UKW-Abschaltung in der Schweiz doch wieder auf Ende 2024 verschoben​

Weil eine gesamtschweizerische Lösung nicht mehr realistisch ist, rücken die Sender nun wieder von ihren Plänen ab, die UKW-Abschaltung vorzuziehen.

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(Bild: Slava Dumchev/Shutterstock.com)

Von
  • Tom Sperlich

Die Schweizer Radiosender wollen ihre UKW-Sender nun doch erst am 31. Dezember 2024 abschalten, wie es ursprünglich vorgesehen war. Offenbar ist der Plan, die Abschaltung etappenweise vorzuziehen, in der Branche nicht mehr konsensfähig. Zwar seien in der deutschen und italienischen Schweiz die Mehrheit der Sender weiterhin für die vorzeitige Abschaltung, teilte die Arbeitsgruppe Digitale Migration (AG DigiMig) am Donnerstag mit. "In der französischsprachigen Schweiz konnte indes in der konkreten Umsetzung keine genügende Mehrheit gefunden werden."

Da aber eine gesamtschweizerische Lösung angestrebt werde, seien "die Radios deshalb auf ihren ursprünglichen Plan zurückgekommen, die UKW-Sender per 31. Dezember 2024 abzuschalten", hieß es weiter. Zudem deuteten jüngste Marktzahlen darauf hin, dass das Radiopublikum mehr Zeit für die Umstellung benötige. "Mit dieser Verschiebung haben die Konsumentinnen und Konsumenten, namentlich auch die Autofahrenden, mehr Zeit für den Technologiewechsel", erklärte die DigiMig.

Im vergangenen Herbst waren die Mitglieder der DigiMig zunächst übereingekommen, die UKW-Abschaltung gestaffelt vorzuziehen, da bereits drei Viertel der Radionutzung über einen digitalen Verbreitungsweg erfolge, allen voran DAB+. Laut GfK wurden im Herbst 2020 von 100 Radiominuten pro Tag durchschnittlich 73 Minuten digital empfangen. Nur jede achte Person gab an, noch ausschließlich UKW-Radio einzuschalten. Also sollten die UKW-Sender der SRG im August 2022 abgeschaltet werden und die privaten Radiostationen im Januar 2023 folgen.

In den vergangenen Monaten wurde die Abschaltung aber immer heftiger diskutiert. Im Juni hatte sich die ehemalige Medienministerin Doris Leuthard öffentlich zu Wort gemeldet und eine Verschiebung der Sender-Abschaltungen verlangt. Sie unterstützt die Petition "Rettet UKW“, die der Unternehmer und einstige "Radiopirat" Roger Schawinski lanciert hatte und bei der über 60.000 Unterschriften gegen die Abschaltung der UKW-Sender zusammenkamen.

Laut Medienberichten forderte nach einem Treffen mit Schawinski auch die Kommission für Verkehr und Fernmeldewesen des Nationalrats (KVF-N) eine vertiefte Prüfung der Folgen eines Verzichts auf die Abschaltung der UKW-Radiosender. Eine Verschiebung der Abschaltung auf Ende 2024 sei mit Kosten in mehrstelliger Millionenhöhe verbunden, sagen die Sender. Die doppelte Verbreitung über UKW und DAB+ könne sich auf die Dauer kein Unternehmen leisten. Am 30. August soll sich die Kommission nochmals mit dem Vorgang befassen.

Da aber Ende 2024 die UKW-Funkkonzessionen auslaufen, könnten ab dann ohnehin keine Programme mehr auf diesen Frequenzen verbreitet werden. Laut Medienberichten kritisierte Schawinski, dass sich das verschobene neue Abschaltdatum nur auf das "Auslaufen der privaten Konzessionen" abstütze und "nicht auf die reale Radionutzung". Er forderte die Politik auf, den Entscheid "nicht den privaten Radioveranstaltern zu überlassen". Und auch die SRG müsse sich in die Diskussion einbringen, anstatt sich "konsequent hinter den privaten Radioveranstaltern zu verstecken".

Schawinski (in Deutschland auch bekannt als kurzzeitiger Chef des deutschen TV-Senders SAT.1) ist selbst eine Legende der Radiogeschichte. Erst Betreiber eines viel gehörten "Piratensenders" Ende der 70er-Jahre, scheiterte er damals schon einmal mit einer Petition gegen eine Abschaltung seines Senders. Allerdings verteidigten die Fans seines Radiosenders ihren Sender auf einer italienischen Bergspitze noch selbst im Schneetreiben leibhaftig vor Ort. Später gründete der heute 76-jährige Pionier des Privatradios (und Noch-Betreiber des Zürcher Lokalradios „Radio1“) ganz legal in der Schweiz sein Radio 24 und veränderte die gesamte einheimische Radiowelt.

(vbr)