Start-up Polypoly will "Vormachtstellung der Datenmonopolisten beenden"

Mit der App Polypod sollen Nutzer bald ihre Daten von Facebook & Co. importieren und sicher verwahren können. Langfristig sollen sie an Werbung mitverdienen.

Lesezeit: 2 Min.
In Pocket speichern
vorlesen Druckansicht Kommentare lesen 27 Beiträge

Polypoly will Online-Werbung ohne Tracking ermöglichen.

(Bild: Screenshot / polypoly.org)

Von
  • Christian Wölbert

Das Berliner Start-up Polypoly hat sich Großes vorgenommen: Persönliche Daten sollen künftig unter der Kontrolle der Nutzer bleiben, gespeichert auf ihren Endgeräten, statt auf den Servern von Firmen wie Facebook oder Google. "Wir wollen die Vormachtstellung der Datenmonopolisten beenden und sicherstellen, dass nie wieder welche entstehen", sagte Geschäftsführer Thorsten Dittmar gegenüber heise online.

Dittmar und seine Mitstreiter wollen dem Ziel in mehreren Etappen näher kommen: Anfang nächsten Jahres soll eine quelloffene und kostenlose App namens PolyPod erscheinen, mit der Nutzer ihre persönlichen Daten von Anbietern wie Facebook, LinkedIn oder Twitter herunterladen können. Die App soll die Daten aus mehreren Quellen zusammenführen und grafisch aufbereiten. "Triff Deinen digitalen Schatten" nennt Dittmar das Feature.

Das Konzept basiert auf dem Standard Solid, der 2018 von WWW-Erfinder Tim Berners-Lee vorgestellt wurde. Auch Berners-Lee will erreichen, dass Nutzer ihre persönlichen Daten in einem Daten-Safe ("Data Pod") auf ihrem Endgerät verwalten, statt diese Unternehmen anzuvertrauen. Man sei kompatibel zu Solid, wolle aber andere Schwerpunkte setzen, sagte Dittmar dazu.

So sollen Nutzer mit der PolyPod-App zum Beispiel die Betreiber der sozialen Netzwerke auffordern können, bestimmte oder alle persönlichen Daten zu löschen – statt dies umständlich per Brief oder Mail zu tun. Polypoly nennt das "digitaler Frühjahrsputz".

Als dritten und wohl schwierigsten Schritt plant Polypoly den Aufbau neuer Geschäftsmodelle: Nutzer sollen Unternehmen die Erlaubnis geben können, Berechnungen in ihrem PolyPod auszuführen. Die persönlichen Daten des Nutzers sollen dabei in der App bleiben. “Stop sharing data, start sharing algorithms”, nennt Dittmar das Konzept.

Als Beispiel nennt er eine Analyse, für welche Produkte ein Nutzer sich interessieren könnte: Webseite-Betreiber sollen diese Aufgabe nicht mehr von Dienstleistern wie Facebook oder Google erledigen lassen, sondern einen Algorithmus direkt an den PolyPod des Nutzers senden. Die App würde dann die geeignete Werbung ermitteln – falls der Nutzer zustimmt. Mit verschiedenen "Facetten" sollen Nutzer regeln können, welche Daten für welche Zwecke verwendet werden.

Aus Sicht von Dittmar wäre diese Form des Targetings nicht nur datenschutzfreundlicher, sondern auch präziser, da der PolyPod Daten aus mehreren Plattform-"Silos" zusammenführen könnte. Obendrein soll die Lösung günstiger für die Website-Betreiber sein, da diese auf ihre bisherigen Werbedienstleister verzichten könnten.

Dank präziserer Analyse und niedrigerer Kosten könnten höhere Werbeerlöse erzielt werden als im aktuellen System, hofft Dittmar. Diesen Mehrerlös werde Polypoly zwischen den Nutzern und den Website-Betreibern aufteilen: "Man kann trefflich darüber streiten, ob Werbung sinnvoll ist – aber wenn, dann bitte zum Nutzen beider Seiten."

Dittmar und seine Mitstreiter haben zu diesem Zweck eine Genossenschaft gegründet. Nutzer, die mit einer Einlage von 5 Euro Mitglied werden, sollen im Gegenzug 50 Prozent der zusätzlichen Werbeerlöse ausgeschüttet bekommen. Das ist auch als Anreiz gedacht, den PolyPod zu installieren und sich mit dem Thema Datenschutz auseinanderzusetzen.

(cwo)