Technikberufe: Deutschland fehlen rund 326.100 Fachkräfte im MINT-Bereich

Nach Corona ist der Fachkräftemangel laut Herbstreport des nationalen MINT-Forums wieder deutlich angestiegen. Treiber sind Digitalisierung und Klimaschutz.

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(Bild: Atelier211/Shutterstock.com)

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  • Stefan Krempl
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Die Arbeitskräftelücke im MINT-Bereich (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften, Technik) hat im Oktober mit insgesamt rund 326.100 fehlenden Fachkräften einen der höchsten Werte seit dem Jahr 2011 erreicht. Dies geht aus dem Herbstreport hervor, den das nationale MINT-Forum am Mittwoch veröffentlicht hat. Als hauptsächliche Treiber für diese Entwicklung gelten Digitalisierung, Dekarbonisierung und der demografische Wandel. Zusätzlich verschlechtert hat sich die Situation durch den Angriffskrieg Russlands gegen die Ukraine.

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Der MINT-Report wird zweimal jährlich vom Institut der deutschen Wirtschaft Köln (IW) erstellt. Auftraggeber sind die Forumsmitglieder Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA), Arbeitgeberverband Gesamtmetall und die Initiative MINT-Zukunft. Den Forschern zufolge hat sich die Kluft nach einem spürbaren Rückgang im ersten Coronajahr 2020 in den vergangenen zwei Jahren wieder deutlich ausgeweitet.

Im Oktober lagen der Studie zufolge in den MINT-Berufen insgesamt rund 502.200 zu besetzende Stellen vor. Gleichzeitig waren bundesweit 176.910 Personen arbeitslos gemeldet, die gerne einem MINT-Erwerbsberuf nachgehen würden. Die Forscher leiten daraus in einem ersten Schritt ab, dass über sämtliche Anforderungsniveaus bundesweit mindestens 325.290 Mitarbeiter in MINT-Berufen gesucht würden. Rechne man falsche Qualifikationen heraus, ergebe sich die über alle 36 MINT-Berufskategorien aggregierte Arbeitskräftelücke in Höhe von 326.100 Personen.

Gefragt seien vor allem Facharbeiter und Experten, heißt es in der neuen Analyse. Etwas kleiner sei die Kluft bei Spezialisten- beziehungsweise Meister- und Technikerberufen. Differenziert nach einzelnen MINT-Bereichen zeigten sich die größten Engpässe in den Energie- und Elektroberufen mit 84.900, bei der Maschinen- und Fahrzeugtechnik mit 62.500 und im IT-Sektor mit 58.700 offenen Stellen. Der Digitalverband Bitkom schätzt sogar, dass aktuell 137.000 IT-Experten fehlen.

"Der Ukraine-Krieg ist mit großen Unsicherheiten für die konjunkturelle Entwicklung in Deutschland und damit auch mit den kurzfristigen MINT-Bedarfen verbunden", betonen die Autoren mit Blick etwa auf die Energiekrise. Erste kleinere Auswirkungen zeigten sich bereits bei den Engpässen in den Ingenieurberufen Bau. Bei diesen habe die große Lücke in den vergangenen Monaten im Zuge der inflationsbedingt stark gestiegenen Zinsen und der damit verbundenen Abnahme der Baunachfrage zwar leicht abgenommen. Der durch die notwendige Anpassung von Geschäftsmodellen ausgelöste und verstärkte Innovationsdruck führe in vielen anderen MINT-Bereichen aber zu steigenden Bedarfen.

"Datengetriebene Geschäftsmodelle werden immer wichtiger", ist dem Bericht zu entnehmen. 53 Prozent der hiesigen Unternehmen hätten hier indes fehlende Fachleute als wichtiges Hemmnis genannt. Für die kommenden fünf Jahre erwarteten 40 Prozent der Firmen einen steigenden Bedarf an IT-Experten und 54 Prozent an IT-Fachkräften. Insgesamt sei die Beschäftigung in den MINT-Facharbeiterberufen von Ende 2012 bis Ende März 2022 um 2,1 Prozent angestiegen, während die Zahl der IT-Fachkräfte parallel um 68,9 Prozent zugelegt habe.

Rund 32 Prozent der Unternehmen gehen davon aus, dass sich der Bedarf an IT-Experten zur Entwicklung klimafreundlicher Technologien und Produkte in den kommenden fünf Jahren erhöhen wird. 19 Prozent erwarten einen steigenden Bedarf an Umweltingenieuren. Auch sonstige MINT-Experten und Fachkräfte werden den Verfassern zufolge für den Klimaschutz verstärkt benötigt.

Aktuell scheiden jährlich über 64.700 MINT-Akademiker aus Altersgründen aus dem Arbeitsmarkt aus, geht aus dem Report hervor. In fünf Jahren werde der jährliche demografische Ersatzbedarf um 7.400 auf 72.100 zunehmen. Bei den MINT-Akademikern würden mehr als zwei Drittel der Absolventen allein dafür benötigt, den Ersatzbedarf zu decken. Zusätzlich mit Sorge erfüllt die Forscher, dass die Zahl der MINT-Studierenden im ersten Hochschulsemester 2016/2017 noch rund 198.000 betragen habe, sich im Studienjahr 2021/2022 aber nur noch 172.000 Anfänger in diesen Fächern eingeschrieben hätten.

Die Wissenschaftler sehen aber auch Licht im Dunkel. So habe die Zuwanderung bereits in den vergangenen Jahren stark zur Fachkräftesicherung und Innovationskraft beigetragen. Das MINT-Beschäftigungswachstum von ausländischen Arbeitnehmern war zwischen dem vierten Quartal 2012 bis zum ersten Quartal 2022 überproportional hoch. Allein in MINT-Facharbeiterberufen nahm die Beschäftigung von Ausländern um 65,4 Prozent zu.

Auch ein steigender Anteil von Frauen konnte helfen, die Lücke zu schließen. Die entsprechende Quote an allen sozialversicherungspflichtig beschäftigten Personen in MINT-Berufen ist vom vierten Quartal 2012 bis zum ersten Quartal 2022 von 13,8 Prozent auf 15,8 Prozent nach oben gegangen. In den MINT-Facharbeiterberufen stieg der Frauenanteil in dieser Zeit von 13 Prozent auf 14 Prozent, bei Ingenieurstätigkeiten sogar von 15,1 Prozent auf 19,4 Prozent.

Die Forscher fordern, Bildungschancen generell zu verbessern, die Digitalisierung von Kitas und Schulen voranzubringen und den MINT-Unterricht zu stärken. Nur so ließen sich "die strukturellen Herausforderungen der Zukunft" meistern. Nötig sei etwa ein "Corona-Aufholprogramm", um pandemiebedingte Lernlücken zu schließen. Es sollten 20.000 zusätzliche IT-Stellen an den Schulen für Administration und zur Unterstützung der Lehrkräfte geschaffen werden. Wichtig sei etwa auch eine "klischeefreie Berufs- und Studienorientierung".

"Wir brauchen in Deutschland vereinfachte Regelungen sowie eine Entbürokratisierung bei der Zuwanderung, um weitere Potenziale zu heben", verlangte zudem Christina Ramb, Mitglied der BDA-Geschäftsführung. Die Zuständigen müssten auch "Anstrengungen verstärken, Mädchen und junge Frauen für MINT zu begeistern". Sie verwies ferner darauf, dass die Löhne von MINT-Beschäftigten höher seien "als im Durchschnitt anderer Berufe".

(mki)