USA: Schwerverletzter verklagt Amazon wegen algorithmischer Fahrerkontrolle

Ein Amazon-Lieferant verursachte einen Unfall, der einen der Betroffenen in den Rollstuhl brachte. Dieser gibt dem Steuersystem des Großhändlers eine Mitschuld.

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(Bild: zef art/Shutterstock.com)

Von
  • Stefan Krempl

Amazon sieht sich im US-Bundesstaat Georgia vor Gericht mit einer Klage konfrontiert, in der das IT-System des Konzerns zur Überwachung von Auslieferern mit am Pranger steht. Der Kläger stelle vor allem auf die Schlüsselrolle der Algorithmen ab, mit denen der Großhändler den Betrieb kontrolliert, meldet die Nachrichtenagentur Bloomberg. Damit steuere das Unternehmen schier das gesamte Geschäftsgeschehen von der Anzahl der auszuliefernden Pakete bis hin zur Entscheidung, ob Fahrer weiterbeschäftigt oder entlassen werden sollen.

Amazon verfolge jede Bewegung der Zusteller mit zugehörigen Apps und Endgeräten genau, einschließlich der "Überwachung des Rückstaus" auszuliefernder Pakete, "Geschwindigkeit, Bremsen, Beschleunigung, Kurvenfahrt, Benutzung der Sicherheitsgurte, Telefongespräche" und der SMS-Nutzung, heißt es laut dem Bericht in der Klageschrift. Der Konzern setze sogar Kameras in den Fahrzeugen, die mithilfe Künstlicher Intelligenz (KI) Aktivitäten wie Gähnen erkennten. Mit dieser technischen Aufrüstung versuche das Unternehmen, seine umfangreichen logistischen Operationen zu bewältigen.

Wenn Fahrer hinter dem Zeitplan zurückbleiben, schlügen Amazon-Mitarbeiter per Textnachrichten Alarm, lautet einer der im Juni eingereichten und nun öffentlich bekannt gewordenen Vorwürfe. In den Kurzmitteilungen beschwerten sie sich darüber, dass ein bestimmter Lieferant – wie der Igel in dem Märchen – "dem Hasen hinterherrennt". Er müsse "gerettet" werden, um sicherzustellen, dass alle Pakete auf der vorgegebenen Route in Übereinstimmung mit Amazons "unrealistischen und gefährlichen Geschwindigkeitserwartungen geliefert werden".

Kläger ist Ans Rana, der aktuell Medizin studieren wollte. Der Reportage zufolge saß der 24-Jährige auf dem Rücksitz des Tesla Model S seines Bruders, als sie Mitte März kurz vor 21.00 Uhr auf der viel befahrenen Interstate 75 in Atlanta hinter einem liegengebliebenen Auto stoppten. Sekunden später sei ein blauer Amazon-Lieferwagen von hinten auf sie geprallt. Das Heck des Wagens wurde komplett eingedrückt, ist auf Bildern vom Unfallort zu sehen. Rana, sein Bruder und sein Vater mussten in eine Klinik gebracht werden. Der hinten sitzende Hauptbetroffene erlitt schwere Gehirn- und Rückenmarksverletzungen, sodass er momentan im Rollstuhl sitzen muss und ein Pflegefall ist.

In den USA haben Amazon bereits über 100 Opfer nach Unfällen mit Lieferfahrzeugen verklagt. Dabei geht es teils um Millionensummen. Die meisten dieser Auseinandersetzungen werden außergerichtlich nach Verhandlungen mit Anwälten und Versicherungsträgern beigelegt. Ranas Fall sticht nun durch die Schwere seiner Verletzungen und das Argument seines Anwaltsteams hervor, dass Amazons technologische Kontrolle über seine Lieferpartner das Unternehmen mitschuldig an dem Crash mache.

Die Mitstreiter des Betroffenen verlangen dabei auch mehr Einblick in die Art und Weise, wie die Rechnersysteme des Konzerns die Fahrer maschinell kontrollieren. Amazon sieht sich außen vor, weil der Fahrer für Harper Logicists arbeitete, einer von tausenden in den vergangenen Jahren extra gegründeten Subauftragsnehmern. Ranas Anwälte wollen mit der geforderten Transparenz rund um die verwendeten KI-Verfahren nun ihre Argumentation untermauern, dass Amazon selbst verantwortlich ist.

Eine entsprechende Offenlegung würde die einschlägigen Algorithmen, die der Konzern bislang geheim hält, insgesamt einer größeren öffentlichen Kontrolle aussetzen. Amazon hat dagegen beantragt, die begehrten Informationen unter Verschluss zu halten, da die Technologie als Geschäftsgeheimnis geschützt sei.

Bei der Klage handelt es sich Rechtsexperten zufolge um keinen Selbstläufer. Beim Nachweis vergleichbarer Verantwortlichkeit hätten US-Bundesgerichte unterschiedlich entschieden, erläuterte Andrew Elmore, Rechtsprofessor an der Universität von Miami, dem Finanzdienst. Dies hänge auch damit zusammen, dass die Arbeitsgesetze von Staat zu Staat variierten. Es gelte zu klären, ob Amazon als Arbeitgeber "stellvertretend haftbar ist, weil es die Kontrolle über den Fahrer hat."

Amazon habe mehr als eine Milliarde US-Dollar in Technologie, Gehälter und Schulungsprogramme investiert, um die Sicherheit des Lieferbetriebs zu verbessern, betonte eine Sprecherin dem Bericht zufolge. Über die Hälfte der US-Flotte sei mit Videokameras und anderen Systemen ausgestattet, die den Fahrern "Echtzeitwarnungen geben". Die Investitionen hätten dazu beigetragen, Unfälle, Verstöße gegen Stoppschilder und Signale, Fahren ohne Sicherheitsgurt und abgelenktes Fahren deutlich zu reduzieren.

Amazon arbeitet laut der Sprecherin auch eng mit Lieferpartnern zusammen, "um realistische Erwartungen zu setzen, die keinen unangemessenen Druck" ausübten. Die "Unfallrate", die die Anzahl der Vorfälle im Verhältnis zu den insgesamt gefahrenen Kilometern misst, sei in den ersten neun Monaten dieses Jahres im Vergleich zum gleichen Zeitraum im Jahr 2020 gesunken. Das Unternehmen beäugt offenbar nicht nur Händler und Lieferanten sehr genau. Laut einer "versehentlich" geschalteten Stellenanzeige wollte es auch Gewerkschafter und kritische Politiker mit Geheimdienst-Methoden überwachen.

(bme)