Umweltstudie zur Mikromobilität: E-Stehroller-Verleiher widersprechen ETH Zürich

E-Stehroller im Verleih verursachen mehr CO₂ als Verkehrsmittel, die sie ersetzen, haben Schweizer Forschende ermittelt. Die Verleiher-Branche widerspricht.

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(Bild: Voi)

Von
  • Andreas Wilkens

Forschende der ETH Zürich haben herausgefunden, dass E-Stehroller und E-Bikes im Verleih in der Gesamtbilanz mehr CO2 ausstoßen als die Transportarten, die sie ersetzen. Mit E-Stehrollern im persönlichen Besitz verhalte sich das anders. Diese Erkenntnis stößt in der Branche der E-Stehrollerverleiher auf grundlegende Kritik.

Der Betrieb von E-Stehrollern und E-Bikes erscheine auf den ersten Blick klimafreundlich, weil sie ohne Verbrennungsmotoren auskommen. "Aber für ihren CO2-Fußabdruck kommt es letztlich darauf an, welche Verkehrsmittel sie typischerweise ersetzen", erklärt Daniel Reck vom Institut für Verkehrsplanung und Transportsysteme (IVT) der ETH Zürich die Problemstellung. Sein Team hat die CO2-Emissionen über den gesamten Lebenszyklus von Herstellung, Betrieb und Wartung betrachtet und auch die Substitutionsmuster während der Nutzung, also welche Verkehrsmittel durch Mikromobile ersetzt werden.

Die Verkehrsforschenden zeigen auf, dass geteilte E-Stehroller und E-Bikes in der Stadt Zürich vor allem nachhaltigere Optionen ersetzen, also Gehen, ÖPNV und Fahrrad. Ein anderes Bild ergebe sich für Mikrogefährte in privatem Besitz, denn sie ersetzten viel häufiger Autofahrten und würden dadurch weniger CO2-Emissionen verursachen als die Verkehrsmittel, die sie ersetzen.

Die Plattform Shared Mobility (PSM), in der sich diverse Verleiher wie Lime, Tier, Bird und Voi organisiert haben, sieht die ETH-Studie als Momentaufnahme an, die keine Aussagekraft für die aktuelle Lage der Mikromobilität habe; obendrein könne sie nicht ohne Weiteres auf andere Städte übertragen werden. In Stuttgart beispielsweise habe sich gezeigt, dass viele Menschen häufiger mit dem ÖPNV fahren, wenn an den Haltestellen E-Stehroller vorhanden sind.

"Die Einschätzungen, dass E-Scooter einzig Strecken ersetzen sollen, die sonst mit dem Pkw zurückgelegt werden, halten wir für falsch", heißt es in einer Stellungnahme der PSM (PDF). Kein Verkehrsmittel werde allein voll das Auto ersetzen können, auch der ÖPNV nicht. Mikromobilität funktioniere in Wegeketten, in der verschiedene Verkehrsmittel miteinander verbunden sind, sodass längere Distanzen kombiniert zurückgelegt werden könnten und ein Pkw überflüssig werde.

E-Stehroller im öffentlichen Verkehr (71 Bilder)

Seit dem 15. Juni 2019 sind Elektro-Stehroller, auch E-Tretroller oder E-Scooter genannt, auf öffentlichen Straßen in Deutschland zugelassen. Schon wurden die ersten in deutschen Städten gesichtet.
(Bild: Lime)

Obendrein seien die in der ETH-Studie verwendeten CO2-Werte veraltet. Durch austauschbare Akkus, Ökostrom, dezentrale Ladeinfrastruktur und elektrisch betriebene Servicefahrzeuge sei der CO2-Ausstoß seit Juni 2019 um 70 Prozent reduziert worden. Das Substitutionsmodell der ETH gehe davon aus, dass öffentliche Verkehrsmittel immer fahren, unabhängig davon, ob Nutzende sich für den ÖPNV oder andere Verkehrsmittel entscheiden. Das verzerre zusätzlich die Studienergebnisse.

(anw)