UN-Universität: Auch weit entfernte Katastrophen sind miteinander verbunden

Forschende illustrieren, wie katastrophale Ereignisse zusammenhängen – auch jene, die vermeintlich nichts miteinander zu tun haben wie ein Zyklon und COVID-19.

Lesezeit: 6 Min.
In Pocket speichern
vorlesen Druckansicht Kommentare lesen 31 Beiträge

Symbolisiert werden die Brände im Amazonas, die arktische Hitzewelle, die Explosion in Beirut, Überschwemmungen in Vietnam, das Paddelfischsterben in China, die COVID-19-Pandemie, der Zyklon Amphan, eine Wüsenheuschreckenplage, Korallenbleiche im Great Barrier Reef und die Kältewelle in Texas.

(Bild: interconnectedrisks.org)

Von
  • Andreas Wilkens

Bittere Kälte in Texas, brennende Wälder im Amazonas, Korallenbleiche vor Australien, Hitzewelle in der Arktis: Auch weit über die Erde verstreute Katastrophen haben klare Verbindungen zueinander. Zu diesem Schluss kommen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der United Nations University nach der genaueren Analyse von zehn verheerenden Ereignissen aus den Jahren 2020 und 2021. Dabei stellen sie vielfältige Beziehungen dar. Die Untersuchung soll illustrieren, dass von Menschen verursachte Katastrophen miteinander verbunden seien, aufeinander aufbauten und die Basis für künftige Katastrophen schafften.

Die Welt sei ein dynamisches System, das auf mehreren Ebenen miteinander verbunden ist. Diese Erkenntnis ist nicht neu, aber die Einflussfaktoren wirken schneller und auf immer unerwartetere Weise aufeinander ein, schreibt das Forschungsteam. Die Vergangenheit sei keine verlässliche Quelle mehr für die Planung der zukünftigen Entwicklung oder Risikominderung.

Die Grundursachen und aufkommenden Risiken müssen integriert angegangen werden, fordern die Forschenden. Es müsse schnell gehandelt werden, denn die Zeitfenster der Gelegenheiten schlössen sich, etwa weil manche Ereignisse irreversibel seien wie das Aussterben des Chinesischen Paddelfisches (auch Schwertstör; er gilt seit 2019 als ausgestorben). Korallenriffe, die weltweit rund 200 Millionen Menschen Schutz vor Sturmfluten bieten, seien von irreversiblen Schäden durch die Auswirkungen der Ozeanerwärmung und durch den Anstieg des Meeresspiegels bedroht, der vom Klimawandel verursacht werde.

Einbezogen wurden für die Untersuchung Waldbrände im Amazonasgebiet, die Hitzewelle in der Arktis, der Zyklon Amphan, die Kältewelle in Texas, die Heuschreckenplage am Horn von Afrika, die Coronavirus-Pandemie und die Explosionskatastrophe im Hafen von Beirut. "Wir haben sehr unterschiedliche Ereignisse herausgepickt", sagte Zita Sebesvari, leitende Wissenschaftlerin an der UN-Universität. "Wir wollten bewusst nicht nur Ereignisse auswählen, die offensichtlich mit dem Klimawandel zu tun haben."

Zum Beispiel destabilisierten die steigenden Temperaturen in der Arktis den Polarwirbel, eine sich drehende Masse kalter Luft über dem Nordpol. Dadurch könne kältere Luft nach Nordamerika strömen. Temperaturveränderungen in der Arktis beeinflussten damit weit entfernte Orte wie den US-Bundesstaat Texas mit seinem normalerweise warmen Klima.

Dabei können sich Katastrophen gegenseitig verstärken. Als zum Beispiel der Zyklon Amphan die Grenzregion zwischen Indien und Bangladesch traf, vermieden viele Menschen aus Sorge um Abstand und Hygiene den Weg in Schutzunterkünfte und harrten an gefährlichen Orten aus. Der Zyklon selbst verschlechterte wiederum die Bedingungen für die Pandemiebekämpfung, da Gesundheitszentren zerstört wurden. Die Covid-19-Zahlen schnellten in die Höhe.

Auch bei der Bekämpfung der Heuschreckenplage in Afrika spielte Corona den Angaben zufolge eine ungute Rolle. "Corona hat dazu geführt, dass notwendiges Material zur Bekämpfung der Plage verspätet oder gar nicht ankam. Auch Experten konnten nicht oder nur verspätet in die Krisenregion reisen", erklärte Wissenschaftlerin Sebesvari. In Beirut erschwerte die Pandemie ebenfalls die Bewältigung der Folgen der Hafen-Explosion – die Krankenhäuser waren bereits voll. Corona war eine Art Katastrophen-Katalysator.

Die vor allem durch Nachfragedruck und individuellem Profitinteresse betriebene Umweltzerstörung treibt Wildtiere in die Nähe der Menschen und damit auch die Viren, die diese mit sich tragen. SARS-CoV-2 sei höchstwahrscheinlich eine Zoonose, wurde durch engen Kontakt möglicherweise über Tiermärkte auf den Menschen übertragen. Fast jede Krankheit, die jemals zu einer Pandemie geworden ist (Influenza, Ebola, HIV/AIDS, SARS und andere), sei durch Zoonosen verursacht worden, die Häufigkeit dieser Arten von Ausbrüchen habe zugenommen, schreiben die Forschenden.

In weniger gestörten Gebieten mit höherer Artenvielfalt seien zoonotische Wirte weniger häufig, da andere Arten ihre Zahl verringerten. Somit erhöhe der Verlust der biologischen Vielfalt das Risiko, dass Menschen Zoonosen ausgesetzt werden. Dabei werde geschätzt, dass bisher weniger als 0,1 Prozent des zoonotischen Virusrisikos entdeckt wurde.

Lesen Sie auch

Besonders zerstörerisch machte COVID-19 die beispiellose Geschwindigkeit, mit der es sich auf der ganzen Welt ausbreitet. Obwohl die WHO im Januar 2020 den Notfall ausgerufen habe, hätten die Regierungen monatelang nicht wirksam reagiert. Das Risiko dieser und zukünftiger Katastrophen werde durch die Globalisierung verschärft.

Zudem habe COVID-19 die Reaktionsfähigkeit auf alle anderen gleichzeitigen Katastrophen geschwächt, Menschen sind verletzlicher als je zuvor; weil sie ärmer werden, sich weniger beständig ernähren können, weil die Ungleichheit der Geschlechter zunimmt.

Der Bericht " Interconnected Disaster Risks " (PDF) nennt drei konkrete Ursachen, die für die meisten untersuchten Katastrophen verantwortlich gewesen seien: Treibhausgase, ein unzureichendes Katastrophenrisiko-Management und eine nicht ausreichende Abwägung von Umweltkosten und -nutzen für politische Entscheidungen. "Jede Katastrophe ist am Ende menschengemacht. Es gibt in diesem Sinne auch keine Naturkatastrophen. Es gibt nur Naturgefahren", sagte Wissenschaftlerin Sebesvari. "Und dann kommt es darauf an, wie der Mensch mit ihnen umgeht."

Dabei sind aber nicht nur die Probleme miteinander verbunden, sondern auch die Lösungen. Weniger Treibhausgase könnten "weitreichende positive Auswirkungen" haben. Auch könne jeder Einzelne mit seinem Verhalten Katastrophen beeinflussen. Die Waldbrände im Amazonasgebiet etwa seien auch auf die globale Nachfrage nach Fleisch zurückzuführen. Um Soja als Futtermittel anzubauen, werde dort per Brand gerodet.

Sie wolle nicht die Verantwortung auf jeden Einzelnen abwälzen, erklärte Wissenschaftlerin Sebesvari. "Aber es soll deutlich werden, dass jeder etwas beitragen kann. Dazu zählt etwa, weniger Fleisch zu essen oder Auto zu fahren." Ebenso wichtig sei, seine Verantwortung für Katastrophenvorsorge wahrzunehmen. "Alle sollten zum Beispiel wissen, ob sie in einem Gebiet leben, das hochwassergefährdet ist."

(anw)