Unfallforschung: Elektroautos kollidieren öfter als Verbrenner

Elektroautos haben ein anderes Fahrverhalten als herkömmliche Fahrzeuge. Daher sind sie in Unfallstatistiken einer Schweizer Versicherung überpräsent.

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In seinen diesjährigen Crashtests hat sich die Versicherung AXA Elektroautos vorgeknöpft und hier zwei Golf-Varianten aufeinanderprallen lassen.

(Bild: ADVS / UPSA – Auto Gewerbe Verband Schweiz)

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Von
  • Andreas Wilkens

Mit Elektroautos werden nach Erkenntnissen von Unfallforschern mehr Kollisionen verursacht als mit herkömmlichen Autos mit Verbrennermotor. "Je leistungsfähiger das Fahrzeug ist, desto öfter verursachen die Lenkerinnen und Lenker einen Schaden am eigenen oder an Fremdfahrzeugen", erklärt Michael Pfäffli, Leiter der Unfallforschung und Prävention der Schweizer Versicherung AXA. Besonders bei leistungsstarken Modellen ereigneten sich 30 Prozent mehr Schäden an Dritten, aus Sicht der Versicherung heißen sie Haftpflichtschäden.

Warum das so ist, haben die Unfallforscher der AXA in Crashtests ermittelt. In einem wird simuliert, dass ein Teslafahrer kurz auf das Strompedal tippt, er verliert die Kontrolle über das Fahrzeug, das dann mit zu hohem Tempo einen Kreisel verkehrswidrig kreuzt.

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Pfäffli vermutet hier den Overtapping-Effekt: "Die meisten Elektroautos, insbesondere die leistungsstarken, haben ein sehr hohes Drehmoment, welches sich beim Antippen des Strompedals unmittelbar bemerkbar macht. Es kann daher zu einer ungewollten, ruckartigen Beschleunigung kommen, welche der Fahrer oder die Fahrerin nicht mehr kontrollieren kann." Das gelte vor allem für leistungsstarke Elektrofahrzeuge.

Hierdurch und durch andere Umstände bedingt verursachten Elektroauto-Fahrende laut AXA-Statistik 50 Prozent mehr Kollisionen mit Schäden am eigenen Fahrzeug als jene von herkömmlichen Verbrennern; jene von leistungsstarken Elektroautos verursachten hingegen mehr als doppelt so viele Eigenschäden durch Kollisionen als jene von Standardverbrennern.

Besonders leistungsfähige Lithium-Ionen-Batterien machten einen gravierenden Unterschied zwischen E-Autos und Verbrennern aus, erläutert Pfäffli. Sie ermögliche nicht nur ein hohes Drehmoment, sondern beeinflusse auch Gewicht und Konstruktion des Fahrzeugs. Obendrein müssten sich Einsatzkräfte nach einem Unfall auf besondere Umstände einstellen.

Die Antriebsbatterie sei zwar durch zusätzliche Versteifungen der Karosserie vorne, hinten und seitlich gut geschützt, sei aber am Unterboden nicht zusätzlich geschützt. Falls die Batterie beschädigt wird, wie es zum Beispiel passieren kann, wenn ein E-Auto einen Verkehrskreisel überfährt, könnte es zu einem Brand kommen.

Allerdings sei das Brandrisiko bei Autos insgesamt sehr gering. Statistisch gesehen kommen Marderbisse 38-mal häufiger vor als Autobrände, erläutert Pfäffli. Das werde sich auch nicht ändern, wenn sich E-Autos mehr verbreitet haben werden. Falls ein E-Auto doch einmal brennt, könne es durch den Thermal Runaway allerdings heikel werden, also wenn Akkuzellen durchbrennen. Es gebe noch keine befriedigende Lösung, Brände von Elektrofahrzeugen sicher, schnell, umweltschonend und kostengünstig zu löschen.

Die Batterien von Elektroautos machen diese schwerer als vergleichbare Verbrenner, erläutert Pfäffli. Allerdings würden Autos generell immer schwerer. Autos des Jahrgangs 2000 wiegen durchschnittlich 1,34 Tonnen, neuere Autos sind rund 25 Prozent schwerer. "Wir gehen davon aus, dass das durchschnittliche Gewicht eines Neufahrzeuges aufgrund des Batteriebetriebes in wenigen Jahren bei 2 Tonnen liegen wird", dazu trage auch die E-Mobilität bei, sagte Pfäffli.

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Die Fahrgastzelle des Teslas in dem Crashtest blieb übrigens intakt, Gurtstraffer oder Airbags schützen im Normalfall die Insassen. In einem solchen Fall wird die Batterie innerhalb von Millisekunden automatisch von anderen Hochvoltkomponenten und -kabeln abgekoppelt. Der Stromkreis ist unterbrochen, die Insassen könnten gefahrlos geborgen werden, erklärt Pfäffli.

Der Unfallforscher hat sich in einem weiteren Crashtest mit dem Gewichtsunterschied zwischen Fahrzeugen befasst. Dabei prallten ein 1,25 t schwerer Golf VII mit Verbrennungsmotor und ein typengleiches, aber 400 kg schwereres Modell mit Elektroantrieb mit Tempo 50 km/h frontal aufeinander, der Verbrenner-Golf wird sichtbar stärker beschädigt. Pfäffli sieht sie Annahme bestätigt, dass bei einem Crash der Gewichtsunterschied zwischen den beteiligten Fahrzeugen entscheidend ist. Ebenso besage die AXA-Statistik: Ein Pkw, der über 2 t wiegt, verursache im Durchschnitt 10 Prozent höhere Sachschadenaufwände als ein Fahrzeug, das weniger als 1 t wiegt.

Zur Brandgefahr von Elektroautos hatte sich voriges Jahr auch die deutsche Bundesregierung geäußert. Aus ihrer Sicht bestehe "bei Elektrofahrzeugen derzeit kein höheres Brandgefährdungspotenzial als bei Fahrzeugen mit konventionellem Verbrennungsmotor", schrieb sie auf Anfrage der FDP-Bundestagsfraktion.

Update

Die in den Videos dargestellten Szenarien wurden offenbar manipuliert. In den getesteten Autos hätten sich keine Akkus befunden, berichtet das Portal 24auto.de. Das Feuer in dem Tesla-Auto, das sich überschlug, sei mit Pyrotechnik gezündet worden.

(anw)