Tim Berners-Lee vs. Blockchain: "Web3 hat nichts mit dem Web zu tun"

Web-Begründer Tim Berners-Lee hat dazu aufgerufen, die Web3-Bewegung zu "ignorieren". Diese setzt auf die Blockchain als Basis für die nächste Internetstufe.

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(Bild: spainter_vfx/Shutterstock.com)

Von
  • Stefan Krempl
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Der Vater des World Wide Web, Tim Berners-Lee, betrachtet die dezentrale Datenbanktechnik Blockchain nicht als die praktikabelste Lösung für den Aufbau der nächsten Generation des Internets. "Ignorieren Sie den Web3-Kram", riet der Physiker und Informatiker dem Publikum am Freitag auf dem Web Summit in Lissabon laut dem US-Sender CNBC. Er zeigte sich demnach von den Zukunftsplänen der Krypto-Visionäre überhaupt nicht überzeugt.

"Es ist wichtig, Klarheit zu schaffen, um die Auswirkungen neuer Technologien zu debattieren", erklärte Berners-Lee dem Bericht zufolge auf der großen Konferenzbühne. "Man muss verstehen, was die Begriffe, über die wir diskutieren, tatsächlich bedeuten, jenseits der Schlagworte".

Der Informatiker und Physiker bezeichnete es demnach als "echte Schande", dass "die Ethereum-Leute" die bereits existierende Bezeichnung Web3 "für die Dinge" übernommen hätten, "die sie mit Blockchain machen". In Wirklichkeit sei diese Form des Web3 "gar nicht das Web".

Die Idee hinter dem noch vergleichsweise nebulösen Begriff Web3 ist ein dezentrales Internet, in dem die Daten in den Händen der Nutzer bleiben und nicht in geschlossenen Plattformen von Betreibern wie Amazon, Facebook, Google und Microsoft verschwinden. Die Initiative basiert auf der Distributed-Ledger-Technologie (DLT), die etwa Blockchain, Kryptowährungen wie Bitcoin und Ethereum sowie Nonfungible Tokens (NTFs) umfasst. Opera etwa stellte im Januar mit dem "Crypto Browser Project" eine recht umfassende Web3-Basisanwendung vor.

Berners-Lee ist auch dafür, Datensilos zu öffnen. Der Direktor des World Wide Web Consortium (W3C) setzt dafür aber auf sein eigenes dezentrales Webprojekt Solid. Nutzer sollen mit der Open-Source-Initiative befähigt werden, in jedem Fall selbst zu bestimmen, wo ihre persönlichen Informationen gespeichert werden. Im Idealfall handelt es sich dabei um einen eigenen "Solid-Datenpod", über den der Inhaber die volle Kontrolle hat.

Für DLT sieht der Brite in diesem Zusammenhang keinen Platz. "Blockchain-Protokolle mögen für einige Dinge funktional sein, aber sie sind nicht gut für Solid", hob er hervor "Sie sind zu langsam, zu teuer und zu öffentlich. Persönliche Datenspeicher müssen schnell, billig und privat sein."

Berners-Lee monierte, dass viele Web3-Techniken mit dem umfassenderen, von ihm mitgeprägten Konzept "Web 3.0" verwechselten. Dessen ursprünglicher Ansatz war der Aufbau eines semantischen Webs, das mit Daten angereichert ist, die maschinell ausgelesen und verarbeitet werden können.

Für die Umsetzung von Solid hat der 67-Jährige das Start-up Inrupt gegründet, das Berichten zufolge in einer Finanzierungsrunde im Dezember 30 Millionen US-Dollar Wagniskapital erhalten hat. Entwickeln will das Unternehmen eine globale "Single Sign-On"-Funktion, mit der sich jeder von überall aus bei Webdiensten anmelden kann. Dazu kommen sollen Login-IDs, mit denen Nutzer ihre Informationen mit Dritten teilen können. Vorgesehen ist auch eine "gemeinsame universelle API", also eine Programmierschnittstelle, über die Anwendungen Daten aus beliebigen Quellen abrufen können.

Schon im Juni beantwortete Berners-Lee auf der Konferenz The Next Web die Frage, ob er an das heilvolle Versprechen von Web3 glaube, knapp mit "Nö". Eigentlich habe er sich das Web mehr als Kollaborationswerkzeug vorgestellt, führte er damals aus. Lösungsteile sollten darüber aus verschiedenen Köpfen zusammenwachsen. Entstanden sei dann eher ein Publikationsmedium. Er gebe aber die Hoffnung nicht auf, seine anfängliche Idee doch noch zu verwirklichen.

Prinzipiell ist der Web-Vater kein Feind von Blockchain-Applikationen. So ließ er 2021 seinen ursprünglichen Quellcode für das World Wide Web, den er während seiner Zeit am europäischen Kernforschungsinstitut CERN entwickelte, vom US-Auktionshaus Sotheby's als NFT versteigern. Dazu signierte er die Dateien mit den originalen Zeitstempeln. Die Auktion für das digitale Kunstwerk brachte 5,43 Millionen US-Dollar ein, die an gemeinnützige Initiativen fließen sollten.

Den Web Summit nutzte Berners-Lee 2018 auch bereits, um einen neuen Gesellschaftsvertrag fürs Web vorzuschlagen. Die "Magna Charta" soll ihm zufolge helfen, Fehlentwicklungen wie Hass, staatliches Hacken und Cybercrime durch den Aufbau starker Gemeinschaften zu bekämpfen. Sie richtet sich auch gegen Geschäftsmodelle, die helfen, Desinformation zu verbreiten. Die fertige Version stand im Mittelpunkt des Auftakts des Internet Governance Forum (IGF) der Uno in Berlin 2019. Prinzipien daraus flossen in die Erklärung zur Zukunft des Internets ein, die die USA und die EU im April gemeinsam mit Partnern veröffentlichten. (tiw)