Status Softwaretest: Agile Vorgehensweisen etablieren sich zunehmend

Vom Testen in agilen Kontexten erhoffen sich die Teilnehmer der Umfrage "Softwaretest in der Praxis" die größten Auswirkungen in den nächsten Jahren.

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Von
  • Alexander Neumann

Die Ergebnisse der dieses Jahr zum dritten Mal durchgeführten Umfrage "Softwaretest in der Praxis" liegen nun vor. Zentrale Themen der daraus abgeleiteten Ergebnisse sind die Etablierung agiler Vorgehensweisen, die Verortung der Kernkompetenz beim Testen, der Umgang mit Standards und regulativen Vorgaben sowie die Einschätzung zur Zukunft des Testens. Vom Testen in agilen Kontexten versprechen sich die Teilnehmer der Umfrage die größten Auswirkungen in den nächsten Jahren.

An der im Mai und Juni dieses Jahres durchgeführten anonymen Online-Umfrage zum Stand des Testens und der Qualitätssicherung in Praxis und Forschung im deutschsprachigen Raum haben offenbar über 1200 Menschen teilgenommen. Hinter der Erhebung stehen Vertreter der Technischen Hochschule Köln, der Hochschule Bremerhaven sowie des German und des Austrian Testing Board. Frühere Auflagen der Umfrage fanden 2011 und 2015 statt. heise Developer hatte in einer News zur Teilnahme aufgefordert.

Die Umfrage spiegelt die weitere Etablierung agiler Vorgehensweisen wider: So gaben nur etwas mehr als 20 Prozent der Teilnehmenden an, klassische phasenorientierte Vorgehensmodelle anzuwenden (2015: 47 Prozent, 2011: 54 Prozent), wohingegen über 68 Prozent agile Verfahren nutzen (2015: 43Prozent, 2011: 29Prozent). Allerdings zeigen andere Antworten für die Herausgeber der Studie wohl deutlich auf, "dass hier immer noch primär der Wunsch Vater des Gedankens ist und es sich häufig um eine eher oberflächliche oder nur teilweise Agilität handelt, die Kernwerte wie Teamverantwortung, flache Hierarchien oder auch frühe Endnutzereinbindung noch nicht vollständig umgesetzt hat".

Auffällig ist darüber hinaus, dass über diese agile Transition viele klassische Methoden im Bereich des Testens wohl an Bedeutung verlieren. So wenden nur noch 25 Prozent das Testverfahren der Äquivalenzklassenanalyse regelmäßig an (2015: 38 Prozent), 12 Prozent nutzen Entscheidungstabellen (2015: 18 Prozent), und nur vier Prozent greifen zum Erstellen der Testfälle auf das Klassifikationsbaumverfahren zurück (2015: 7 Prozent). Paradigmen wie Shift Left stagnieren im Vergleich zu 2015 und sind sogar rückläufig zu 2011: 61 Prozent unterziehen die Anforderungen einem Review (2015: 63 Prozent, 2011: 77 Prozent), 56 Prozent prüfen die Schnittstellen (2015: 54 Prozent) und die Hälfte die Architektur (2015: 50 Prozent, 2011: 66 Prozent).

Auch Testdaten werden wohl zunehmend frei definiert (2020: 48 Prozent, 2015: 45 Prozent, 2011: 30 Prozent) und weniger formal (z. B. via Testdatenbibliothek – 16 Prozent – oder Testdatengeneratoren – 21 7 Prozent). Auf der anderen Seite beobachten viele Befragte in genau diesen Bereichen großen Nachholbedarf: 72 Prozent der Befragten sehen zum Beispiel die größten Herausforderungen im Erzeugen und Bereitstellen von Testdaten in der Testumgebung.

Als Resümee beim Thema agiler Transformation hoffen die Studienherausgeber, "dass die agile Transition nicht aufgrund einer Innovationsfreudigkeit etablierte klassische Methoden aus den Augen verliert".

Auf die Frage, welcher Prozess für die Durchführung von Testaktivitäten verwendet wird, gab fast die Hälfte (2015: 60 Prozent, 2011: 40 Prozent) an, einen eigenen, individuellen Prozess zu verwenden. Weder der ISTQB-Prozess (25 Prozent) noch die ISO 29119 – Software Testing – (2020: 9 Prozent) lassen sich demnach als in den meisten Unternehmen eingesetzte Standards ansehen. Dass 59 Prozent der Befragten angeben, sich am agilen Vorgehen zu orientieren, hilft wohl nur bedingt, da gerade prozessoral hier anscheinend wenig Governance vorhanden ist.

Die Vielschichtigkeit heutiger Prozesse wird für die Organisatoren der Erhebung gleichzeitig unterstützt durch entsprechend unterschiedliche Werkzeuge. Obwohl sich die meisten Werkzeuge ihrer Art nach klassifizieren lassen, zum Beispiel in "statische und dynamische Analysewerkzeuge" (40 Prozent) oder "Werkzeuge zur Codeüberdeckung" (36 Prozent) haben die meisten Befragten (78 Prozent) "Agile Tools" als Antwort angegeben.

Knapp die Hälfte der Befragten gab an, im Endprodukt einige beziehungsweise zu viele schwerwiegende Fehler in der Funktionalität zu haben. Die Performance führt hier knapp mit 54 Prozent. Auch die Gebrauchstauglichkeit berge mit 40 Prozent großes Frustrationspotenzial bei den Kunden, so die Herausgeber der Studie.

Die kritische Selbsteinschätzung wird aber zugleich konstruktiv nach vorne formuliert: Auf die Frage nach dem Testbereich mit dem größten Weiterbildungsbedarf in den nächsten fünf Jahren gibt eine Anzahl von 79 Prozent das Testen in agilen Kontexten an, und nach Einschätzung der Befragten sind ihre Kunden bereits heute zufrieden: So seien 73 Prozent von ihnen mit den gekauften Produkten qualitativ zufrieden oder sogar hochzufrieden.

Auf der Website zur Umfrage findet sich eine diese News erweiternde Zusammenfassung der Beobachtungen.

(ane)