Spekulationsrausch um Gamestop und AMC: US-Kleinanleger beeinflussen Kurse

Kleinanleger sprechen sich in Foren und bei Reddit in einer konzertierten Aktion ab, um bestimmte Aktien zu kaufen und damit Kurse zu beeinflussen.

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(Bild: Itzchaz/Shutterstock.com)

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Von
  • Oliver Bünte
  • mit Material der dpa

Ausnahmezustand am US-Finanzmarkt: Niedrige Handelsgebühren, Absprachen in Online-Foren wie Reddit und Youtube-Tutorials haben in der Pandemie einen Börsenboom ausgelöst, bei dem eine neue Generation von Kleinanlegern Aktien angeschlagener Firmen in ungeahnte Höhen katapultiert. Die seit Tagen schon heftigen Kurskapriolen ausgesetzten Papiere des Computerspiel-Händlers Gamestop gingen am Mittwoch mit einem Plus von rund 135 Prozent aus dem Handel. Die Papiere der kürzlich noch als Pleitekandidatin gehandelten weltgrößten Kinokette AMC stiegen um mehr als 300 Prozent. Auch die Aktie des ehemaligen Smartphone-Herstellers Blackberry steht inzwischen im Fokus der Community.

Aus Sorge vor wirtschaftlichen Schwierigkeiten waren die Aktien von Gamestop noch 2020 bei einem Rekordtief für 2,57 US-Dollar zu haben gewesen. Doch seit Mitte Januar kennen die Papiere nur noch eine Richtung – nach oben. Zuletzt wurden die Aktien zum Höchstpreis von knapp 150 Dollar gehandelt.

Als maßgeblicher Faktor hinter der Kursrally am US-Aktienmarkt gilt ein neues Phänomen am US-Aktienmarkt, bei dem sich massenweise Kleinanleger in Foren – insbesondere in der Community r/wallstreetbets auf der Plattform Reddit – im Stile von Flashmobs absprechen, um bestimmte Aktien zu kaufen. Dank eines nicht zuletzt von der Wertpapierhandels-App Robinhood ausgelösten Preiskriegs zwischen Online-Brokern, der die Gebühren massiv hat sinken lassen, hat sich der Aktienhandel in den USA gerade bei vielen Jüngeren während der Corona-Krise zu einer Art Volkssport entwickelt. In Deutschland hat die Reddit-Community auch schon einen Ableger, r/mauerstraßenwetten.

Hinzu kommt, dass auch riskantere Transaktionen etwa mit Optionen, bei denen beispielsweise nur Bruchteile des Werts eines Anteilsscheins gehandelt werden, inzwischen viel stärker der breiten Bevölkerung und nicht mehr nur Finanzprofis zugänglich sind. Ein Hobby der Community ist es zudem, durch konzertierte Aktionen professionelle Investoren aus dem Markt zu drängen, die auf fallende Kurse spekuliert haben.

Bei Gamestop kam es zuletzt zu einem regelrechten Kräftemessen mit Hedgefonds, bei dem sich die Kleinanleger zumindest vorerst durchsetzen konnten. Wie die Washington Post berichtet, musste sich etwa der Hedgefonds Melvin Capital sogar eine Geldspritze holen, weil seine Leerverkaufs-Attacke gegen Gamestop durch die Community-Trader unterminiert wurden. Die Fonds Citadel und Point72 schossen dem angeschlagenen Leerverkäufer demnach 2,75 Milliarden US-Dollar zu.

Die Kursturbulenzen sorgten in der Finanzwelt zur Wochenmitte für große Aufregung, das Wall Street Journal schrieb gar von einem "Krieg", der zwischen Hedgefonds und Amateurhändlern ausgebrochen sei. Viele Online-Broker hatten angesichts des regen Betriebs am Markt technische Probleme. Forderungen nach einem Handelsstopp wurden laut, um die Lage zu beruhigen. Die Börsenaufsicht SEC teilte mit, die Situation genau im Blick zu haben und kündigte eine Untersuchung an. Eine Sprecherin des Weißen Hauses erklärte beim Presse-Briefing, dass auch ein Team des Finanzministeriums die Lage beobachte.

Zuletzt soll auch der auf dem Kurznachrichtendienst Twitter sehr präsente Tesla-Chef Elon Musk mit einem Tweet zu Gamestop und einem Link zu den Reddit-Nutzern die jüngste Rally angefacht haben. Musk, der bereits 2018 gegen mit Tesla-Aktien spekulierende Leerverkäufer gewettert hatte, scheint erheblich mit der Kleinanleger-Community zu sympathisieren. Auch die mit Hassrede begründete Sperrung des r/wallstreetbets-Servers auf der Plattform Discord war ihm einen Twitter-Kommentar wert.

Analysten warnen derweil, dass der massive Kursanstieg nichts mit der Realität zu tun habe. Experte Jens Rabe etwa meint, der Höhenflug der Gamestop-Aktien schade dem Ansehen der Börse, da der Vorgang als "Zockerei" wahrgenommen werde. Er fordert sogar ein Durchgreifen der Aufsichtsbehörden, da Aktien kleiner Firmen als Spielball missbraucht werden könnten.

[UPDATE, 28.01.2021, 10:30]

Die Meldung wurde mit zusätzlichen Informationen ergänzt und leicht überarbeitet. (olb)