Studie: Baerbock wird in sozialen Medien besonders oft verunglimpft

Die Grünen-Kanzlerkandidatin Annalena Baerbock wird auf Facebook und Telegram häufig mit Verschwörungsmythen und sexuellen Anspielungen konfrontiert.

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(Bild: Primakov/Shutterstock.com)

Von
  • Stefan Krempl

Die Grünen hatten es schon zu Beginn des Wahlkampfs befürchtet, nun untermauert es eine Studie des Institute for Strategic Dialogue: Die Grünen-Kanzlerkandidatin Annalena Baerbock ist allein auf Facebook im ersten Halbjahr bis zu zehnmal so oft mit Verschwörungsmythen in Verbindung gebracht worden wie ihre Konkurrenten Olaf Scholz (SPD) und Armin Laschet (CDU). Bis zu 15-mal häufiger sei sie zudem als (grüne) "Gefahr für Deutschland" bezeichnet worden. Anders als ihre Kollegen hatte die Parteichefin ferner mit sexuellen Herabsetzungen und genderspezifischen Vorwürfen der Inkompetenz zu kämpfen.

Die Forscher der Denkfabrik zu interkommunalen Konflikten, Extremismus und Terrorismus untersuchten für die Analyse zwischen Februar und Juli jeweils die 100 meistgeteilten Beiträge zu den Kandidaten auf Facebook sowie auf Telegram-Kanälen, die sie bereits dem rechtsextremen und verschwörungsaffinen Milieu zuordneten. Alle drei Spitzenpolitiker wurden laut den nun veröffentlichten Ergebnissen im Kontext der anstehenden Bundestagswahl zum Ziel digitaler Angriffe. Dabei seien insbesondere über Telegram potenziell rechtswidrige Inhalte wie Bedrohungen, Beleidigungen, Verleumdungen sowie homophobe oder antisemitische Hetze verbreitet worden.

Die Kandidaten teilen etwa das Schicksal, im Kontext der Covid-19-Pandemie als Teil der Verschwörung "The Great Reset" verunglimpft worden zu sein. Dabei geht es um den Vorwurf, dass eine globale Finanzelite rund um den Gründer des Davoser Weltwirtschaftsforums, Klaus Schwab, im Schatten der Corona-Krise eine neue Weltwirtschaftsordnung vorantreibe.

Im Fall von Baerbock finden sich Falschinformationen und Anspielungen auf diese Erzählung aber nicht nur in den begutachteten Telegram-Zirkeln, sondern auch unter den populärsten Facebook-Inhalten über die Grüne mit teils über 100.000 Abrufen. Ein Datensatz der am meisten geteilten Posts über die jeweiligen Politiker auf dem hierzulande größten sozialen Netzwerk enthielt 18 Beiträge über Baerbock Falschinformationen oder Anspielungen auf Verschwörungen. Auf Scholz beziehen sich nur drei solcher Inhalte, auf Laschet gar keine.

Auf Telegram bestätigte sich dieser Trend laut der Studie. In dem einschlägigen analysierten Datensatz enthielten 43 Posts Falschinformationen über Baerbock oder verschwörungsideologische Narrative. 26 vergleichbare Beiträge betrafen Laschet, 17 Scholz.

Ein Viertel der Posts im Facebook-Datensatz thematisierten zudem Baerbocks vermeintliche Inkompetenz, verglichen mit sechs bei Scholz und elf bei Laschet. Im Telegram-Archiv enthielten 17 Beiträge über die Grüne einen Bezug zu diesem Thema, beim SPD-Frontmann waren es drei, bei CDU-Kandidaten sechs. In einigen Fällen kamen bei Baerbock sexistische Beleidigungen und Bilder dazu wie "Kleines" oder "der feuchte Traum aller männlichen 'Fridays für Schulschwänzen'-Sektenjünger".

Insgesamt enthielten annährend ein Zehntel der untersuchten Beiträge einen Bezug entweder zu Baerbocks Geschlecht oder eine allgemeine Gender-Anspielung. Bei Laschet und Scholz fanden sich vergleichbare Aussagen so gut wie gar nicht.

Die Forscher räumen ein, dass es sich angesichts der recht geringen Anzahl einbezogener Nachrichten und Kommentare kaum gewährleisten lasse, "dass es sich um ein repräsentatives Sample handelt". Trotzdem biete die Analyse "interessante Einblicke über den Online-Diskurs auf Facebook" zu den Kandidaten, da es sich bei den untersuchten Beiträgen "nicht um eine randomisierte Stichprobe" handle.

Digitale Gewalt und Desinformation stellten "bedeutende Risiken für die Integrität unserer Demokratie dar, insbesondere im Vorfeld einer Wahl", warnen die Autoren. Gerade die beobachteten genderspezifischen Kampagnen könnten letztlich dazu führen, "dass die Öffentlichkeit ein verzerrtes Bild der Betroffenen erhält". Dieses Phänomen der gezielten Untergrabung politischer Kandidatinnen fördere nicht nur frauenfeindliche Diskurse, sondern beeinflusse auch die Möglichkeiten zur politischen Themensetzung und damit den Erfolg politischer Kampagnen.

Baerbocks Umfragewerte sind nach Spitzenpunkten im Frühling deutlich nach unten gegangen. Zu schaffen machten der Kandidatin dabei aber etwa auch Versäumnisse wie die Nachmeldung zusätzlicher Vergütungen ihrer Partei und Inkonsistenzen in ihrem publizierten Lebenslauf. Einen Vorgeschmack auf Manipulationen hatte Beobachtern zufolge der frühe Verweis auf angebliche Nacktbilder der 40-Jährigen im Internet gegeben.

(bme)