Studie: Digitalisierung kann Klimaschutzmaßnahmen ergänzen, nicht ersetzen

Smart Meter und intelligent gesteuerte Heizungsanlagen können dazu beitragen, den CO₂-Ausstoß zu senken. Allein auf sie sollte man sich aber nicht verlassen.

Lesezeit: 4 Min.
In Pocket speichern
vorlesen Druckansicht Kommentare lesen 21 Beiträge

Funktionsprinzip einer Wetterprognosesteuerung einer Heizanlage. Eine Wetterprognosesteuerung (WPS) steuert anhand von Daten aus dem Internet, einem Temperaturfühler (TA) und anderen Sensoren die Heizung.

(Bild: Umweltbundesamt, co2online)

Von
  • Andreas Wilkens

Können Heizungsanlagen, die mit Wetterprognosen gesteuert werden, oder Smart Meter dazu beitragen, Treibhausgase einzusparen? Dieser Frage sind Forschende des Instituts für ökologische Wirtschaftsforschung (IÖW) und von CO2online im Auftrag des Umweltbundesamts nachgegangen. Ihre Antwort: Solche digitalen Anwendungen können wichtige Klimaschutzmaßnahmen wie die energetische Sanierung von Gebäuden oder den Ausbau erneuerbarer Energien sinnvoll ergänzen, diese aber wegen begrenzter Einsparpotenziale nicht ersetzen.

Die Forschenden haben im Projekt "Klimaschutzpotenziale der Digitalisierung" (PDF) anhand von Fallbeispielen bewertet, wie sich smarte Produkte in Gebäuden und Haushalten auf die Energie- und Klimaschutzziele auswirken und welche Umweltwirkungen sie haben. Dabei haben sie eine Methode zur Umweltbewertung der Digitalisierung im Endkundenmarkt des Energiebereichs entwickelt.

Betrachtet haben sie unter anderem die Steuerung von Heizanlagen über Wetterprognosen, wie sie Controme, ClimaCloud, eGain und MeteoViva anbieten, sowie Online-Effizienzüberwachung von Heizungen, wie sie Energiezentrale Nord, EWUS, GL Energielösungen anbieten, eine digitale Erfassung des Stromverbrauchs über Smart Meter mit Feedbacksystem oder Tools, die dazu beitragen sollen, Wärmepumpen und Elektroladestationen so zu betreiben, dass sie dem Stromnetz dienen. Die direkten Umwelteffekte von solch smarter Technik – etwa deren Herstellung, Nutzung und Entsorgung – hat das Forschungsteam den indirekten Effekten gegenübergestellt und ökobilanziert.

Die Umwelt könne davon profitieren, wenn Heizanlagen überwacht und optimiert würden, da die positiven Effekte aus der eingesparten Heizenergie deutlich größer seien als Umweltbelastungen für Bau und Betrieb der digitalen Tools, meinen die Forschenden. Schwieriger zu bewerten seien Anwendungen, bei denen die Kundschaft selbst aktiv werden muss. Zu Smart Metern, die den Stromverbrauch eines Haushalts analysieren und über eine App Tipps zum Stromsparen geben, herrsche noch wenig Wissen über mittelfristige Einspareffekte. Die potenziellen Umweltchancen seien aber tendenziell größer als die Umweltrisiken.

2011 sei unter anderem das Projekt Intelliekon zu dem Ergebnis gekommen, dass durch die Installation eines Smart Meters kombiniert mit einem Webportal mit zahlreichen Informationen zum Energieverbrauch und Energiesparpotenzialen in Haushalten in Deutschland und Österreich über 18 Monate im Schnitt 3,7 Prozent Strom eingespart wurden.

Auch wenn digitale Produkte nicht der zentrale Hebel für Klimaschutz in Gebäuden seien, könnten sie dennoch als überwiegend gering-investive Maßnahmen kurz- oder mittelfristig umgesetzt werden, schreiben die Forschenden. Die smarte Steuerung von Heizungsanlagen zum Beispiel könne einerseits bei noch ungedämmten Gebäuden zu einer relevanten Reduktion beitragen und andererseits auch bei gut gedämmten Gebäuden noch ein paar zusätzliche Prozentpunkte Einsparung erzielen.

"Hochgerechnet auf ganz Deutschland können die Emissionseinsparungen der untersuchten Produkte in Verbindung mit ihrem derzeitigen Marktwachstum nur einen geringen Beitrag zu den Klimaschutzzielen 2030 leisten", resümiert Hannes Bluhm, Experte für Umweltbewertungen am Institut für ökologische Wirtschaftsforschung. Zu den erforderlichen Einsparungen der Energiewirtschaft in Höhe von 113 Millionen Tonnen CO2 bis 2030 könnten die untersuchten Tools zwischen 0,07 und 0,21 Prozent beitragen.

Da die meisten smarten Produkte erst seit wenigen Jahren am Markt angeboten würden, fehle oft eine unabhängige, wissenschaftliche Bewertung zu deren Wirkung und Potenzialen, schreiben die Forschenden. Deshalb empfehlen sie, die ökologische Wirkung entsprechender Anwendungen breiter zu erforschen. Technikanbieter und Marktakteure sollten gemeinsame Standards entwickeln, damit für die digitalen Anwendungen keine aufwendigen Nachrüstungen benötigt werden und sie unabhängig von einzelnen Anbietern gesteuert werden können. Neue Techniken sollten immer mit Qualifizierung der für den Vertrieb und die Installation zuständigen Stellen einhergehen.

(anw)