Ukraine-Krieg beeinflusst Fernsehgewohnheiten in Deutschland

Das Nachrichtenangebot der Fernsehsender hat durch den Urkaine-Krieg zugenommen. Zuschauer nehmen das Angebot im TV und Online stark an.

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(Bild: chanonnat srisura/Shutterstock.com)

Von
  • Anna Ringle
  • dpa

Deutsche Fernsehsender haben seit Kriegsbeginn in der Ukraine das Nachrichtenangebot ausgebaut. Sie rücken von ihrem gewohnten Programmschema nach wie vor ab. Die AGF-Videoforschung hat auf Anfrage der Deutschen Presse-Agentur die erste Kriegswoche (seit 24. Februar) im Vergleich zu den Vorwochen (seit dem 1. Februar) ausgewertet. Sie misst die tägliche Nutzung von TV-Sendern.

Es ist die Stunde der Nachrichtensender, sie hatten stark Zulauf. Zu den Kanälen zählen ntv, Welt, Phoenix, Tagesschau24 und Bild. Der Kanal ntv ist laut AGF größter Gewinner mit 2,6 Prozent Marktanteil (Zuschauer ab 3 Jahren) gewesen, in den Wochen davor lag der Marktanteil bei 1,1 Prozent.

Das Nachrichteninteresse ist auch im Netz groß. Beispiel ZDF. Vom Sender hieß es: "Das Online-Nachrichtenangebot 'ZDFheute' verzeichnete am 24. Februar 2022 mit 4,11 Millionen Visits die höchste Zahl an Besuchen seit mehr als einem halben Jahr."

Die ARD sieht auch in sozialen Netzwerken Auffälligkeiten: Am ersten Kriegstag habe das "Tagesschau"-Instagram-Profil vier Prozent an Menschen dazugewonnen, die dem Angebot folgen. Zudem beobachte die Redaktion eine starke Zunahme von Fragen, Anmerkungen und Kommentaren der Nutzerinnen und Nutzer: "Pro Post werden doppelt so viele Kommentare wie gewöhnlich auf Instagram abgegeben. Auch auf Youtube hat sich das Kommentaraufkommen verdoppelt, ebenso die Nutzung von Livestream-Formaten der 'Tagesschau'."

Beim Sender Bild ist das Zuschauerinteresse im gesamten Februar so hoch wie noch nie seit Senderstart im Sommer 2021 gewesen – und lag bei 0,2 Prozent Marktanteil (14 bis 49 Jahre). Der Chefredakteur für TV und Video bei Bild, Claus Strunz, sagte, die "Live-Berichterstattung unserer Reporterinnen und Reporter zur russischen Invasion ist wesentlich für die deutlich gestiegenen Marktanteile für Bild TV".

RTL teilte mit: "So viele Sondersendungen zu einer Breaking-News-Lage gab es bislang bei RTL als Hauptsender seit 9/11 nicht mehr, das hat sich in der Vergangenheit eher auf 'RTL Aktuell Spezial'-Sendungen beschränkt." Es kamen seit Kriegsbeginn in rund einer Woche demnach mehr als 80 Stunden Sondersendungen bei RTL und ntv zusammen.

Sat.1-Chefredakteurin Juliane Eßling sagte: "Wir haben lange nicht zu einem Thema so viele Sondersendungen gemacht wie zu diesem Krieg." ProSieben-Chefredakteur Stefan Vaupel betonte: "Die regelmäßigen 20.15-Uhr-Sondersendungen sind von unseren Zuschauern nachgefragter als vergleichbare Sondersendungen in der Vergangenheit."

In der ersten Kriegswoche war ein "Brennpunkt" im Ersten am Sonntag (27. Februar) zur klassischen "Tatort"-Zeit um 20.15 Uhr in der AGF-Hitliste am erfolgreichsten mit 9,4 Millionen Zuschauern. Eine Woche später (6. März) schauten sogar etwa 11,1 Millionen den "Brennpunkt" am Sonntagabend zwischen "Tagesschau" und "Tatort".

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"Wie schon in der Corona-Pandemie zeigt sich, dass Sender mit hoher Nachrichtenkompetenz bei steigendem Informationsbedürfnis überdurchschnittlich in jüngeren Zielgruppen gewinnen können", teilte die Vorsitzende der AGF-Geschäftsführung, Kerstin Niederauer-Kopf, mit.

Ein Beispiel: Die "Tagesschau" im Ersten habe ihre durchschnittliche Sehbeteiligung um 7,1 Prozent auf 6,27 Millionen Zuschauer gesteigert. Bei den 14- bis 29-Jährigen lag das Plus bei rund 52 Prozent (auf rund 400 000 Zuschauer). Auch die ZDF-Sendung "heute" um 19 Uhr hatte ein Plus von mehr als 40 Prozent bei den 14- bis 29-Jährigen (140.000 statt zuvor 100.000 Zuschauer).

Bei den zehn erfolgreichsten Sendungen fällt in dieser Zielgruppe auf: Bis auf "Germany's Next Topmodel" sind laut AGF alle anderen Sendungen nachrichtlich gewesen. Seit Anfang Februar bis Kriegsbeginn sah das Bild anders aus: Da dominierten "Super Bowl", "Germany's Next Topmodel" und "Ich bin ein Star – Holt mich hier raus".

(olb)