USA: TikTok will biometrische Daten inklusive Stimmenausdrücke sammeln

TikTok behält sich in seiner neuen US-Datenschutzerklärung vor, biometrische Merkmale wie "Gesichts- und Stimmenausdrücke" aus Nutzerinhalten zu erfassen.

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(Bild: Primakov/Shutterstock.com)

Von
  • Stefan Krempl

In seine Datenschutzerklärung für Nutzer mit Hauptwohnsitz in den USA hat TikTok mit einem Update vom Mittwoch eine Klausel eingefügt, wonach der Betreiber sensible Daten rund um Körpermerkmale von Mitgliedern erheben, speichern und auswerten will. In der neuen Klausel heißt es: "Wir können biometrische Identifikatoren und biometrische Informationen wie Gesichts- und Stimmenausdrücke nach Maßgabe von US-Gesetzen von Ihren Nutzerinhalten sammeln. Wo dies gesetzlich vorgeschrieben ist, werden wir vor einer solchen Erfassung alle erforderlichen Genehmigungen von Ihnen einholen."

Wozu TikTok diese Daten braucht, geht nicht aus dem Absatz hervor. Die Begriffe "Gesichtsausdrücke" und "Stimmenausdrücke" werden zudem nicht näher definiert. Ferner bleibt unklar, wie und in welchen Fällen der Betreiber des sozialen Netzwerks sich Einwilligungen der Betroffenen beschaffen will. Der Verweis auf bestehende gesetzliche Vorgaben bleibt ebenfalls vage. Bisher haben nur eine Handvoll US-Bundesstaaten wie Illinois, Washington, Kalifornien, Texas und New York spezielle Datenschutzgesetze für den Bereich Biometrie.

Gegenüber dem US-Magazin "TechCrunch" konnte ein Sprecher von TikTok zunächst keine weiteren Details zu den Plänen des Unternehmens für die Erfassung biometrischer Daten nennen. Offen bleib auch, ob und wie diese in aktuelle oder künftige Produkte eingebunden werden sollten. Von dem Konzern hieß es nur: "Als Teil unseres kontinuierlichen Engagements für Transparenz haben wir kürzlich unsere Datenschutzrichtlinien aktualisiert, um mehr Klarheit über die Informationen zu schaffen, die wir sammeln können."

In einer Erläuterung zu dem Update selbst ist zu lesen, dass es um Klarstellungen etwa "in Bezug auf die Erfassung von Benutzerinhaltsinformationen, die Verwendung von Daten zur Überprüfung, werbebezogene Auswahlmöglichkeiten, die gemeinsame Nutzung von Daten mit Diensten Dritter und Praktiken zur Datenspeicherung/-verarbeitung" gehe.

Offenbar reagiert TikTok mit dem US-Update auf eine Sammelklage gegen den Konzern wegen der Verletzung des Biometric Information Privacy Act von Illinois, der mit einem Vergleich in Höhe von 92 Millionen US-Dollar endete. Umfasst waren über 20 separate Fälle, mit denen sich Nutzer gegen das Sammeln und die Weitergabe persönlicher biometrischer Informationen durch die Plattform ohne ihre Zustimmung wehrten. Konkret ging es dabei etwa um den Einsatz automatisierter Gesichtserkennung für spezielle Filtereffekte. Das Rechtsteam von TikTok will sich mit der Ergänzung wohl gegen künftige Klagen absichern.

Die kurze Passage findet sich im neu hinzugefügten Abschnitt "Bild- und Audioinformationen" unter der Überschrift "Informationen, die wir automatisch sammeln". In der Datenschutzerklärung für den Europäischen Wirtschaftsraum inklusive der EU sowie für Großbritannien und die Schweiz ist sie genauso wenig enthalten wie in deren deutscher Version. Die jüngsten Aktualisierungen erfolgten hier im Juli 2020. In der EU gelten biometrische Merkmale laut der Datenschutz-Grundverordnung (DSGVO) als besonders sensible Informationen, die speziell geschützt werden müssen.

Im ersten Teil des neuen Abschnitts wird erklärt, dass TikTok Informationen über Bilder und Audioaufnahmen sammeln kann etwa zur Identifizierung der erkennbaren Objekte und der Landschaft sowie von Gesichts- und Körpermerkmalen und zugehörigen Attributen. Das hört sich bereits recht weitgehend an, auch andere soziale Netzwerke wie Facebook und Instagram wenden aber entsprechende Erkennungstechniken an. Sie sollen unter anderem dabei helfen, gesprochene Worte in Text zu verwandeln und automatische Bildunterschriften zu erstellen.

Insgesamt sammelt TikTok über die App umfangreiche persönliche Daten über Nutzer, wie aus anderen Teilen der "Privacy Policy" hervorgeht. Dazu gehören etwa auch Standortinformationen und IP-Adressen sowie detaillierte Angaben zu den verwendeten Geräten. Ein neuer Einschub verweist auf die E-Commerce-Ambitionen des Betreibers, in einem anderen geht es um Anpassungen an die neuen Tracking-Bestimmungen von Apple bei personalisierter Werbung. In diesen Bereichen dürfte auch die europäische Datenschutzerklärung bald aufgefrischt werden.

Der frühere US-Präsident Donald Trump hatte vergeblich versucht, den Betrieb von TikTok in den USA zu verbieten. Er sah in der App eine Bedrohung der nationalen Sicherheit, weil sie dem chinesischen Unternehmen Bytedance gehört. TikTok wehrte sich gegen den Bann und betonte, dass die Daten von US-Nutzern nur in Rechenzentren vor Ort und in Singapur gespeichert würden. Man gebe grundsätzlich keine Informationen an die Regierung in Peking weiter. Der neue US-Präsident Joe Biden und sein Kabinett haben noch keine klare Strategie im Umgang mit dem Social-Media-Betreiber, das Vorgehen Trumps aber zunächst gestoppt.

(tiw)