Selfitis: Wie Google versucht, Selfies weniger schädlich zu machen

70 Prozent aller Handyfotos sind Selfies. Oft machen sie unglücklich. Google hat vier Richtlinien, mit denen es Usern besser gehen soll.

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(Bild: Google)

Von
  • Daniel AJ Sokolov
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Bei mehr als 70 Prozent aller Fotos, die mit Handys mit Betriebssystem Android 9 und 10 gemacht werden, kommt nicht die Hauptkamera sondern die Frontkamera zum Einsatz. Daraus lässt sich schließen, dass mindestens 70 Prozent aller Handyfotos Selbstporträts vulgo Selfies sind. Bereits 2016, zum ersten Geburtstag Googles Photos', waren dort 24 Milliarden Selfies gespeichert. Gleichzeitig sagt uns die Forschung, dass Selbstporträts tendenziell unglücklich machen. Google versucht, mit vier Grundsätzen gegenzusteuern.

Zu viele Nutzer sind mit ihren Selfies unzufrieden, bei jüngeren Usern kommt noch Bullying unter dem Vorwand vermeintlich unästhetischer Aufnahmen hinzu. Beides wirkt sich abträglich auf das seelische Wohlbefinden aus. In den USA berichten immer mehr Plastische Gesichtschirurgen von Patienten, die ihren Selfie-Look chirurgisch verbessern lassen möchten. Letztes Jahr hatten bereits 72 Prozent der befragten US-Chirurgen solche Patienten. Auch in Asien gibt es immer mehr Gesichtsoperationen, die nicht medizinisch veranlasst sind.

Automatische Bildbearbeitungen, auch Filter genannt, sind bei Smartphone-Kameras alltäglich. Sie holen erstaunliche Bilder aus winzigen Objektiven und Sensorchips heraus. Viele Hersteller versuchen dabei, Selfies automatisch zu erkennen und das Foto sofort einem Schönheitsideal näherzubringen. Auch das kann die negative Selbsteinstellung der User nicht verhindern, sondern sie nur teilweise reduzieren. Langfristig ist zu befürchten, dass automatische Bearbeitungen zu falschen Vorstellungen führen und Fotofilter so das Selbstwergefühl schmälern.

Um dem entgegenzuwirken, hat Google vier Grundsätze entwickelt: Empowerment (dem Nutzer Entscheidungsgewalt geben), Awareness (den User ins Bild setzen), Controll (dem User Kontrolle geben) und Adaptability (Anpassungsfähigkeit). Primäres Ziel ist, positive Selbsteinstellung zu unterstützen.

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Der erste Schritt ist, automatische Bearbeitung von Gesichtern abzuschalten: "Wie können wir Usern dabei helfen, über ihr Selbstbild zu denken?", erklärte Maggie Stenphill, die sich bei Google mit Digitalem Wohlbefinden befasst, ihren Ansatz gegenüber heise online, "Gesichtsbearbeitungsfunktionen sollten etwas sein, dass der User aktiviert. Andernfalls vermittelt es die Botschaft, dass die Nutzer ihr Aussehen ändern sollten."

Dieses User Interface Googles spricht nicht länger von "Verschönerung" sondern wertneutral von "Retouche". Ähnlich werden die Stärken als "subtil" und "weich" bezeichnet.

(Bild: Google)

Der zweite Schritt ist, die genutzten Begriffe und Logos neutral zu gestalten. Schließlich wären Begriffe wie "Verbesserung" oder "Verschönerung" ein Hinweis darauf, dass etwas mit dem echten Gesicht nicht stimme. Begriffe wie "hoch" und "niedrig" sollen durch Ziffern ersetzt werden, Glitzerlogos durch Darstellungen neutralerer Bearbeitungsgeräte ersetzt werden.

An dritter Stelle steht Transparenz, also beispielsweise deutlich einzublenden, wann Filter mitmischen. Das gleitet über in die vierte Maßnahme, nämlich Information zu vermitteln und Bewusstsein zu schaffen. Selbst umsetzen möchte Google seine Vorgaben in den Kamera-Apps seiner Pixel-Smartphoneserie sowie bei der Bildbearbeitung Google Photos'. Als positives Beispiel nennt Google Snapchat, das ebenfalls Googles Empfehlungen folgt.