Telefónica-CTO: 5G-Ausbau "schneller als jede andere Technologie zuvor"​

Mallik Rao, CTO von Telefónica Deutschland, beantwortet Fragen zum aktuellen Ausbaustand im O2-Netz, "echtem 5G" und den Chancen von Open RAN.

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5G-Antenne von Telefónica Deutschland in München.

(Bild: Telefónica Deutschland)

Von
  • Volker Briegleb

In Deutschland steht der Markteintritt eines neuen Mobilfunknetzbetreibers bevor. Das wird die Wettbewerbslandschaft verändern, ist aber auch ein technologisches Wagnis: 1&1 will sein Netz vollständig auf Grundlage von Open RAN aufbauen. Auch die etablierten Netzbetreiber beschäftigen sich ernsthaft mit Open RAN, das mehr Flexibilität und weniger Abhängigkeit von Ausrüstern verspricht. Von einem flächendeckenden Einsatz ist noch nicht die Rede – und auch 1&1 wird den Netzbetrieb wohl nicht vor 2023 aufnehmen.

Unterdessen bauen die aktiven Netzbetreiber ihr 5G-Netz weiter aus. 1&1-CEO Ralph Dommermuth will "im Gegensatz zu unseren Wettbewerbern ausschließlich echtes 5G" bauen. Er hebt damit auf den verbreiteten Einsatz von Dynamic Spectrum Sharing (DSS) ab, mit dem vor allem die Telekom und Vodafone 5G schnell in die Fläche ausgebaut haben. Aber auch der Ausbau von 5G auf den dafür designierten Frequenzen im 3,6-GHz-Band macht Fortschritte.

Mallik Rao, CTO und CDO von Telefónica Deutschland.

(Bild: Telefónica Deutschland)

Bei der Telekom sind 1800 Antennen in 30 Städten im 3,6-GHz-Band auf Sendung. Bei Vodafone, das erste Netzbereiche schon im 5G-Standalone-Betrieb hat, sind es 1000 Antennen. Telefónica Deutschland setzt DSS nicht großflächig ein und hat inzwischen 2300 Antennen im 5G-Betrieb auf 3,6 GHz. Mallik Rao, CTO von Telefónica Deutschland, hat unsere Fragen zum aktuellen Ausbaustand im O2-Netz, "echtem 5G" und den Chancen von Open RAN beantwortet.

Telefónica hat etwas später mit dem 5G-Ausbau begonnen als die Konkurrenz. Wie kommen Sie voran?

Wir haben in diesem Jahr unseren 5G-Ausbauturbo gezündet. Obwohl wir unser O2 5G-Netz erst im Oktober 2020 in fünf Städten gestartet haben, verzeichnen wir seitdem enorme Ausbaufortschritte. In unserem O2-Netz funken mittlerweile 2300 5G-Antennen in über 80 Städten auf der leistungsstarken 3,6-GHz-Frequenz. Damit sind wir aktuell der Treiber von echtem 5G in Deutschland.

Wie ist die Situation in den fünf Großstädten, in denen Sie begonnen haben?

In unserer Bundeshauptstadt Berlin bieten wir mit rund 450 5G-Antennen auf 3,6 GHz bereits ein sehr starkes und gut ausgebautes 5G-Netz. In unserer Heimatstadt München funken über 200 5G-Antennen, die weite Teile des Stadtgebiets versorgen. Zudem bauen wir unser 5G-Netz gezielt an wichtigen städtischen Infrastrukturen und Plätzen aus. So versorgen wir pünktlich zur IAA Mobility das Münchner Messegelände sowie die sogenannte "Blue Lane" der A94 komplett mit 5G. Aber auch in Hamburg, Köln und Frankfurt treiben wir unseren 5G-Ausbau mit großen Schritten weiter voran. Wir bieten unser 5G-Netz bereits in den wichtigsten deutschen Städten an, viele weitere werden noch bis Jahresende folgen.

Bleibt es bei der Perspektive des flächendeckenden Ausbaus bis 2025?

Wir liegen mit unserem 5G-Ausbau voll im Plan. Bis Jahresende 2021 werden wir 30 Prozent der deutschen Bevölkerung mit 5G versorgen, bis 2025 ganz Deutschland. Damit bauen wir 5G schneller aus als jede andere Technologie zuvor. Während der 4G-Ausbau rund zehn Jahre dauerte, werden wir mit 5G binnen fünf Jahren eine Vollversorgung bieten. Unser Unternehmen befindet sich gerade in einer Hochinvestitionsphase. Von den 4 Milliarden Euro an Investitionen von 2020 bis 2022 fließt ein großer Teil in den Ausbau unseres 5G-Netzes.

Ralph Dommermuth hat dem Wettbewerb vorgeworfen, kein "echtes 5G" zu bauen. Fühlen Sie sich angesprochen?

Das wird ganz sicher nicht in unsere Richtung gegangen sein. Wir haben von Anfang an gesagt, dass wir unser Netz nicht bundesweit mit DSS ausbauen. Wir setzen seit dem Start unseres O2 5G-Netzes auf die leistungsstarken 3,6-GHz-Frequenzen. Damit liefern wir bereits in über 80 Städten ein starkes und damit echtes 5G-Netz. Das merken unsere Kunden in ihrem digitalen Alltag: Laut dem Speedtest-Spezialisten Ookla bieten wir mit O2 aktuell das schnellste 5G-Netz in Deutschland. Damit zeigen wir auch, welche Vorteile echtes 5G für Kunden im Vergleich zu Dynamic Spectrum Sharing bietet, das 4G und 5G miteinander kombiniert.

Die DSS-Technologie werden wir in Zukunft sehr bewusst in ausgewählten Gebieten einsetzen, wo wir es als sinnvolle 4G-Erweiterung erachten. Erste Teststandorte sind bereits live. Der Schwerpunkt unseres 5G-Ausbaus wird weiterhin auf 3,6 GHz liegen, ergänzt durch reichweitenstärkere Frequenzen, um 5G noch schneller in die Fläche zu bringen.

Wie sieht es mit 5G Standalone aus?

Wir sind technisch in der Lage, unseren Kunden ein bundesweites 5G-Standalone-Netz anzubieten. Unser neues 5G-Standalone-Kernnetz ist bereits aktiv, etwa in unseren Rechenzentren in München und Düsseldorf. Sobald 5G Standalone echten Mehrwert für den Massenmarkt bringt, werden wir die Technologie bundesweit aktivieren, etwa wenn genügend Endgeräte 5G SA technologisch unterstützen.

Wir müssen hier stets aus der Kundensicht denken. Mit 5G Standalone werden künftig Anwendungen wie Mobile Gaming, Virtual und Augmented Reality ihr volles Potenzial entfalten können. Und bereits jetzt bringt 5G SA Vorteile bei industriellen Vernetzungslösungen, sodass wir hier für Unternehmen maßgeschneiderte 5G-Industrienetze errichten.

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1&1 will sein gesamtes Netz mit Open RAN aufbauen. Auch Telefónica testet die Technik bereits im Live-Betrieb. Was sind Ihre Erfahrungen?

Wir haben Open RAN als erster deutscher Netzbetreiber erfolgreich aus dem Labor in unser Livenetz geholt. Seit Dezember 2020 funken mehrere Open-RAN-Standorte im bayrischen Landsberg am Lech. In den vergangenen Monaten konnten wir so wertvolle Erfahrungen im Hinblick auf den Betrieb und die Optimierung der Technologie sammeln, die in unsere künftigen Ausbaupläne einfließen werden.

Sie planen, mehr Open RAN Standorte in Betrieb zu nehmen. Ist das schon angelaufen?

Wir starten im Herbst dieses Jahres mit dem Rollout weiterer Open-RAN-Standorte. Der innovative technologische Ansatz von Open RAN bietet uns perspektivisch eine deutlich höhere Flexibilität bei der Herstellerauswahl. Zudem werden wir neue Dienste und Services deutlich schneller ins Netz integrieren können.

Ist die Technik schon reif für einen großflächigen Rollout?

Bei der Ausschreibung für den Ausbau unseres 5G-Netzes haben wir uns vor zwei Jahren neben den Angeboten der etablierten Netzwerkausrüster auch Open-RAN-Lösungen angeschaut. Wir sehen das Potenzial und die Innovationskraft dieser Technologie. Daher sind wir bei Open RAN auch als technologischer Vorreiter in Deutschland vorangegangen und haben erste Standorte in den Livebetrieb genommen.

Aber für den Aufbau unseres flächendeckenden 5G-Netzes haben wir uns letztendlich für die Technologien der führenden Netzausrüster entschieden, die aus unserer Sicht noch leistungsfähiger und zuverlässiger sind. Als Betreiber eines bundesweiten Mobilfunknetzes, das täglich 45 Millionen Privat- und Geschäftskunden zuverlässig miteinander verbindet, kommt uns eine enorme Verantwortung zu, die wir sehr ernst nehmen.

Unser Netz hat im vergangenen Halbjahr eine Milliarde Gigabyte transportiert. Der Betrieb und Ausbau eines Mobilfunknetzes ist eine hochkomplexe Angelegenheit. Daher bringen wir die Implementierung von Technologie-Innovationen wie Open RAN, Cloud oder Virtualisierungslösungen immer in Einklang mit einem stabilen Netzbetrieb für unsere Kunden. Auf dieser Grundlage transformieren wir unser Netz konsequent und stellen die Weichen für die digitale Zukunft Deutschlands.

(vbr)