USA halten Opferzahlen von Drohneneinsätzen in Afghanistan zurück

Nach dem Rückzug aus Afghanistan wird die Aufarbeitung des Einsatzes gefordert. Jedoch halten die USA die Opferzahlen bei Drohnenangriffen unter Verschluss.

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Drohne MQ-9 Reaper, bewaffnet mit  lasergesteuerten Bomben und Hellfire-Raketen

(Bild: US Air Force)

Von
  • Dr. Ingvild Bode
  • Dr. Thomas Watts

Nach dem Rückzug der USA und ihrer NATO-Partner aus Afghanistan stellt sich die Frage, warum die Taliban Afghanistan nahezu kampflos zurückerobern konnten und Teile der Bevölkerung "das Ende einer 20-jährigen Besatzung" bejubeln. Bei der nötigen Aufarbeitung müssen die NATO-Staaten klären, ob die tausenden Drohneneinsätze nicht zu viele Opfer in der zivilen Bevölkerung gekostet haben. Doch die dazu nötigen Zahlen, Daten und Fakten liegen bislang nur unvollständig vor.

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Untersuchungen zeigen, dass die USA fast dreißig verschiedene Arten militärischer Drohnen produzieren. Insbesondere die beiden von General Atomics hergestellten Drohnentypen MQ-9 Reaper und MQ-1C Grey Eagle spielten eine herausragende Rolle im Afghanistan-Krieg und übernahmen sogenannte "3-D-Jobs": dull - dirty – dangerous (öde, dreckig, gefährlich). Die MQ-9 Reaper wurde von der US Air Force erstmals im Oktober 2007 in Afghanistan eingesetzt. Sie ist mit einem multispektralen Zielsystem ausgestattet, das eine Reihe hochsensibler Kameras und Sensoren enthält. Dies ermöglicht es ihren beiden Piloten, das Schlachtfeld sowohl aus der Infrarot- als auch aus der Full-Motion-Videoperspektive zu überblicken. Die Reaper ist außerdem mit Sensoren für elektronische Kriegsführung ausgestattet, die Handydaten sammeln.

Sie kann mit einer Vielzahl von Raketen bewaffnet werden, darunter bis zu acht Hellfire-Raketen und zwei lasergelenkte Bomben vom Typ GBU-12 Paveway II. Die Reaper hat eine angegebene Reichweite von 2150 Meilen (3460 Kilometer) und kann über 24 Stunden lang in der Luft bleiben.

Im Jahr 2018 waren am Flughafen Kandahar im Süden Afghanistans zeitweilig drei Drohnenstaffeln vom Typ MQ-9 Reaper stationiert. Die genaue Anzahl der Drohnen ist geheim.

(Bild: Massoud Hossaini/MH/AP/dpa)

Ab Ende 2010 wurden in Afghanistan zudem vielfach MQ-1C Grey Eagle eingesetzt, die hoch entwickelte Sensorik an Bord haben und sich mit vier Hellfire-Raketen bewaffnen lassen. Zu ihren Aufgaben gehörten die Bereitstellung von nahezu kontinuierlichen Informationen über das Schlachtfeld für NATO-Kommandeure, das Aufspüren von improvisierten Sprengkörpern und die Bereitstellung von Luftnahunterstützung – also gezieltem Beschuss.

Um Drohnen wie die Grey Eagle und die Reaper im Nahen Osten und in Afrika zu betreiben, sind die USA auf ein komplexes Netzwerk aus Militärbasen, Satelliten und Glasfaserkabeln angewiesen. Die Ramstein Air Base in Deutschland ist ein wichtiger Knotenpunkt in diesem Netzwerk. Ramstein dient als Satelliten-Relaisstation, von der aus sich Drohnenpiloten in den USA mit den Luftfahrzeugen verbinden und diese aus der Ferne steuern. Zu klären wäre, inwieweit Deutschland durch die Koordination der Angriffe von deutschem Boden aus eine Mitverantwortung trägt.

Die Basis spielt zudem eine wichtige Rolle in der Verarbeitung und Analyse von Sensordaten, die Drohnen in das Distributed Common Ground System (DCGS) des US-Militärs einspeisen. Diese Analysen, die über das verschlüsselte mIRC-Chat-Programm an amerikanische Drohnenpiloten weitergegeben werden, sind maßgeblich für Entscheidungen über Drohnenangriffe. Das DCGS greift auf Daten zurück, die in seinen eigenen sowie US-Datenbanken gespeichert sind. Nach der Erfassung bleiben Sensordaten im System aktiv und werden zur Grundlage für die Auswahl von Zielen.

Die Beschreibungen in den Prospekten der Hersteller erwecken den Eindruck, dass Drohnen technisch perfekte Systeme seien, die es den Piloten am Bildschirm ermöglichen, ihre Zielentscheidungen mithilfe von Full-Motion-Videos in HD-Qualität zu treffen. Die Realität sieht anders aus: Die Bildqualität ist teilweise so undeutlich, dass es Drohnenpiloten schwerfällt, zwischen Objekten und Menschen zu unterscheiden, geschweige zwischen Kombattanten und Zivilisten. Der frühere CIA-Chef Michael Hayden erklärte, dass die USA Tötungsentscheidungen letztlich anhand von Metadaten treffen.

Die oftmals vage Informationslage hat nicht zuletzt völkerrechtliche Bedeutung. Im Gegensatz zu Angriffen in Pakistan, im Yemen oder in Somalia fanden Drohnenangriffe in Afghanistan im Rahmen eines bewaffneten Konfliktes statt, der es erlaubt, Kombattanten zu töten. Somit waren solche Angriffe in Afghanistan nicht so stark umstritten wie extralegale Tötungen in Ländern, mit denen sich die USA in keinem bewaffneten Konflikt befindet.

Doch auch in bewaffneten Konflikten sind alle Parteien zum Schutz der Zivilbevölkerung verpflichtet, egal welche Art von Waffensystem zum Einsatz kommt. Konfliktparteien müssen zum Beispiel in der Lage sein, zwischen Zivilisten und Kombattanten zu unterscheiden und nur Letztere sind legale Ziele militärischer Gewalt. Anhand von Pixelbildern und Metadaten dürften solche Unterscheidungen allerdings kaum zu treffen sein.

Über die Zahl der in Afghanistan durchgeführten Drohnenangriffe wurden verschiedene, typischerweise unvollständige Statistiken erstellt, die wir in der Tabelle soweit möglich auflisten. Die umfassendsten Statistiken des Bureau of Investigative Journalism (BIJ) kombinieren frei verfügbare öffentliche Quellen mit Feldforschung. Nach Schätzungen des BIJ wurden zwischen Januar 2008 und Februar 2020 mindestens 15.094 Drohnenangriffe von US- und NATO-Streitkräften in Afghanistan durchgeführt.

Die US Air Force hat bis Anfang 2020 Daten zum Waffeneinsatz bemannter Flugzeuge und Drohnen veröffentlicht. Anfang 2020 hatte die Trump-Regierung ein Friedensabkommen mit den Taliban unterzeichnet und daraufhin angekündigt, keine weiteren Statistiken über Luftangriffe in Afghanistan zu veröffentlichen. Der deutliche Anstieg der Anzahl von Drohnenangriffen nach 2016 ist darauf zurückzuführen, dass die Trump-Regierung die militärischen Einsatzregeln für Luftangriffe gelockert hatte. Dies hat offenbar zu einer deutlich höheren Anzahl ziviler Todesopfer geführt.

Nach Angaben der Hilfsmission der Vereinten Nationen in Afghanistan (UNAMA) sind seit 2007 insgesamt 4358 Zivilisten von internationalen Luftstreitkräften getötet oder verletzt worden. Die US Air Force hat bislang nur für 2018 bis 2020 offizielle Zahlen veröffentlicht, die sich auf 188 zivile Tote belaufen. Die UNAMA meldete für den gleichen Zeitraum hingegen 1028 Todesopfer.

Die Unterschiede beruhen auf unterschiedlichen Definitionen dessen, wer als Zivilist und wer als Kombattant gilt. NGOs haben insbesondere das US-amerikanische Verständnis von Kombattanten als zu weit gefasst kritisiert. Auch Angriffe, die den Taliban zugeschrieben werden, haben zu erheblichen zivilen Opfern geführt. Allein im Jahr 2020 kamen bei solchen Angriffen 1470 afghanische Zivilisten ums Leben.

Jahr US-amerikanischer Waffeneinsatz bemannter Flugzeuge und Drohnen 1 NATO-Drohnenangriffe in Afghanistan 2 Zahl der von internationalen Luftstreitkräften in Afghanistan getöteten und verletzten Zivilisten 3 Zahl der bei Militäroperationen in Afghanistan getöteten Zivilisten 4
2007 k. A. k. A. 335 Tote und Verletzte k. A.
2008 k. A. 130 552 Tote und Verletzte k. A.
2009 1733 196 359 Tote und Verletzte k. A.
2010 1816 206 171 Tote und Verletzte k. A.
2011 1675 238 235 Tote und Verletzte k. A.
2012 1975 245 Tote: 126 / Verletzte: 78 k. A.
2013 1407 k. A. Tote: 118 / Verletzte: 64 k. A.
2014 2365 k. A. Tote: 104 / Verletzte: 58 k. A.
2015 947 235 Tote: 103 / Verletzte: 67 k. A.
2016 1337 1071 Tote: 127 / Verletzte: 108 k. A.
2017 4361 2609 Tote: 154 / Verletzte: 92 k. A.
2018 7362 1985 Tote: 393 / Verletzte: 239 70
2019 7423 7167 Tote: 546 / Verletzte: 209 98
2020 415 1012 Tote: 89 / Verletzte: 31 20
Summe 32.816 15.094 4358 (Tote und Verletzte) 188
Quellen: 1 US Air Force 2 The Bureau of Investigative Journalism (BIJ) 3 United Nations Assistance Mission in Afghanistan (UNAMA), bis 2011 liegen nur Gesamtzahlen für Verletzte und Getötete vor, ab 2012 wurden diese in Tote und Verletzte getrennt 4 US-Verteidigungsministerium

Bis sich die Wogen über die Rückkehr der Taliban geglättet haben, ist es schwierig, eindeutige Aussagen zu treffen, inwieweit der Drohnenkrieg die Wahrnehmung der afghanischen Bevölkerung gegenüber der von der NATO unterstützten Regierung in Kabul beeinflusst hat. Für jene Teile der Bevölkerung, die direkten Schaden von den Drohnenangriffen genommen haben, dürfte er ein beträchtlicher Grund für Wut und Ressentiments gewesen sein. Das "Leben unter Drohnen" kann ein akutes psychisches Trauma für die lokale Bevölkerung verursachen, die in ständiger Angst vor Luftangriffen durch unsichtbare, aber oft hörbare Fluggeräte lebt.

Wie und wann hätten die US-Streitkräfte wohl Afghanistan verlassen, wenn Drohnen nie als Waffe eingesetzt worden wären? Zwei der häufigsten Rechtfertigungen für Drohnenangriffe sind, dass sie die Zahl amerikanischer Militäropfer verringern und weniger Zivilisten zu Schaden kommen als bei Angriffen bemannter Flugzeuge oder Marschflugkörper. Es ist somit denkbar, dass der Einsatz von Drohnen das Engagement der USA in Afghanistan verlängert hat, indem sie die damit verbundenen politischen Kosten gesenkt haben.

Gleichzeitig sind Drohnenangriffe für die Tötung vieler hochrangiger Taliban-Führer in Afghanistan und im benachbarten Pakistan verantwortlich. Trotz dieser taktischen Erfolge zeigt die Rückkehr der Taliban an die Macht die erheblichen Grenzen von Drohnenangriffen als geeignetes Instrument zur Bekämpfung von Aufstandsbewegungen.

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(hag)