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Temperaturabhängig: Weißabgleich und Farbwiedergabe Kommentare

Licht ist nicht gleich Licht: Im späten Abendrot, mittags bei blauem Himmel, im Hochgebirge oder bei Nieselregen – die Welt sieht immer wieder anders aus. Was dem Sehen die Adaption, ist der Kamera der Weißabgleich.

Temperaturabhängig: Weißabgleich und Farbwiedergabe

Unter Weißabgleich versteht man die Abstimmung eines Aufnahmemediums – Film oder Digitalkamera – auf das vorhandene Licht, sodass „farblose“ graue oder weiße Objekte auch neutralgrau beziehungsweise weiß wiedergegeben werden und alle übrigen Farben möglichst immer gleich erscheinen.

Das Grundkonzept des Weißabgleichs besteht darin, die Werte in den einzelnen Farbkanälen (Rot, Grün, Blau oder RGB) so zu verstärken oder abzuschwächen, dass eine graue wie auch weiße Fläche jeweils gleiche Datenwerte in allen RGB-Komponenten liefert, unabhängig von der Art der Beleuchtung. Bei der Endausgabe als JPEG-Fotodatei oder TIFF reicht der Wertebereich pro Kanal von 0–255 (8 Bit, für alle drei Kanäle aufsummiert 24 Bit). Demgegenüber stehen in den Kamerarohdaten bei 12 Bit noch Stufen von 0–4095 zu Verfügung (also 16-mal so viele), bei den neueren Modellen mit 14-Bit-Raw-Format gar von 0–16 383 (nochmals das Vierfache oder bezogen auf die Enddaten in 8 Bit das 64-fache!).

Der in einer modernen Digitalkamera eingebaute „automatische Weißabgleich“ kann nur vermuten, welche Bildelemente weiß oder grau aussehen sollen – und ob überhaupt solche im Motiv vorkommen. Manchmal wird behauptet, die Kamera suche nach dem hellsten Bereich im Motiv – so einfach kann es aber nicht sein, denn dann ließe sich eine Kamera beispielsweise durch helle, einfarbige Objekte auf dunklerem, grauen Untergrund leicht täuschen. Andererseits ändert die Beschaffenheit eines Motivs bei gleichbleibender Beleuchtung den Weißabgleich durchaus – in Grenzen.

Aufgenommen mit Einstellung auf 6500 K, von oben nach unten: Sparlampen "Daylight" gefiltert auf ca. 10.000 K, Leuchtstofflampen "Biolux", Sparlampen "Coolwhite", Halogenlampe, Kerzenlicht

Aufgenommen mit Einstellung auf 6500 K, von oben nach unten: Sparlampen "Daylight" gefiltert auf ca. 10.000 K, Leuchtstofflampen "Biolux", Sparlampen "Coolwhite", Halogenlampe, Kerzenlicht

Die Farbstimmung des Lichtes (siehe Bildreihe), also wie die Balance zwischen dem langwelligen Kanal (R) und dem kurzwelligen (B) eingestellt werden muss, beschreibt man durch die sogenannte Farbtemperatur in Kelvin. Auch wir sehen bei Sonnenuntergang oder Kerzenlicht die Farben etwas anders – hauptsächlich aber empfinden wir eine „warme“ Stimmung. In der abendlichen Wohnung verlangt der Mensch nach „Lagerfeuerstimmung“ und schraubt Glühbirnen oder „Warmton-Energiesparlampen“ in die Fassung. Die Farbtemperatur leitet sich von der Strahlung ab, die ein glühender sogenannter „schwarzer Körper“ (der also kein Licht von außen reflektiert) aussendet, gemessen in Kelvin. Der Nullpunkt der Kelvin- Skala liegt bei –273.15 °C. Paradoxerweise empfinden wir aber die Farbe von glühendem Eisen oder einer Kerze bei 1500 K bis 2000 K als „warm“, höhere Farbtemperaturen, die bläulichem Licht entsprechen (7000 K bis 10 000 K und höher) dagegen als „kalt“.

Es kommt aber auch vor, dass im mittleren Spektralbereich (Grün) mehr Energie vorhanden ist, zum Beispiel bei Aufnahmen unter einem Baum, dessen grünes Laub das Licht filtert. Oder bei vielen Leuchtstoffröhren, namentlich den billigeren „Tageslicht“-Versionen. Dadurch entsteht ein Grünstich. Fehlt umgekehrt Grün im Vergleich zu Rot und Blau im Lichtangebot, ergibt sich ein Magenta oder Purpurstich. Messtechnischer Weißabgleich beseitigt auch diesen, für die manuelle Korrektur steht in Raw-Konvertern außer dem Einsteller für die Farbtemperatur ein entsprechender „Farbwert-Einsteller“ (Tint) von Magenta nach Grün zur Verfügung.

Eigentlich müssten Gegenstände aufgrund der physikalischen Unterschiede der Zusammensetzung des Lichtspektrums und dessen Wechselwirkung mit den „Körperfarben“ je nach Beleuchtung (also Tageslicht am Mittag oder Kunstlicht von der Leuchtstofflampe bis zum Feuerschein oder der Kerze) unterschiedlich aussehen. Körperfarben bewirken, dass das sichtbare Licht in unterschiedlichem Maße reflektiert wird. Vereinfacht gesagt reflektiert ein mittelgrauer Gegenstand, etwa eine Graukarte, jeweils 18 % Rot, 18 % Grün und 18 % Blau, wenn alle Komponenten zu 100 % vorhanden sind. Wenn im Ausgangslicht aber Rot:Grün:Blau im Verhältnis 100:50:25 enthalten sind, bleiben davon 18:9:4,5 in Prozenten (bezogen auf die Intensität im Rotbereich). Ein Körper mit einem Reflektionsvermögen von 18 %, 9 % und 4,5 % würde bei „weißem“ Licht mit gleichen Ausgangsanteilen genau die gleiche Lichtzusammensetzung reflektieren – sähe aber dunkelbraun aus. Selbst wenn man den mittleren Bereich durch Verdoppelung der Werte auf 18 % anhebt (Belichtungsausgleich), sodass man mit 36:18:9 in etwa die gleiche „mittlere Helligkeit“ erreicht, bleibt es ein kräftiges Rotbraun. Das kann man durch Einstellen einer Farbe in einem Bildbearbeitungsprogramm auf die entsprechenden RGB-Werte 46:23:11 beziehungsweise 92:46:22 leicht nachprüfen!

Wir sehen aber eine Graukarte oder einen grauen Anzug in der Abenddämmerung oder bei Kerzenlicht nicht rotbraun, sondern nach wie vor grau. Verantwortlich dafür ist eine Leistung des Sehsystems namens „Farbkonstanz“, die – vereinfacht gesagt – ähnlich wie ein fast perfekter „Weißabgleich“ wirkt.

Ohne individuell angepassten Weißabgleich „sieht“ eine Kamera bei unterschiedlichen Lichtarten so wie im Bildstreifen abgebildet. Dazu wurde der Weißabgleich starr auf 6500 K (Tageslicht mittags, bedeckter Himmel) eingestellt, und so ähnlich „verstimmt“ erschiene auch uns bei verschiedenen Farbtemperaturen die Welt, wenn sich die Augen nicht adaptieren (anpassen) würden. Farbwiedergabe und Abstimmung erscheinen in der Probebildreihe am besten bei Tageslicht-Leuchtstoffröhren (zweites Bild von oben), wobei aber ein leichter Gelbgrün-Stich verbleibt. Das Tageslicht kann Werten von 5000 K (Morgen oder Abendsonne) und darunter oder bis über 10 000 K (blauer Himmel im Schatten) entsprechen. Glühbirnen liegen bei 2700 K (40 Watt) bis 3200 (Halogen). Kerzenlicht hat 2000 K oder weniger. Mondlicht soll wie Coolwhite-Leuchtstoffröhren um 4000 K liegen, Xenarc-Scheinwerfer in neueren Autos (die blauen Blender) haben etwa 4100 K.

In den alten Tagen der „Film“-Fotokameras benutzte man verschiedene Filmsorten für Tages- oder Kunstlicht (Dia) oder Filter zum Ausgleich der Farben. Digitalkameras besitzen verschiedene Programme. Am einfachsten ist der automatische Weißabgleich zu verwenden – die Kamera macht alles von alleine. Daneben gibt es Voreinstellungen auf bestimmte Lichtarten (Tageslicht, schattig, wolkig, Kunstlicht usw.), eine manuelle Korrektur des Weißabgleichs nach rot-blau oder grün-magenta in der Kamera, sogenannte Weißabgleichsreihen und schließlich den messtechnischen Weißabgleich (siehe unten). Die Ergebnisse einer Weißabgleichsreihe ähneln dem hier gezeigten Bildstreifen der Aufnahmen in verschiedenen Lichtarten – man sucht sich dann das am besten passende Bild heraus.

Voreinstellungen auf bestimmte Lichtarten oder messtechnischer Weißabgleich sind umständlich und fehlerträchtig und eigentlich nur dann notwendig, wenn Sie ausschließlich Bilder im JPEG-Format in der Kamera abspeichern wollen, sei es, um sich die Nachbearbeitung zu sparen oder weil die Kamera kein Raw-Format beherrscht. Bei digitalen Spiegelreflexkameras ist grundsätzlich zum Raw-Format zu raten, manche Kameras bieten auch an, Raw und JPEG gleichzeitig abzuspeichern. Als Einstellung eignet sich dann meistens die Automatik.

Von links oben nach rechts unten: Graukartenmessung auf Sonnenlicht (4000 K), automatische Belichtung (4800 K), automatische Belichtung (5100 K), Graukartenmessung auf Himmelslicht (6000 K)

Von links oben nach rechts unten: Graukartenmessung auf Sonnenlicht (4000 K), automatische Belichtung (4800 K), automatische Belichtung (5100 K), Graukartenmessung auf Himmelslicht (6000 K)

Stellt man die Kamera auf automatischen Weißabgleich, werden die Farbunterschiede in einem gewissen Maß ausgeglichen, wobei sich selbst zwei verschiedene Kameramodelle ein und desselben Herstellers (Canon 300D und 400D) unterschiedlich verhalten. So fallen bei der (älteren) 300D die Aufnahmen im Glühlampen- und Kerzenlicht deutlich rotstichiger aus.

Wäre der „totale automatische Weißabgleich“ technisch überhaupt machbar? Bei einer Kamera, die nicht mit besonderen Sensoren das Aufnahmelicht messen kann (was für sich gesehen unter manchen Umständen vom Kamerastandort aus nicht möglich wäre), sondern nur den Blick durch das Objektiv, also den eigentlichen Motivinhalt, zur Verfügung hat, ist das höchst fraglich. Wenn ein Mensch am PC das Testbild oder ein bekanntes Motiv vor sich sieht, und weiß, welche Flächen grau und welche farbig sein sollen, fällt es ihm leicht, mit der Pipette ein Grau anzumessen.

Eine Kamera wie die EOS 400D geht davon aus, dass die Welt normalerweise in ein mittleres, eher warmes Tageslicht (um 5200 K) getaucht erscheint. Von dieser Annahme lässt sie sich per Automatik nur begrenzt „weglocken“. Dabei erfasst der Sensor der Kamera einen so weiten Bereich unterschiedlichster Farben, dass man unter allen mit einiger Wahrscheinlichkeit vorkommenden Beleuchtungsverhältnissen ein „farbrichtiges“ Bild herausrechnen kann. Und weil dies üblicherweise per Software geschieht, kann man diesen Vorgang nachträglich und in beliebigen Varianten ausführen, wenn die Kamera die Sensordaten direkt abspeichert (im Raw-Format). Weil hier aber die passende Umsetzung in ein ansprechendes und farbrichtiges Bild noch fehlt, müssen Raw-Dateien auf jeden Fall nachbearbeitet werden – wobei sich ein Konverter wie ACR (Adobe Camera Raw) auch an den von der Kamera gelieferten Daten zur Einstellung des Weißabgleichs etc. orientieren kann, sodass nicht in jedem Fall ein Eingreifen des Benutzers erforderlich ist.

Völlige „Gleichschaltung“ ist nur mit einem „messtechnischen Weißabgleich“ zu erzielen: Dazu fotografiert man eine definierte Graufläche, die alle „Farben“ gleichmäßig reflektiert, und lässt entweder die Kamera ihren Weißabgleich darauf einstellen oder nimmt diesen später in einem Fotoprogramm per Pipette vor. Jegliche Stimmung aber bleibt bei dieser Methode auf der Strecke. Der nachträgliche „gemessene“ Weißabgleich im Raw-Konverter leistet mindestens das Gleiche wie ein Abgleich der Kamera auf ein weißes Objekt. Graukarten aus wetterfestem Material bekommt man (meist mit einer weißen und einer grauen Seite) im Fotofachhandel ab etwa 15 Euro.

Bei einer Testbildreihe, die auf das Grau in der Mitte des Testbildes abgeglichen ist, möchte man zuerst fast nicht glauben, dass sie bei so unterschiedlichem Licht aufgenommen wurde. Bei genauerem Hinsehen fällt allerdings auf, dass die Intensität der Farben nach unten hin deutlich abnimmt, da kommt der Sensor der Kamera doch an seine Grenzen.

Für bestimmte Zwecke, etwa Nah- und Sachaufnahmen bei einheitlichem Licht, sichert der Weißabgleich auf eine Graukarte (oder deren neutralweiße Seite) am besten eine neutrale Farbwiedergabe. Bei Naturaufnahmen mit unterschiedlich zusammengesetztem Licht, die eine Stimmung wiedergeben sollen, führt dies nicht ohne weiteres zu befriedigenden Ergebnissen. Eine Graukarte liefert nur dann einen vernünftigen Wert, wenn sie auch von „weißem Licht“ beleuchtet wird, das in seiner Zusammensetzung einem geeigneten Mittelwert der gesamten Beleuchtung der Szene entspricht. Andererseits braucht man nicht unbedingt eine Graukarte als Neutralpunkt, eine weiße Hauswand oder grauer Straßenasphalt tut’s auch, sofern vorhanden. Das Beispiel zeigt aber anschaulich, dass in natürlichen Umgebungen das Licht kräftig und ganz unterschiedlich in die Farbwiedergabe eingreift.

Die Montage zeigt viermal die gleiche abendliche Herbstszene mit unterschiedlichem Weißabgleich. Je niedriger die für die Aufnahme eingestellte Farbtemperatur in Kelvin (z. B. 4000 K), desto kälter oder bläulicher erscheint das Bild. Je höher die sozusagen erwartete Farbtemperatur (z. B. 6000 K), desto „wärmer“ oder rötlicher die Wiedergabe vom selben Motiv.

Vor dem Klick mit der Weißabgleichspipette auf die Graukarte der automatische Weißabgleich (4800 K), danach der messtechnische (4000 K)

Vor dem Klick mit der Weißabgleichspipette auf die Graukarte der automatische Weißabgleich (4800 K), danach der messtechnische (4000 K)

Zugrunde liegen zwei Aufnahmen, die im Abstand von zwei Minuten bei herbstlicher Abendsonne am Schliersee gemacht wurden, die erste sehen Sie zweimal in der oberen, die zweite zweimal in der unteren Reihe. Im Vordergrund unten in Bildmitte ist die auf einem Stativ befestigte Graukarte mit abgebildet (leicht unscharf).

Die Graukarte wurde bei der ersten Aufnahme (vorige Seite, obere Reihe) leicht nach links gedreht, sodass die tiefstehende, von links kommende Abendsonne sie trifft. Soll die Graukarte auch zur Belichtungsmessung dienen, verwendet man sie bei Seitenlicht so, dass sie zwischen Kamera und Hauptlichtquelle (also hier der Sonne) gerichtet ist, sonst soll sie vom Motiv zur Kamera weisen.

Bei der zweiten Aufnahme (untere Reihe) wurde die Karte etwas nach rechts gedreht, sodass ihre Oberfläche vom direkten Sonnenlicht nicht mehr erreicht wurde, sondern nur vom indirekten, blaueren Licht des Himmels, dessen Farbtemperatur sie erfassen sollte. Das Himmelslicht alleine ist relativ schwach, dadurch erscheint die Graukarte auch wesentlich dunkler, da die Belichtung am Gesamtmotiv ausgerichtet wurde. Damit man die Farbabweichung auf der Graukarte besser erkennt, haben wir die untere Hälfte der Graukarte aufgehellt auf ein mittleres Grau eingeblendet.

Das Bild auf der vorigen Seite entstand durch einen „gemessenen Weißabgleich“ (per Pipette in Photoshop) auf die Graukarte, bei Abstimmung auf eine niedrige Farbtemperatur von 4000 K (der rötlichen Abendsonne). Dadurch wirken die Farben kühl und der Kiesweg erscheint sogar bläulich – aber die Graukarte ist schön neutralgrau. Das rechte obere Bild zeigt den automatischen Weißabgleich der Kamera, es entspricht einer angenommenen Farbtemperatur von 4800 K, dieser Kompromiss der Kameraautomatik bewahrt die abendliche Stimmung, aber Kiesweg und Graukarte weisen einen deutlichen gelb-orangen „Farbstich“ auf.

Das Bild links unten zeigt wieder den automatischen Weißabgleich, hier hat die Automatik die Aufnahme noch wärmer gestimmt (entsprechend 5100 K), wahrscheinlich aufgrund der im Bildbereich befindlichen bläulicher beleuchteten Graukarte, die dabei aber noch einen blauen Farbstich behält (siehe aufgehellte Einblendung ganz unten). Gleicht man diesen durch Messung auf die Graukarte aus (rechts unten), landet man bei 6000 K und einem eher kitschigen rotstichigen Bild – zudem schlägt das Blau des Himmels nun in ein blasses Lila um. Ähnliche Ergebnisse erhält man, wenn man im Raw-Format aufnimmt und im Konverter mit der Weißabgleichspipette auf dem grauen Kiesweg wahlweise in die besonnten Bereiche (Sonnenlicht-Weißabgleich) oder in die etwas bläulichen Schatten des Geländers auf dem Kies misst, das zum See hin den Weg abschließt, allerdings mit mehr oder weniger starken Farbverschiebungen vor allem im Grün-Magenta-Bereich.

Versehentliche Einstellung des Weißabgleichs auf Kunstlicht liefert einen extremen Blaustich. Macht man die Schuppenwand durch Anklicken mit der Mittelton-Pipette neutral grau, wird das Bild zu kalt.

Versehentliche Einstellung des Weißabgleichs auf Kunstlicht liefert einen extremen Blaustich. Macht man die Schuppenwand durch Anklicken mit der Mittelton-Pipette neutral grau, wird das Bild zu kalt.

Neben einer versehentlichen Falscheinstellung der Empfindlichkeit (ISO) gehört ein falscher Weißabgleich zu den ärgerlichsten Pannen in der Digitalfotografie, etwa weil man am Vorabend mit der Einstellung „Kunstlicht“ aufgenommen und vergessen hat, dies wieder umzustellen. Dann sind die Rettungsmöglichkeiten durch Korrekturen am JPEGFormat sehr bescheiden – im Vergleich zu dem, was „geht“, wenn man die exakt gleiche Aufnahme als Raw-Datei zur Verfügung hat (manche Kameras speichern auf Wunsch sowohl eine Raw-Datei als auch ein JPEG-Bild).

Eine spätnachmittägliche Gebirgsszene im Herbst, die etwa 4200 K entspricht, wurde „versehentlich“ mit der Einstellung Kunstlicht 3200 K aufgenommen, und dann zusätzlich noch einmal mit einer Filterung bei angenommenen 7500 K, so als wäre es mittägliche Hochgebirgsstimmung – leider aber wieder mit Kunstlicht-Weißabgleich“.

Das erste Bild lässt sich noch ganz gut retten, indem man mit der „Tonwertkorrektur“ von CS2 einen Weißabgleich der Mitteltöne auf die graue Verbretterung des Schuppens rechts am unteren Bildrand ausführt. Einige Farben sind aber seltsam verändert, vor allem fällt der Lilastich der Berge im Hintergrund auf und eine insgesamt zu kalte Stimmung. Um mehr Abendstimmung zu erzeugen, kann man im Dialog „Tonwertkorrektur“ unter „Optionen“ die Farbe für den Mittelwertabgleich von Neutralgrau ein wenig in Richtung Orange verschieben. Allerdings wird das Gebirge nun umso fliederfarbener.

Macht man die Schuppenwand durch Anklicken mit der Mittelton-Pipette neutral grau, wird das Bild zu kalt. Unter Optionen/Mitteltöne kann man mit dem Farbwähler ein wärmeres Grau vorgeben.

Macht man die Schuppenwand durch Anklicken mit der Mittelton-Pipette neutral grau, wird das Bild zu kalt. Unter Optionen/Mitteltöne kann man mit dem Farbwähler ein wärmeres Grau vorgeben.

Deutlich lebhafter und natürlicher fällt das Ergebnis aus, wenn man in der Tonwertkorrektur das Histogramm kanalweise an den Enden, die keine oder kaum Werte aufweisen, beschneidet. Bei dem mit Kunstlichteinstellung und zusätzlich blaugefilterten JPEG lassen sich zwar im Vordergrund der Landschaft noch einigermaßen natürliche Töne nach diesen Verfahren erzielen, die Gebirgskette im Hintergrund wird aber hoffnungslos milkafarben und der Himmel bleicht völlig aus. Erst weitere massive Eingriffe mit verringerter Farbsättigung und zusätzlich kanalweise stark verbogenen Gammakurven liefern noch ein etwas annehmbareres Resultat, während sich aus der blaugefilterten Raw- Aufnahme fast identische Resultate wie aus dem ungefilterten Bild gewinnen lassen.

Zwar lassen sich durch die vorgestellten Korrekturen an den falsch abgeglichenen JPEG-Aufnahmen durch raffinierte Tricks in einigen Motivbereichen überzeugend wirkende Farben wiederherstellen, jedoch auf Kosten der korrekten Farbwiedergabe in anderen Bereichen. Insgesamt gehen Nuancen verloren, die nicht wiederherzustellen sind. Doch wenn Sie Bilder im Raw-Format aufnehmen, können Sie den Weißabgleich einstellen wie Sie wollen – er lässt sich nachträglich im Raw-Konverter auf dem PC beliebig verlustfrei umstellen.

Wiedergegebene Farben, ob nun auf Papier oder dem Bildschirm, werden immer in einer bestimmten Umgebung betrachtet. „Objektiv richtige Farbwiedergabe“ könnte demnach bedeuten, dass Original und Wiedergabe – wenn man den fotografierten Gegenstand (also dessen „Körperfarbe“) neben das Foto oder den Bildschirm hielte – in den Farben genau gleich aussehen. Das ist eigentlich einleuchtend, aber was ist mit selbstleuchtenden Objekten wie einer Kerze? Und was, wenn das Medium selbstleuchtend ist wie ein Monitor?

Beim Papier ist der Weißpunkt durch die Reflektionseigenschaften des unbedruckten Papiers vorgegeben. Dieses kann gelblich oder bläulich getönt sein, es kann„ Weißmacher“ enthalten, die auf ultraviolettes Licht reagieren und so weiter, aber vereinfachend wollen wir annehmen, weißes Fotopapier sei einfach weiß und meinen damit, dass es alle Bereiche des Spektrums in gleichem Maße reflektiert (z. B. 90 Prozent). Bei einem empfindungsmäßig mittleren Grau geht man davon aus, dass es zirka 18 Prozent des Lichtes reflektiert (und den Rest verschluckt).

Dabei nimmt das gedruckte Bild die Farbtemperatur des Umgebungslichtes auf, in dem man es betrachtet, sodass sowohl durch die Adaption des menschlichen Sehsystems als auch durch einen „Weißabgleich“ alle Grautöne neutral und (im Idealfall) alle Farben korrekt erscheinen. Daher kann man davon ausgehen, dass ein korrekter Farbdruck unter verschiedenen Beleuchtungsbedingungen immer einigermaßen korrekt aussieht.

Bei passendem Weißabgleich des Monitors zum Umgebungslicht sollte die Darstellung auf dem Monitor (links) einer Papiervorlage (rechts) möglichst ähnlich sehen. Links unten eine Graukarte. Schräg eingeblendet Beleuchtung mit Halogenlampe statt Tageslicht.

Bei passendem Weißabgleich des Monitors zum Umgebungslicht sollte die Darstellung auf dem Monitor (links) einer Papiervorlage (rechts) möglichst ähnlich sehen. Links unten eine Graukarte. Schräg eingeblendet Beleuchtung mit Halogenlampe statt Tageslicht.


Beim Bildschirm, der in der Regel zur Beurteilung und Einstellung von digitalen Farbbildern dient, wird die Situation schon komplizierter. Beim Monitor, dessen Weißpunkt auf ca. 6500 Kelvin eingestellt und der damit auf eine gleichartige Beleuchtung am Arbeitsplatz (Biolux-Leuchtstoffröhren bzw. Lichtfarbe 965) abgestimmt ist, sind Grau- und Weißtöne auf dem Bildschirm und auf dem Ausdruck eines Fotodruckers nahe beieinander. Da der Weißpunkt des Monitors – also das Licht, das er bei einem RGB-Wert von (255, 255, 255) abgibt – nicht auf der Reflektion des Umgebungslichtes beruht wie bei einem Papierbild, sondern durch das vom Monitor abgestrahlte Licht bestimmt wird, ändert er sich nicht, wenn sich die Farbtemperatur des Umgebungslichtes ändert.

Verändert man nun bei gleicher Farbabstimmung des Monitors das Umgebungslicht, zum Beispiel durch Halogenlicht (3200 K) statt Tageslichtlampen, müsste sich das Auge zwischen zwei Weißadaptionen entscheiden – entweder für das Weiß des Monitors oder das des Papiers. Besser wird die Situation, wenn man die Farbtemperatur des Monitors wieder an das Umgebungslicht anpasst, was aber bei Glühlampenlicht kaum exakt gelingen wird (der für die Aufnahmen verwendete Monitor ließ sich minimal auf 4000 K einstellen). Um also auf einem Monitor die Farbwiedergabe richtig beurteilen zu können, muss dessen Kalibrierung mit dem Umgebungslicht möglichst gut übereinstimmen. Für Letzteres kommen vor allem Tageslicht-Leuchtstofflampen infrage, wobei die Lichtfarbe mit einer Kennziffer bezeichnet wird – eine 8 an erster Stelle bezeichnet gute (z. B. 860 „Daylight“), eine 9 beste Farbwiedergabe (z. B. 965 „Biolux“), die beiden letzten die (ungefähre) Farbtemperatur, also 6000 oder 6500 Kelvin. Entscheidend ist die möglichst präzise Abstimmung von Grautönen auf eine Graukarte beziehungsweise des Weißpunktes auf Papierweiß oder besser die weiße Seite einer Graukarte.


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