dass das Gesicht im fertigen Foto, wie es als JPEG aus der Kamera kommt, weder zu dunkel oder zu hell erscheint. Eine Nachbearbeitung ist unerwünscht. Beim Aufnehmen im RAW-Format haben Sie sehr viel mehr Freiheiten, ohne Qualitätsverlust nachträglich Tonwertverschiebungen vorzunehmen. Gleichzeitig nutzen Sie die gezielte Belichtung dazu, möglichst alle Motivdetails in den Bereich zu legen, den der Sensor kontrastmäßig auflösen kann. Sie haben also die bestmögliche Schatten- und Lichterzeichnung vorab gesichert, die schönste Bildwirkung wird – falls erforderlich – nachträglich eingestellt.

Mit "Programmautomatik" und der auch in der Vollautomatik wirksamen Mehrfehldmessung entstand ohne Eingriff seitens des Fotografen ein stark überbelichtetes Bild, das erst nach einer Korrektur (bei der Aufnahme!) um -1 EV aktzeptabel wird. Dabei wurde hier derselbe Belichtungsmodus "Mehrfeldmessung" eingestellt, den ausweislich der Aufnahmedaten auch die Vollautomatik verwendet. Offenbar setzt diese noch zusätzliche Heuristiken ein, die hier zwar ziemlich gut gearbeitet haben, für den Fotografen aber nicht durchschaubar sind.

Wie voriges Bild, aber im "P(rogramm)-Modus" mit Matrixmessung. Ergibt seltsamerweise eine starke Überbelichtung (obwohl die Automatik auch mit Mehrfeld- resp. Matrixmessung arbeitet): 1/500 s bei f/4,0 = LW 12,97 (praktisch LW 13).

Wenn die Automatik ein Bild perfekt belichtet, brauchen Sie nichts weiter zu machen. Wenn das Bild aber anscheinend über- oder unterbelichtet wird, müssen Sie eine Korrektur anwenden – oder eine andere Messmethode einstellen. Dabei führt aber die gewünschte Bildwirkung im Mittenbereich leicht zum Überstrahlen von Lichtern oder Absaufen von Schatten. Experten sagen: Es kostet weniger Zeit, die richtige Belichtung von Hand festzulegen und eventell ein- oder zweimal zu korrigieren, als herauszufinden, welches automatische Programm von selbst korrekt belichtet. Und wenn Sie eine Korrektur einstellen müssen (die abzustellen man leicht vergisst), bedeutet dies mindestens den gleichen Aufwand wie eine Belichtungsmessung "von Hand". Es ist viel einfacher, die Grenzen des Motivs auszumessen, als für eine automatische Messmethode die notwendige Korrektur zu bestimmen.

Die sich aus den verschiedenen Belichtungsmethoden ergebenden Zeit-Blendenkombinationen sind recht unübersichtlich zu deuten – einfacher ist es, wenn man nach der Formel EV bzw. LW = Ld (Blendenzahl²/Belichtungszeit) den Lichtwert berechnet (siehe Artikel Wechselspiel Zeit und Blende, Seite 3). Ld ist der Logarithmus zur Basis 2. Wenn dieser auf Ihrem Taschenrechner nicht direkt verfügbar ist, berechnen Sie den natürlichen Logarithmus ln und dividieren das Ergebnis durch ln (2) = 0,69314.

Zeit- und Blendenkombinationen mit gleichem Belichtungswert
LW 13 LW 14 LW 15
Zeit 1/sec Blende f/x Zeit 1/sec Blende f/x Zeit 1/sec Blende f/x
1 90 - - - -
2 64 2 90 4 90
4 45 4 64 8 64
8 32 8 45 16 45
15 22 15 32 30 32
30 16 30 22 60 22
60 11 60 16 125 16
125 8 125 11 250 11
250 5,6 250 8 500 8
500 4 500 5,6 1000 5,6
1000 2,8 1000 4 2000 4
2000 2 2000 2,8 4000 2,8
4000 1,4 4000 2 8000 2
8000 1 8000 1,4 - -

Siehe hierzu auch die detailliertere Tabelle mit Drittelblendenstufen im Bereich von -4 EV bis +4 EV auf Prioritäten setzen: Mehr Lichterzeichnung aus Digitalfotos herausholen.

Sie brauchen aber nicht mit dem Taschenrechner herumzulaufen: Am besten prägen Sie sich die gängigen (zum Teil gerundeten) typischen Werte ganzer Lichtwertstufen für Zeit und Blende ein, die in der nebenstehenden Tabelle gegenläufig aufgelistet sind. Bei den Zeiten bedeutet eine Blendenstufe ist immer eine Verdoppelung oder Halbierung. Allerdings sind die gängigen Werte "historisch" ab 1/15 auf Vielfache von 5 oder 25 gerundet. Die Reihe der ganzen Blendenzahlen 1, 1,4, 2,0, 2,8, 4, 5,6, 8, 11, 16, 22, 32 sollte man aber wirklich auswendig lernen. Notfalls hilft die Kamera, indem man beim Verstellen die Stufen zählt bzw. Werte gegenläufig verstellt, so dass die relative EV-Anzeige gleich bleibt, oder man verstellt ein Zahlenpaar im P-Modus gegenläufig.

Nun gilt: Wenn die Messung eine um einen Lichtwert höheren Betrag ausmacht, so entspricht dies einer um einen Lichtwert oder eine "Blendenstufe" geringeren Belichtung. Denn man muss ja das hellere Motiv durch verringerte Belichtung korrigieren. Beispiel: Man stellt 1/125 bei Blende 8 ein, das entspricht ungefährt Lichtwert 13. Bei 1/60 und Blende 8, also der doppelten Belichtungszeit, entspräche dies einem Lichtwert von etwa 12, und bei 1/250 und Blende 8 ungefähr LW 14. Wenn die Szenerie aber in Wahrheit immer gleich hell beleuchtet ist, wird mit der 1/60 s um eine Blendenstufe überbelichtet, mit 1/250 aber um eine Blendenstufe unterbelichtet.

Im Gegenzug bedeuten die Wertepaare (bei fester ISO-Einstellung) 1/60 bei f/11, 1/125 bei f/8, 1/250 bei f/5,6 oder 1/500 bei f/4,0 immer den gleichen Lichtwert von rund 13. Dabei kann man Abweichungen von weniger als einer Drittel Blendenstufe vernachlässigen, da sie sich im Foto praktisch nicht bemerkbar machen.

Wenn die Kamera bei einer bestimmten Einstellung von Zeit- und Blendenwerten bei einem vorgegebenen ISO-Wert im Sucher "0 EV" anzeigt, also dies hier zu sehen ist:

So oder so ähnlich sieht die Belichtungsmesseranzeige im Sucher oder auf dem Display der Kamera aus. Steht der unten abgebildete "Zeiger" in der Mitte bei dem zentralen Dreieck, so liest man das als "+/- 0 EV" - oder "mittlere Belichtung für ein 18prozentiges Grau".

dann bedeutet das: Die angemessene Stelle im Motiv wird als mittleres Grau wiedergegeben, falls sie eine einheitliche Helligkeit aufweist. Oder auch: Die im Messbereich enthaltenen Helligkeitswerte gleichen sich so aus, dass im Mittel eine ausgewogene Belichtung entsteht (was aber nicht garantiert, dass darin nicht Spitzlichter oder kleinflächige dunkle Schatten ohne Zeichnung vorkommen). Jede Abweichung nach links in Richtung Minus bedeutet "Unterbelichtung" bzw. dunkler als mittleres Grau, jede Abweichung nach rechts: heller als mittleres Grau. Die Punkte zwischen den Zahlenwerten stehen für 1/3-Blendenstufe. Misst man ein und dieselbe Stelle im Motiv per Spot-Messung an und verstellt eine (!) der drei Größen Zeit, Blende oder ISO, so zeigt der Zeiger durch seinen nach links oder rechts wandernden Ausschlag an, um wie viel dieser Motivbereich unter- oder überbelichtet wird.Wo diese Werte helligkeitsmäßig im endgültigen Bild liegen, kann man im Nachhinein noch in weiten Grenzen beeinflussen – aber das ist das Thema der nächsten Folge (Lieber Raw – Rohkost für Feinschmecker).

Steht der Zeiger ganz rechts unter der 2 (+2 EV), so bedeutet dies "helle Lichter, die gerade noch zeichnen". Manchmal sollte man den Messwert in Lichtern noch etwas tiefer halten, etwa bei +1,6EV (zwei Teilstriche über +1EV), da selbst mit dem Spot-Messfeld, mehr noch mit dem breiteren selektiven Messfeld anvisierte Bildteile häufig noch in sich eine Differenzierung, also hellere und dunklere Details, enthalten, von denen dann einzelne noch überbelichtet erscheinen können. Werden dadurch andere Bildteile zu dunkel, korrigieren wir dies später bei der Raw-Entwicklung.

Steht der Zeiger ganz links bei -2, so sind dies ziemlich dunkle Bereiche, die noch gut Zeichnung aufweisen und mindestens noch einmal zwei Lichtwerte Reserve nach unten (bis ca. -6 EV) haben.

Leider reicht die im Sucher oder auf dem Display angezeigte Skala der Belichtungsmesswerte üblicherweise nur von -2EV bis +2EV, wenn man aber davon ausgeht, dass der Spielraum der Kameras im positiven Bereich kaum über + 2EV hinausgeht (allenfalls bis +2,5EV, bei besonders toleranten Modellen bis +3EV), man zusätzlich die blinkende Überbelichtungs-Warnanzeige des Zeigers sowie blinkende Bildbereiche im aufgenommenen Foto auf dem Display und das Histogramm auswerten kann, dann kommt man damit recht gut zurecht. Das Histogramm zeigt dagegen einen breiteren Bereich von ca. -6 EV bis + 3 EV an.

Bilderstrecke: Die von Hand ausgemessene Aufnahme fällt deutlich besser aus als die Ergebnisse automatischer Messungen. Sie zieht die Belichtung um ca. 0,3 EV-Stufen gegenüber der Vollautomatik und gegenüber der P-Matrixmessung um eine ganze Blendenstufe nach unten. Messen Sie einmal "vorsätzlich" bei einem entsprechenden Motiv mit der Spotmessung auf sehr helle oder sehr dunkle Bereiche, dann erhalten Sie Ergebnisse wie auf den zwei nächsten Beispielen. Die demonstrieren die typischen Fehlbelichtungen, die man manchmal mit Belichtungsautomatiken erhält.

Bei der "Handbelichtung" habe ich vor Ort notiert, welche relativen EV-Werte die Kamera (EOS 50D) mit Spotmessung in verschiedenen Motivbereichen angezeigt hat.

Messung auf das Schneefeld im Vordergrund - Anzeige +2 EV (also zwei Lichtwerte Überbelichtung) bei 1/640 und f/5,0.

Hier wurde auf den besonnten Schnee im Vordergrund gemessen. Man stellt mit dem Spot-Messkreis rasch fest, dass dies der hellste Bereich im Motiv ist, und dass er deutlich heller ist als der Himmel (nächstes Bild), eine für Schneelandschaften typische Situation bei Sonnenlicht von hinten oder schräg hinten. Bei Vorwahl einer Blende von f/5,0 und Belichtungszeit von 1/640 bei ISO 100 ging hier der Zeiger auf +2EV, blinkte aber noch nicht. Oder anders formuliert: Anders als die Automatik stellen wir hier bewußt die Belichtung so ein, dass der Messzeiger die maximal zulässige "Überbelichtung" (oder auch "Lichtermessung") anzeigt, die noch nicht zum Verlust von Zeichnung führt, nachdem wir festgestellt haben, dass das Schneefeld der hellste Bereich im Motiv ist, aber bildwichtig – denn es ist ja der Vordergrund, auf dem sich das Publikum bewegt.

Die Messung auf den Himmel, der in diesem Bild nicht den hellsten Motivbereich darstellt, ergibt nur ein leichtes Plus von +0,6 EV. 1/640 s bei f/5,0; LW 13,97

Läßt man die genannten Belichtungseinstellungen, also 1/640 s bei Blende 5,0 und ISO 100 unverändert, misst aber mit dem Spot-Messkreis (symbolisiert durch den gestrichelten Kreis im Bild) den Himmel an, beträgt der Zeigerausschlag nur noch +0,6 EV. Meistens ist der Himmel, besonders wenn er sonnenbeschienene Wolken enthält, der hellste Bereich im Motiv – hier ist es anders. Auf jeden Fall kann man bei dieser Belichtung erwarten, dass das Blau des Himmels und die leichten Schleicherwolken gut durchgezeichnet werden.

Die Messung auf die dunstige Bergwand im Hintergrund ergibt einen Belichtungswert von 0 EV. Der zugehörige Histogrammbalken ist etwas links der Mitte (mittleres Grau bei 116) zu sehen.

Eine Kontrollmessung auf das im Dunst liegende Bermassiv ganz im Hintergrund ergibt einen Lichtwert von 0 EV. Zufällig könnte dieses Bergmassiv also als "Graukarte" in der Landschaft dienen. Allerdings ist es nicht neutralgrau, sondern etwas bläulich, was man hier nicht erkennt, da das Teilhistogramm auf Luminanz (nur Helligkeitswert) eingestellt ist. Ohnehin würde man für den Weißabgleich eher die Schneeflächen heranziehen.

Nun eine Messung in die "Schatten", die dunkelste Partie im Motiv besteht hier aus den winterbraunen Bäumen in der Mitte, die tatsächlich im Schatten des rechten Hanges liegen. Der Wert von -1,6 EV besagt, dass hier noch reichlich Reserven für die Schattendurchzeichnung vorhanden sind. In der Praxis kann es vorkommen, dass dunkle Motivteile unter -2 EV liegen und womöglich gar die Anzeige zu blinken beginnt (Unterbelichtungswarnung). Dann muss man sich entscheiden, ob man lieber auf eine perfekte Schattenzeichnung verzichten will oder ein Überstrahlen von Lichtern in Kauf nehmen.

Messung in die winterbraune Baumgruppe im Schatten. Das Luminanzhistogramm zeigt einen schmalen Balken am linken Ende der Skala, die Messwertanzeige im Sucher betrug -1,6 EV.

Allerdings ist der Spielraum in den Schattenbereichen größer als in den Lichtern, er reicht etwa bis -6 EV, was die Skala der Belichtungsmessung im Sucher leider nicht mehr anzeigt. Würde man die Belichtung um zwei Blendenstufen erhöhen (z. B. die Zeit auf das vierfache verlängern, also in diesem Fall von 1/640 auf 1/160), so würde man bei -6 EV eine Anzeige von -2 EV erhalten. So eine dunkle Partie kommt aber in diesem Motiv gar nicht vor, man kann sich also ganz darauf konzentrieren, die hellsten Stellen ("Lichter") gut zu belichten. Auf diese Weise kann man aber prüfen, wie stark die Unterbelichtung in den Schatten ausfällt. Und wenn Sie es genau wissen wollen, testen Sie ihre Kamera einmal dahingehend aus.

Wenn sich eine Kante zwischen hellsten und dunkelsten Motivbereichen findet, kann eine hälftige Messung darauf auch zu einem geeigneten Belichtungswert führen. Hier "integriert" auch die Spotmessung die beiden Balken im Histogramm zu einem Mittelwert.

Entscheidend für den Erfolg einer Aufnahme ist es, den Kontrastumfang des Motivs so in den Aufnahmebereich des Sensors abzubilden, dass möglichst nichts verlorengeht. Es sollen also keine Lichter abgeschnitten werden und keine Schatten "absaufen". Ideal ist es, wenn man bei der Aufnahme ein Histogramm erhält, das Lichter, Schatten und Mitten über den gesamten Bereich verteilt anzeigt, aber die Hügel an den Rändern nicht abschneidet. Bei vielen Motiven reicht der Belichtungsspielraum moderner Digitalkameras, insbesondere aus dem Lager der digitalen Spiegelreflexkameras, dafür ohne weiteres aus. In diesem Falle ist es im Prinzip einfach, die hellsten und dunkelsten Stellen im Motiv zu bestimmen und die Belichtung so zu steuern, dass diese innerhalb des Aufnahmebereichs liegen.

Bei Motiven mit geringem Kontrastumfang sollte vor allem der rechte ("helle") Histogrammbereich "gefüllt" sein. Vor allem die Spot-Messung ist, richtig angewendet, sehr präzise und zuverlässig. Und im Zweifelsfalle macht man – wenn es die Umstände erlauben – eine Belichtungsreihe mit mehreren Einstellungen, die beispielsweise um je eine und zwei Blendenstufen reichlicher oder knapper belichtet sind.

Schwierigen Spezialfällen wie Nachtaufnahmen, Feuerwerk oder auch der abendliche Jahrmarkt ist aber oft nur mit einer gezielten Nachbearbeitung beizukommen, auf die wir aus Platzgründen im nächsten Kapitel über die Raw-Entwicklung eingehen.

Bisher sind in dieser Reihe erschienen: (cm)