Ubuntu Core 22: Neuer Kernel, Modellpflege und erzwungenes Softwaremanagement

Auch Canonicals jüngstes IoT-Betriebssystem Core 22 macht umfangreichen Gebrauch von Snaps. Viele neue Funktionen erzwingen deren Einsatz geradezu.

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(Bild: Bonnie Fink / Shutterstock.com)

Von
  • Martin Gerhard Loschwitz

Canonical hat gut einen Monat nach Ubuntu 22.04 auch Ubuntu Core in der neuen Version 22 veröffentlicht. Sie zeichnet sich durch einen aktuelleren Kernel und ein runderneuertes Grundsystem aus, bringt aber auch neue Features wie die Option, bestimmte Software-Versionen auf Ubuntu-Core-Zielgeräten zu erzwingen. Obendrein lassen Ubuntu-Core-Geräte sich nun aus der Ferne leichter in den Werkszustand zurückversetzen. Ein Upgrade bestehender Systeme ist laut Anbieter möglich.

Zwar folgt Ubuntu Core nicht dem Release-Zyklus von Ubuntu Linux und nutzt auch nicht dessen Versionsschema, die meisten Komponenten in Ubuntu Core 22 wirken jedoch vertraut, wenn man Ubuntu 22.04 kennt. So erbt das IoT-Betriebssystem seinen Kernel mit leichten Veränderungen vom großen Bruder; gering fallen die Veränderungen vor allem deshalb aus, weil auch der in Ubuntu Linux 22.04 enthaltene Standardkernel als Echtzeitkernel nutzbar ist. Obendrein ist bei Ubuntu Core 22 das ganze Grundsystem, das bekanntlich in etlichen Containern im Snap-Format daherkommt, aktualisiert und weitgehend auf dem Stand von Ubuntu Linux 22.04.

Die Eigenschaften des modularen Grundsystems macht Canonical sich bei Ubuntu Core 22 gleich mehrfach zunutze. Zunächst ist es aus Sicht einer Firma, die viele IoT-Geräte mit Ubuntu Core 22 in freier Wildbahn betreibt, künftig leichter, diese auf ihren ursprünglichen Auslieferungszustand zurückzusetzen. Das hilft vor allem dann, wenn ein Gerät in der Ferne ein Update oder eine Konfigurationsänderung nicht überlebt hat und ohne lokale Intervention ansonsten nicht zu retten wäre. Damit das gar nicht erst vorkommt, stellt Canonical den Herstellern von IoT-Geräten zudem ein neues Tool namens Validation Sets zur Verfügung: Diese legen fest, dass bestimmte Snaps installiert sein müssen oder nicht installiert sein dürfen – und zwar auf Wunsch auch bis hinunter auf einzelne Versionen. Der Haken: Damit die Funktion sich überhaupt nutzen lässt, ist ein sogenannter Brand Store notwendig, über den sich eigene Snaps für Ubuntu Core vertreiben lassen.

Quotas lassen sich in Ubuntu Core 22 nun für CPU- und Speicherressourcen definieren, und zwar pro festgelegter Gruppe von Diensten in Snap-Containern. Damit lässt sich einerseits steuern, dass zusammengehörende Komponenten einer Umgebung lediglich eine bestimmte Menge an CPU-Zeit und RAM nutzen dürfen; andererseits lassen sich je nach Umgebung aber auch einzelne Anwendungen einhegen.

Fest zu Ubuntu Core 22 gehört neuerdings zudem die Unterstützung für MicroK8s. Die Idee, IoT-Geräte als Bestandteile einer Kubernetes-Flotte zu betreiben, dürfte zwar nicht die naheliegendste sein, doch scheinen die Funktion genügend Kunden bei Canonical nachgefragt zu haben. Künftig lässt sich eine Ubuntu-Core-22-Instanz jedenfalls mit wenigen Handgriffen in eine bestehende Flottenverwaltung mit Kubernetes integrieren.

Obendrein ist es ab Ubuntu Core 22 auch möglich, zumindest grundlegende Funktionen von Canonicals Lifecycle-Lösung Metal as a Service (MAAS) für Ubuntu Core zu nutzen. Hierfür enthält Ubuntu Core 22 eine basale Variante von cloud-init, das beim Start eines Systems vom MAAS-Server verschiedene Konfigurationsparameter abfragt und dann in lokale Konfiguration umsetzt.

Anders als die Konkurrenz, deren Mikro-Distributionen durchaus auch für den Einsatz im regulären Rechenzentrum gedacht sind – etwa RHEL CoreOS oder SLE Micro – richtet Ubuntu Core sich traditionell fast ausschließlich an die Hersteller von IoT-Hardware. Fertige Abbilder für etliche SoC-Boards und beliebte Mini-Computer wie den Raspberry Pi bietet der Hersteller dabei seit einiger Zeit an. Technisch unterscheidet Ubuntu Core sich vom normalen Ubuntu vorrangig durch den konsequenten Einsatz des Container-Formats Snap. Dieses nutzt bei Ubuntu Core nicht nur durch den Hersteller eines IoT-Produktes auszuliefernde Zusatzsoftware, sondern auch das Grundsystem selbst. Während Canonical sich von dieser Vorgehensweise robustere Stabilität und höhere Sicherheit verspricht, bemängeln manche Kunden vor allem die geschlossene Natur des Ansatzes. Die Installation von Software, die nicht bereits in Canonicals Snap-Store Snapcraft vorliegt, sowie die Installation von spezifischen Konfigurationsdateien lässt sich sinnvoll praktisch nur durch eigens dafür gebaute Snap-Abbilder lösen. Um diese allerdings an Ubuntu-Core-Geräte in der Welt auszuliefern, ist ein sogenannter Branded Store in Snapcraft nötig, den Canonical sich gut bezahlen lässt – und zwar jährlich. Zwar bietet der Hersteller obendrein die Option, eigene Basis-Abbilder von Ubuntu Core zu bauen, doch lassen sich selbst in diesen die genannten Restriktionen kaum umgehen – und obendrein verlieren einige der Management-Werkzeuge für Ubuntu Core dann ihre Funktionalität.

Für die Anbieter bestehender IoT-Geräte mit Ubuntu Core 20 sowie für solche Unternehmen, die eine enge Partnerschaft mit Canonical für die Produktion von IoT-Geräten mit Ubuntu Core angehen wollen, ist die Version 22 eine echte Neuerung. Sie steht beim Anbieter zum Download bereit.

Siehe auch:

  • Ubuntu: Download schnell und sicher von heise.de
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(fo)