"Start Me Up": Windows 95 löste vor 25 Jahren den PC-Boom aus

Mit einem Werbeetat von 200 Millionen US-Dollar schickte Microsoft Windows 95 ins Rennen. Binnen eines Jahres waren 40 Millionen Exemplare verkauft.

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Ganz wolkenfrei war der Start von Windows 95 nicht.

(Bild: winhistory.de)

Von
  • Christoph Dernbach
  • Peter Siering

Vor 25 Jahren schickte Microsoft Windows 95 ins Rennen. Unter anderem ein Werbeetat von 200 Millionen US-Dollar sorgte dafür, dass binnen drei Monaten 45 Millionen Exemplare verkauft waren. Besonders sicher und stabil war Windows 95 allerdings nicht gerade. Doch die neue Optik und viele Verbesserungen in dem Betriebssystem machten es leichter, am PC zu arbeiten und zu spielen. Bill Gates schwärmt auch 25 Jahre danach vom "Meilenstein in der Microsoft-Geschichte".

"Start Me Up" – die Rolling Stones prägten den Sound der Vorstellung des Microsoft-Betriebssystems Windows 95 vor 25 Jahren. Firmengründer Bill Gates hatte damals drei Millionen Dollar locker gemacht, um die Nutzungsrechte des Songs für die Premierenfeier am 24. August und spätere TV-Spots zu besorgen.

Bill Gates sagt heute: Windows 95 war ein Meilenstein in der Microsoft-Geschichte. Ob er es damals ahnte?

(Bild: winhistory.de)

Zur Präsentation der Software wurde TV-Star Jay Leno aus Los Angeles eingeflogen. 2500 Gäste feierten in riesigen Festzelten auf dem Firmencampus in Redmond bei Seattle ausgelassen die neue Software. In New York wurde in der Nacht das Empire State Building in den Farben von Windows angestrahlt. So etwas hatte die Branche noch nie gesehen.

Ab 5. September 1995 war Windows 95 offiziell auch hierzulande erhältlich. Microsoft hatte ab dem 17. Juli angefangen, Millionen von CD pressen zu lassen. Juristische Scharmützel, in denen es um die Integration weiterer Dienste in das Betriebssystem ging, hatten das Unternehmen nicht von seinem Plan abbringen können.

Windows 95 wurde als Weltneuheit gefeiert. Allerdings steckte unter der Haube noch viel alte Technik: Um 16-Bit-Programme für die ersten Windows-Versionen und antiquierte Software für das erste Microsoft-Betriebssystem MS-DOS nicht auszuschließen, hatten sich Gates und seine Mitstreiter gegen einen radikalen Neuanfang entschieden.

Diese Entscheidung führte dann aber auch dazu, dass Windows 95 sich immer wieder mal mit einem Absturz verabschiedete. Ein nicht kooperatives DOS- oder 16-Bit-Windows-Programm genügte, damit der PC hing. Viel überzeugender war die neue Optik: Das Microsoft-System brachte eine neue grafische Oberfläche mit, die sich an den Dokumenten orientierte.

Apple fasste schnippisch die Neuerungen von Windows 95 zusammen – der Mac war längst soweit.

(Bild: ct.de)

Die Schreibtisch-Metapher kam zwar den Besitzern eines Apple Macintosh irgendwie bekannt vor, für die meisten PC-Benutzer bot Windows 95 jedoch eine echte Premiere. Es entfachte einen Upgrade-Boom, denn im Vergleich zu MS-DOS und den ersten Windows-Versionen sah das neue Betriebssystem besser aus und war viel einfacher zu bedienen.

Windows 95 warf auch die lästige Längenbeschränkung für Dateinamen auf acht plus drei Zeichen über Bord (BEISPIEL.TXT). Gelöschte Dateien landeten in einem Papierkorb und konnten vor dem endgültigen Löschen auch wieder daraus entnommen werden. Das Konfliktdrama um Interrupts und DMA-Kanäle von ISA-PC-Steckkarten, die man damals per Mäuseklavier einstellen musste, hatte Microsoft mit einem eleganten Ansatz gelöst: Mit Plug&Play brachte man die Hardware-Hersteller auf Kurs.

Seitdem fiel Microsoft mehr und mehr die Rolle zu, den Wildwuchs in der PC-Branche zu ordnen: "Ready for Windows 95" war der Grundstein für zahlreiche "Hardware Design Guides", in denen sich Microsoft mit den großen PC-Herstellern auf gemeinsame Standards für die Hardware einigte, die zukünftige Windows-Versionen nutzen sollten.

Bei der Markteinführung rief Microsoft für die Vollversion von Windows 95 rund 400 DM auf. Praktisch gab es das Betriebssystem bei den damaligen PC-Hökerern wie Vobis für die Hälfte zum neuen PC dazu. Für den Hauptspeicher galten 8 MByte RAM als genügend, 4 MByte sollten es mindestens sein. Auf der Festplatte waren zwischen 40 und 55 MByte vom Betriebssystem belegt. Ein 80386-Prozessor war mindestens nötig.

Einen weiteren, bis heute wirksamen Akzent setzte Microsoft mit dem Start-Menü, auch wenn einige Anwender nicht verstehen konnten, warum man auch zum "Beenden" auf "Start" klicken musste. Allein in den ersten sieben Wochen verkaufte Microsoft sieben Millionen Exemplare von Windows 95. Innerhalb eines Jahres waren es 40 Millionen. Damit holte Gates den Personal Computer aus der Nerd-Ecke und kam der Erfüllung seiner Vision "Ein PC auf jedem Schreibtisch" einen entscheidenden Schritt näher.

Windows 95 (5 Bilder)

Windows 95 Desktop

Mit Windows 95 konnten Nutzer die Bildschirmoberfläche zur Ablage von Inhalten verwenden.

(Bild: winhistory.de)

1995 wurden weltweit erst gut 60 Millionen Computer verkauft. Zehn Jahre später überschritt die Zahl der verkauften PCs weltweit erstmals die Schwelle von 200 Millionen, Microsoft hielt damals einen Marktanteil von über 95 Prozent. Seinen Höhepunkt erlebte der PC-Markt 2011 mit 365 Millionen verkauften Geräten. Seitdem zeigt die Kurve deutlich nach unten, weil bei vielen Menschen das Smartphone oder ein Tablet die Funktion des PCs übernommen hat.

Windows 95? OS/2! Oder doch nicht?

Es ja nicht so, dass Windows 95 ganz konkurrenzlos dastand bei den PC-Betriebssystemen.

Nach der Trennung von Microsoft, mit denen IBM OS/2 anfangs zusammen entwickelt hatte, versuchte IBM alleine, mit OS/2 zu reüssieren - und schien anfangs mit OS/2 2.0 und besonders OS/2 3.0 Warp einige Chancen zu haben.

Von Linux redeten damals nur ein paar Nerds - der Rest ist Geschichte ...

Komplett falsch schätzte Gates damals den Online-Markt ein. Zu Beginn wurde Windows 95 sogar ohne Webbrowser verkauft, obwohl der britische Wissenschaftler Tim Berners-Lee das Web bereits fünf Jahre zuvor erfunden hatte und der populäre Mosaic-Browser auch schon seit 1993 verfügbar war. Erst im "Plus!"-Paket für 100 Deutsche Mark gab es einen Browser dazu.

Gates glaubte damals noch an den Erfolg proprietärer Online-Dienste wie Compuserve oder AOL und stattete sein Windows mit dem Microsoft-Gegenstück MSN aus. Diese geschlossenen Onlinedienste versuchten, die Nutzer in einem abgeschotteten Bereich zu halten, der vom offenen Web aus nicht erreichbar war. Erst als der Mosaic-Nachfolger Netscape den Markt überrannte, erkannte Gates die Herausforderung.

Immerhin reagierte der Microsoft-Chef schnell: Vier Monate nach der Premiere von Windows 95 änderte Gates seinen Online-Kurs um 180 Grad. Er wählte in einem Workshop dazu einen außergewöhnlichen historischen Vergleich, um die neue Strategie zu verdeutlichen. Am Jahrestag des Überfalls Japans auf Pearl Harbor erinnerte er an den Kommentar des japanischen Admirals Yamamoto, "er fürchte, sie hätten (mit dem Überfall) einen schlafenden Giganten geweckt".

Die neue Ansage von Gates lautete: "Heute ist das Internet die treibende Kraft bei allen Verbesserungen, die wir bei all unseren klassischen Produkten vornehmen." Microsoft verstrickte sich nach dieser Ansage in einen schmutzigen "Browserkrieg". Der Kampf hätte fast zur Aufspaltung des Konzerns geführt, weil sich die Aufsichtsbehörden an Microsofts Geschäftspraktik störten, den Browser Internet Explorer mit Windows zu bündeln. Zum Schluss blieb Netscape auf der Strecke.

Siehe dazu auch:

(ps)