Studie: "Nerd"-Klischee schreckt Frauen vom Informatik-Studium ab

MINT-bezogene Geschlechter-Stereotype könnten ein Grund dafür sein, dass Frauen in den Naturwissenschaften unterrepräsentiert sind, belegt eine aktuelle Studie.

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(Bild: Photographee.eu/Shutterstock.com)

Von
  • Stefan Krempl

Das Klischee vom "Nerd" ist weit verbreitet und es hält Frauen von einem Studium im Bereich Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik (MINT) ab. Dies geht aus einer jetzt veröffentlichten Studie hervor, die Yves Jeanrenaud, Gastprofessor für Geschlechterforschung in MINT und Medizin an der Universität Ulm, verfasst hat. Er hat dabei vor allem kulturelle und strukturelle Barrieren wie auf Hacker bezogene Geschlechter-Stereotype ausgemacht.

Der Frauenanteil unter den MINT-Studierenden beträgt in Deutschland etwa ein Drittel. Das ist im internationalen Vergleich niedrig, auch wenn sich zumindest die Zahl der Studienanfängerinnen in diesen Fächern in den vergangenen zwölf Jahren verdoppelt hat. Der Anteil der weiblichen Beschäftigten in MINT-Berufen ist noch deutlich niedriger: er beträgt gerade einmal ein Sechstel – und das, obwohl Experten betonen, dass im Zuge der Digitalisierung die Karrierechancen insbesondere im Bereich der Informations- und Kommunikationstechnologien (IKT) besser denn je seien.

"Berufsbilder wie Ingenieur oder Informatiker sind noch immer männlich konnotiert", erläutert Jeanrenaud die Hintergründe. Insbesondere klischeehafte Rollenbilder wie die des "Computer-Freaks" würden so gut wie ausschließlich für junge Männer gebraucht. "Viele Frauen fürchten sich davor, von ihrer `Weiblichkeit´ einzubüßen, wenn sie sich auf dieses männlich besetzte Terrain vorwagen", hat der studierte Soziologe herausgefunden. "Sie entscheiden sich dann nicht selten gegen ein Informatik-Studium, obwohl sie ein gewisses Interesse dafür durchaus mitbringen."

Von Kindesbeinen an mache der Mensch geschlechtsspezifische Sozialisationserfahrungen und verinnerliche so bestimmte Erwartungen, die an sein Geschlecht gebunden seien, schreibt Jeanrenaud in seiner 50-seitigen Expertise für den Dritten Gleichstellungsbericht der Bundesregierung, der kommende Woche publiziert werden soll. Passe dieses internalisierte Modell nicht zum geläufigen Berufsbild oder zu einer bestimmten Fächerkultur, drohe eine Abwehrhaltung. Dies gelte für Männer in Pflegeberufen genauso wie für Frauen in Ingenieurwissenschaften oder Informatik.

Außerdem orientieren sich junge Frauen laut dem Schweizer bei der Berufswahl oft noch an bestimmten sozialen Mustern und wünschen sich berufliche Tätigkeiten, "bei denen sie mit anderen Menschen zu tun haben oder das Gefühl haben, etwas Sinnstiftendes zu tun". Vielen MINT-Berufen hafte dagegen noch "das Image der isolierten Beschäftigung mit Dingen statt mit Menschen an". Eine Umfrage im Auftrag von Microsoft hatte 2017 schon ergeben, dass Informatik & Co. bei Mädchen oft als zu wenig kreativ gelten. Weil viele Schüler nur vage oder gar keine Vorstellungen von den meisten Technikberufen hätten, empfiehlt Jeanrenaud, die gesellschaftliche Bedeutung solcher Arbeitsfelder stärker hervorzuheben.

Stark männlich geprägte Fachkulturen könnten laut Jeanrenaud eine abschreckende Wirkung auf Frauen haben. Die sogenannten "Gatekeeper", also Eltern und Lehrkräfte, haben laut der Studie ebenfalls großen Einfluss darauf, welchen Weg Kinder später beruflich einschlagen. Auf jeden Fall seien "mehr weibliche Vorbilder und positive Rollenmodelle" nötig, so der Gender-Forscher. Das müssten nicht immer nerdige Superheldinnen sein wie Lisbeth Salander, die Hackerin aus den Krimis des schwedischen Autors Stieg Larsson.

Mitunter werde Mathematik im Informatik-Studium, in dem der Anteil des weiblichen Geschlechts mit 22 Prozent besonders niedrig ist, überbetont: "Wir müssen gerade auch die normal begabten Schülerinnen für ein Informatik- oder Technik-Studium begeistern." MINT-Studiengänge mit deutlich höheren Frauenanteil seien etwa Medieninformatik, Medizintechnik oder Energietechnik, hatte Jeanrenaud zuvor bereits unterstrichen. Dies hänge auch mit dem größeren Praxisbezug, der konkreten Anwendbarkeit und gesellschaftlichen Relevanz dieser Fachrichtungen zusammen. Andererseits herrsche etwa unter Games-Entwicklern oft ein fragwürdiges Frauenbild vor. Weibliche Charaktere in Computerspielen seien "noch immer viel zu oft als Sexobjekte angelegt".

Der Branchenverband VDE schlug parallel Alarm, dass sich im Vergleich zum Vorjahr laut der aktuell vom Statistischen Bundesamt gemeldeten Studienanfängerzahlen 14,5 Prozent weniger Interessenten in das Fach Elektrotechnik und Informationstechnik eingeschrieben hätten; die Quote der Studienanfängerinnen blieb mit knapp 17 Prozent zumindest auf dem Vorjahresniveau.

(dwi)