"Unfollow Everything": Facebook geht massiv gegen Tool für sauberen Newsfeed vor

Ein Entwickler erhebt schwere Vorwürfe gegen Facebook: Der Konzern gehe mit harten Bandagen gegen ein Tool vor, das seine Facebook-Sucht kuriert habe.

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(Bild: chainarong06/Shutterstock.com)

Von
  • Martin Holland

Ein britischer Entwickler wurde angeblich lebenslänglich von Facebook ausgesperrt, weil er ein Werkzeug zum einfachen Aufräumen des Newsfeeds verbreitet hat. Wie Louis Barclay in einem Beitrag bei Slate erläutert, hat er die Browser-Erweiterung "Unfollow Everything" entwickelt, die den Newsfeed von Facebook-Nutzern und -Nutzerinnen leert. Dafür entfolgt sie – ganz wie es der Name sagt – automatisch allen Freunden, Gruppen und Seiten, mit denen deren Accounts verknüpft sind. Die Freundschaften und Verbindungen werden aber nicht entfernt, sondern lediglich vom Newsfeed ausgesperrt – und können händisch auch wieder eingelassen werden. Der Effekt sei "fast magisch", man habe das Gefühl, die Kontrolle zurückzubekommen, schreibt Barclay. Die Reaktion des Facebook-Konzerns sei drastisch gewesen.

Facebooks Newsfeed ist jener endlose Strom an Einträgen, der auf dem PC und mobil das Herzstück des sozialen Netzwerks darstellt, das die Leute auf der Plattform hält, wie Barclay erklärt. Für Facebook ist es darüber hinaus aber auch eine zentrale Quelle von Einnahmen, denn hier landen viele Werbungen, mit deren Ausspielung das Netz Geld verdient. Ohne den Newsfeed in seiner aktuellen Form würde die durchschnittlich verbrachte Zeit auf Facebook deutlich sinken, ist Barclay überzeugt. Vor ein paar Jahren habe er mitbekommen, dass sich der Newsfeed komplett leeren lässt, wenn man allen Freunden, Gruppen und Seiten entfolgt. Den Rest der Seite könne man trotzdem weiter normal benutzen. Darüber hinaus kann man den Newsfeed aber auch gezielt kuratieren und nur jenen Seiten folgen, deren Beiträge man hier sehen will, erklärt der Entwickler noch.

Weil das Entfolgen aller Seiten aber ein mühsamer und äußerst zeitaufwändiger Prozess sei, der sich problemlos automatisieren ließe, habe er "Unfollow Everything" entwickelt und im Sommer 2020 kostenfrei im Chrome Store verfügbar gemacht. Tausende hätten das Werkzeug daraufhin genutzt und begeisterte Rezensionen hinterlassen. Das Tool hat damit demnach sogar ein Forschungsprojekt der Universität Neuchâtel angestoßen, in dem es um den Einfluss des Newsfeeds auf das persönliche Empfinden von Nutzern und Nutzerinnen ging.

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Vor einigen Monaten habe Facebook dann gefordert, dass er das Werkzeug offline nimmt, schreibt Barclay. Außerdem sei sein Account entfernt worden und er habe sich verpflichten müssen, nie wieder ein Tool zu entwickeln, das mit Facebook oder einem der zugehörigen Dienste interagiere. Dazu habe sich der Konzern auf eine Formulierung in seinen Nutzungsbedingungen berufen, die sogar für ehemalige Nutzer gelte. All das halte er für "ungeheuerlich", schreibt Barclay. Gleichzeitig sei das finanzielle Risiko eines Gangs vor Gericht in Großbritannien zu groß, weswegen er sich den Forderungen beuge. Stattdessen ruft er Gesetzgeber auf, tätig zu werden. Immerhin sei seine Facebook-Sucht definitiv unter Kontrolle. Von Facebook gibt es zu den Anschuldigungen noch keine Reaktion.

(mho)