Stolperfallen auf dem Weg ins Glasfaser-Gigaland

Beim FTTH/B-Ausbau erscheint die vom BMDV angestrebte Ausbauquote von 50 Prozent bis Ende 2025 realistisch - doch die Telekom könnte noch auf die Bremse treten.

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Leerrohr für Glasfaser

(Bild: Sina Schuldt/dpa)

Von
  • Achim Born

Die derzeit hohe Aktivität beim Ausbau der Glasfaseranschlüsse lässt erwarten, dass die vom Bundesministerium für Digitales und Verkehr (BMDV) ausgerufene Versorgungsquote von mindestens 50 Prozent bis Ende 2025 locker zu schaffen ist. Die Deutsche Telekom könnte den Ausbau jedoch ausbremsen – das ist eine der größten Sorgen der alternativen Anbieter und Netzbetreiber.

Die Zahl der gigabitfähigen TV-Kabel- und Glasfaseranschlüsse in Deutschland wird Ende 2022 voraussichtlich bei etwa 38 Millionen liegen. Für rund 90 Prozent der privaten Anschlüsse bestünde dann eine Gigabit-Option. FTTB/H (Fiber to the Building/Home) macht nach Berechnungen von Torsten Gerpott dann mehr als 12 Millionen Anschlüsse aus; echte Glasfaser stünde damit circa 29 Prozent der Haushalte zur Verfügung, so der TK-Markt-Experte und Professor an der Uni Duisburg-Essen.

Zu den laut jüngster Gigabit-Studie des VATM (Verband der Anbieter von Telekommunikations- und Mehrwertdiensten) ermittelten gut zehn Millionen Anschlüssen Mitte des Jahres kämen binnen sechs Monaten also zwei Millionen hinzu. Studienautor Gerpott ist angesichts dieser Ende 2022 zu erwartenden FTTB/H-Versorgung überzeugt, dass das in der Gigabit-Strategie des BMDV Mitte März ausgerufene Ziel, bis Ende 2025 eine Versorgungsquote von mindestens 50 Prozent zu schaffen, "deutlich übertroffen" wird. Bei der Vorstellung der Studienergebnisse im Rahmen der diesjährigen Breitbandmesse Anga Com in Köln bestätigte VATM-Präsident David Zimmer die "sehr hohe Dynamik beim Netzausbau". Die Investoren hätten den Glasfaserausbau für sich entdeckt. Die insgesamt mehr als 50 Milliarden Euro, die in den nächsten Jahren in den Infrastrukturausbau fließen sollen, werden dabei zu einem Großteil von den im Verband organisierten Unternehmen gestemmt.

Allerdings verstärkt auch die Deutsche Telekom ihre Glasfaser-Aktivität. "Die Telekom war bisher sehr zurückhaltend und nutzt bis heute weitestgehend Vectoring und die alten Kupfernetze, die eine enorme Rendite abwerfen, ohne hohe Investitionen im deutschen Markt tätigen zu müssen", resümiert VATM-Präsident Zimmer. Aufgrund des massiven Ausbaudrucks der Konkurrenten ändere die Telekom zurzeit aber offenkundig gerade ihre Strategie, um auch auf dem Glasfasermarkt dominieren zu können. Ein Beleg für das Tempo des Konzerns ist die Entwicklung im ersten Halbjahr 2022: Binnen sechs Monaten soll die Zahl der neuen Glasfaseranschlüsse um 800.000 zunehmen, was alleine fast die summierten Zuwächse aller Konkurrenten erreicht.

Die alternativen Anbieter und Netzbetreiber sind daher verstärkt in Sorge, dass die Telekom bei ihrem Ausbau nicht fair spielt. Überbau und Mitverlegung gefährden aus ihrer Perspektive besonders im ländlichen Raum die Investitionen des zuerst im Tiefbau aktiven Unternehmens. Dies verunsichere Investoren und Kommunen, die am Ende häufig feststellen würden, dass der Erstausbauer seine Ausbaupläne zurücknehmen müsse und die Telekom nicht selbst ausbauen werde, sondern im nächsten Ort den Überbau ankündige. Das Scheitern der Ziele der Bundesregierung wäre die Folge, warnt Zimmer – im Berufsleben unter anderem Aufsichtsrat bei Glasfaser Deutschland.

Aus VATM-Sicht muss die Politik zur Planungssicherheit faire Spielregeln aufstellen – sprich einen Regulierungsrahmen schaffen, damit der Ausbau nicht gebremst und der Wettbewerb abgesichert wird. Wie Zimmer in Köln ausführte, müsse die Ausbaustrategie in Deutschland ein Miteinander sein und dürfe nicht von strategischem Überbau geprägt sein.

Wie auf der Kölner Veranstaltung bekannt wurde, kann ein abgestimmtes Vorgehen beispielsweise im ländlichen Raum, bei dem die Interessenten die jeweiligen Ausbaugebiete untereinander aufteilten, jedoch mit dem Kartellrecht kollidieren. Einen möglichen Ausweg zeigt laut VATM das Saarland, dessen Landesregierung eine moderierende Rolle beim Koordinieren der Ausbauvorhaben übernimmt.

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