Studie: Britische Corona-App hat hunderttausende Infektionen verhindert

Britische Forscher haben berechnet, dass mithilfe der nationalen Corona-App im Herbst bis zu 900.000 Ansteckungen vermieden worden seien.

Lesezeit: 3 Min.
In Pocket speichern
vorlesen Druckansicht Kommentare lesen 69 Beiträge

(Bild: Marco.Warm / Shutterstock.com)

Von
  • Stefan Krempl

Forscher der Universität Oxford und des Alan-Turing-Instituts für Datenwissenschaft und Künstliche Intelligenz haben die Wirksamkeit der britischen Corona-App untersucht. Die Mobilanwendung, die wie das deutsche Pendant auf dem dezentralen Benachrichtigungssystem von Apple und Google basiert, soll demnach geholfen haben, zwischen Oktober und Dezember grob zwischen 200.000 und 900.000 Infektionen mit Sars-Cov-2 zu unterbinden.

In der auf GitHub veröffentlichten, noch nicht von anderen Wissenschaftlern begutachteten Preprint-Studie ist die Spanne vergleichsweise weit gefasst, da die Teams unterschiedliche Berechnungsmethode gewählt und Unsicherheiten in ihren Modellanalysen dabei verschieden gewichtet haben. Die Autoren legten etwa einen Fokus darauf, wie viele durch die App gewarnten Nutzer später tatsächlich positiv auf das Virus getestet wurden. Den Wert dieser sogenannten sekundären Befallsrate ("secondary attack rate"), die Aussagen über die Ansteckungskraft eines Erregers zulässt, schätzen sie auf 6,1 Prozent.

Dieser Anteil an Infektionen pro Kontaktpersonen verglichen die Verfasser mit dem der manuellen Kontaktverfolgung durch die britischen Gesundheitsämter zu bestimmten Zeitpunkten. Auf Basis dieses Werts schätzten sie die Zahl der verhinderten Infektionen. Die App des National Health Service wurde trotz Startschwierigkeiten und einem späten Umschwenken auf einen dezentralen Ansatz mittlerweile knapp 22 Millionen Mal heruntergeladen und wird laut der Studie von 16,5 Millionen Nutzern regelmäßig verwendet.

Die Forscher beleuchten dabei auch, dass die Nutzungsquote jenseits bloßer Downloadzahlen in unterschiedlichen Regionen des Vereinigten Königreichs zwischen 24,8 und 33,2 Prozent lag. Den Anteil derer, die sich nach einem positiven Testergebnis bereit erklärten, ihre Kontakte zu informieren, beziffern sie mit 72 Prozent. Die Anzahl der Begegnungen pro Indexfall sei mit 4,4 höher als beim manuellen Nachverfolgungen (1,8 Prozent).

Die deutsche Corona-Warn-App (CWA), die im Gegensatz zu ihrem britischen Pendant noch keine "Cluster-Erkennung" etwa in Restaurants oder Läden beherrscht, haben bislang über 25 Millionen Nutzer heruntergeladen. Tausende Patienten sollen darüber momentan täglich Ansteckungen teilen, seit Start der Anwendungen waren es insgesamt gut 250.000 Nutzer. Berit Lange, Leiterin der Klinischen Epidemiologie am Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung (HZI), lobte die britische Arbeit mit ihrer "sehr transparenten Abschätzung" nun als "wichtig und interessant". Grundsätzlich wäre ihr zufolge eine solche Analyse über Nutzen und Effekt der deutschen CWA ebenfalls "sehr wünschenswert".

Dazu fehlen laut Lange hierzulande aber etwa Daten zur Frage der Kontakte, die pro Fall benachrichtigt werden, und der positiven Tests bei den Gewarnten. Diese müssten in der CWA erhoben werden. Ferner mangele es an guten Übersichten, die vergleichbare Parameter wie in Großbritannien für die manuelle Kontaktverfolgung regional differenziert zeigten, also etwa die Zahl der positiven Begegnungen nach einem Fall. Auch ähnliche Auswertungen aus Spanien und der Schweiz sprächen derweil generell dafür, dass einschlägige Apps durchaus geeignet seien, "manuelles Contact Tracing zu unterstützen" und den Epidemieverlauf zu dämpfen.

Ganz anders wertet der Nürnberger Medieninformatiker Florian Gallwitz, die Resultate. Er verweist darauf, dass die Studie von der gleichen Forschungsgruppe aus Oxford stamme, die vergangenes Frühjahr die Idee eines Bluetooth-basierten Nachverfolgens von Infektionskontakten erst populär gemacht habe. Daher komme der positive Befund nicht überraschend. Plausibel erscheine er aber nicht.

Der Professor wundert sich vor allem, warum die Autoren sich nicht an bereits vorliegenden Statistiken aus Dänemark orientierten. Dort sei eine ebenfalls auf der Google-Apple-Schnittstelle beruhende App im Einsatz. Werde ein PCR-Test aufgrund einer Warnung durch die Anwendung durchgeführt, würden dabei die positiven oder negativen Testergebnisse direkt gezählt. Die tatsächliche Rate der positiven Tests in einem solchen Fall habe in den vergangenen Monaten mit im Mittel nur 0,9 Prozent allerdings um ein Vielfaches niedriger als der Schätzwert aus Oxford gelegen.

Das sei eine Größenordnung, "die man wohl auch mit einem Würfel erzielen könnte", moniert Gallwitz. Die offensichtliche Diskrepanz werde nicht erklärt. Insgesamt stehe so ein "glaubwürdiger Nachweis dafür, dass die App-Warnungen mit tatsächlichen Infektionsereignissen zusammenhängen", weiterhin aus.

Robin Houben, Sprecher des CWA-Teams des Robert Koch-Instituts (RKI), erklärte, man bereite eine Evaluation der Wirksamkeit der hiesigen Anwendung in Kooperation "mit wissenschaftlichen Fachgesellschaften" derzeit vor. Dazu solle mit einem der nächsten Updates die Möglichkeit geschaffen werden, dass Nutzer auf freiwilliger Basis an wissenschaftlichen Online-Befragungen teilnehmen. Bei Anwendern, die etwa eine Statusanzeige "erhöhtes Risiko" erhalten haben, könnte dabei nachgehakt werden, um mehr über ihr Verhalten vorher und nachher zu erfahren.

Im zweiten Teil der Sondierung soll laut Hoben einige Tage nach der Risikobenachrichtigung ermittelt werden, wie viele entsprechend gewarnte Nutzer schließlich positiv auf das Virus getestet worden sind. Das RKI arbeite ferner in enger Abstimmung mit den anderen Projektbeteiligten und dem Bundesdatenschutzbeauftragten an einer datenschutzkonformen Möglichkeit, wie Anwender freiwillig Daten über die Funktion ihrer App "zur wissenschaftlichen Auswertung zur Verfügung stellen können".

(bme)