Spammer-Nazi in Kanada erschossen

Einer der berüchtigsten Spammer ist tot. Nach über einem Jahrzehnt auf der Flucht wurde der Nazi 2017 erschossen, aber erst jetzt identifiziert.

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Howe Sound

Howe Sound, Britisch-Kolumbien. Unweit dieser Bucht wurde die Leiche in einem ausgebrannten SUV gefunden.

(Bild: Daniel AJ Sokolov)

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  • Daniel AJ Sokolov

Davis Wolfgang Hawke, US-amerikanischer Nazi jüdischer Abstammung, ist tot. Der Mann war Anfang des Jahrtausends einer der größten Spammer der Welt, bis ihn AOL deswegen im Jahr 2004 verklagte. Anstatt sich dem Prozess zu stellen, tauchte der Spammer unter. 2017 wurde er erschossen, doch erst jetzt konnten Ermittler seine Leiche identifizieren.

Im Juni 2017 war die Leiche in einem ausgebrannten Fahrzeug auf einer Forststraße nahe der Küstenstadt Squamish in Britisch-Kolumbien gefunden worden. In der Gegend war der Tote als "Jesse James" für Klettern bekannt gewesen. Weil Hawke unter falschem Namen lebte, dauerte es mehr als drei Jahre bis seine Identität geklärt wurde. Die Mordermittler der könglich-kanadischen berittenen Polizei (RCMP), die in dem Fall ermitteln, ersuchen um Hinweise. Angaben zu möglichen Tatmotiven oder Verdächtigen hat die Polizei bislang nicht gemacht.

Jugendfoto des jüdischen SS-Fans

Hawke, der 1978 als Andrew Britt Greenbaum geboren worden war, wechselte häufig seine Namen. Als Bo Decker verkaufte er beispielsweise Nazi-Devotionalien und Mitgliedschaften in rassistischen Organisationen. Als Walter Smith oder David A. Wallace spielte er auf hohem Niveau Schach. Vor anderthalb Jahrzehnten war Hawke eines der prominentesten Mitglieder des Bodensatzes des Internet. Als Spammer via E-Mail und Telefon nutzte er eine Reihe weiterer Namen.

Dabei scheffelte er Geld mit betrügerischen "Produkten" wie bestenfalls wirkungslosen Präparaten für Penisvergrößerungen namens Pinacle, angeblichem Kräuter-Viagra oder Wachstumshormonen. Auch mit Versprechungen wie Kfz-Garantieverlängerungen, Zugang zu Regierungssubventionen oder e-Bay-Erfolgsgeheimnissen wusste Hawke sich zu bereichern. Damals behauptete er, das mit Spam gemachte Vermögen in Edelmetall angelegt und selbiges vergraben zu haben.

2003 beleuchtete Telepolis am Beispiel Hawkes, wie Spammer ihren Umsatz machen und wer tatsächlich auf "Want a BIG Penis?"-Mail hereinfällt und bestellt. Im Jahr darauf erschien das Buch Spam Kings, in dem der Journalist Brian McWilliams die damalige Spammer-Szene beleuchtet, allen voran Davis Wolfgang Hawke.

Nicht nur E-Mail-Benutzer sondern auch die damaligen großen E-Mail-Provider ächzten unter der Last der unzähligen betrügerischen E-Mails. Sie lobbyierten erfolgreich bei Gesetzgebern für Anti-Spam-Gesetze; so unterzeichnete US-Präsident George W. Bush 2003 den CAN-SPAM-Act. Im Jahr darauf verklagten US-Internetfirmen einige der ärgsten Massenspammer.

AOL verklagte Hawke und mehrere Mittäter. Während beispielsweise Hawkes damaliger Spam-Partner Bournival einen Vergleich aushandelte, tauchte Hawke unter. Weil er sich der Zivilklage nicht stellte, erging ein Versäumnisurteil über 12,8 Millionen Dollar gegen den Spammer-Nazi. Heise onlines Hal Faber wählte den Übeltäter 2006 für eines seiner "Was war. Was wird."-Sommerrätsel.

Auf der Suche nach dem angeblichen Edelmetall überlegte AOL, Grundstücke der Familie des Übeltäters umgraben zu lassen, nahm davon aber schließlich Abstand. Wahrscheinlich hat Hawke das Geld für seinen Lebenswandel sowie zur Unterstützung seiner wirren menschenfeindlichen Ideen verwendet.

1999 meldete Hawke eine große Nazi-Kundgebung in Washington, DC, an. Unter erheblichem Einsatz von Personal und Fahrzeugen räumte die Polizei Straßen und Plätze für die Rassisten. Doch außer antifaschistischen Gegendemonstranten tauchte niemand auf, wie das Video dokumentiert.

Gescheiterter Nazi-Aufmarsch in Washington

Die anderen Neonazis hatten herausgefunden, dass Hawkes Vater Jude ist, womit der Möchtegern-Führer in der Szene zur Spottfigur wurde. Dass Hawke seine Mutter als "Rassenverräterin", die mit dem Tod bestraft werden könnte, beschimpfte, und seinen Vater als zu sterilisierenden Stiefvater darstellte, half dem jungen Judenhasser nicht mehr. Seinem Nazi-Massenaufmarsch fehlten plötzlich die Nazi.

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Im selben Jahr äußerte Hawkes Mutter Peggy Greenbaum gegenüber dem Rolling Stone den Wunsch, jemand möge ihren Sohn töten. 18 Jahre später wurde dieser Wunsch erfüllt.

  • Klageschrift in America Online v. Davis Wolfgang Hawke et al , eingebracht am 9. März 2004 am US-Bundesbezirksgericht für das östliche Virginia. Am 2. Mai 2005 erließ das Gericht ein Versäumnisurteil gegen Hawke sowie Jacob Brown und Mauricio Riuz über 12.834.553,82 US-Dollar plus Zinsen.

(ds)