Uni Washington: Zahl der Covid-19-Toten viel höher als von der WHO angegeben

Die Weltgesundheitsorganisation geht von 3,2 Millionen COVID-19-Toten aus, das Institute for Health Metrics and Evaluation (IHME) von 6,9 Millionen.

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Kumulative Gesamtsterblichkeitsrate je Land (je US-Bundesstaat) durch COVID-19.

(Bild: IHME)

Von
  • Andreas Wilkens

An COVID-19 sind weltweit bisher 6,9 Millionen Menschen gestorben, hat das Institute for Health Metrics and Evaluation (IHME) an der School of Medicine der University of Washington in Seattle errechnet. Seine Zahl liegt damit weit über den 3,2 Millionen, die die Weltgesundheitsorganisation WHO momentan angibt. Für Deutschland schätzt das IHME fast 121.000 Tote, während das Robert-Koch-Institut derzeit 84.400 meldet.

Aus den meisten Ländern würden viel zu geringe Todeszahlen gemeldet, schreibt das IHME. So kämen die USA nach offiziellen Meldungen auf 574.000 Tote, nach Berechnungen des Instituts auf 905.000. Noch weiter relativ auseinander liegen die Zahlen für Russland, aus dem bisher 109.000 Tote gemeldet wurden, nach Ansicht des IHME sind es 593.000; den 13.500 Toten laut WHO in Ägypten stehen 170.000 gegenüber und in Kasachstan sind es laut IHME nicht 5600 Tote, sondern knapp 82.000. Indien, das zurzeit besonders stark von der Pandemie heimgesucht wird, hat nach Meinung des IHME 654.000 COVID-19-Todesfälle zu beklagen und nicht 221.000 nach WHO-Version.

Nach Regionen zusammengefasst seien Lateinamerika und die Karibik, Mittel- und Osteuropa sowie Zentralasien nach der Gesamtzahl der Todesfälle am stärksten betroffen. Dabei geht es nur um Todesfälle, die direkt SARS-CoV-2 verursachte, nicht um jene, die indirekt etwa durch Störungen der Gesundheitssysteme bedingt waren.

Viele COVID-19-Todesfälle würden nicht gemeldet, da manche Länder sie nur angeben, wenn sie in Krankenhäusern oder an Patienten mit einer bestätigten Infektion aufgetreten waren. Dieses Problem werde vielerorts durch mangelnde Gesundheitsmeldesysteme und einen geringen Zugang zur Gesundheitsversorgung verstärkt, meint das IHME. Die meisten Todesfälle seien aus solchen Ländern nicht gemeldet worden, in denen bisher die Pandemie am stärksten auftrat.

Von Land zu Land variierten die Testkapazitäten im Zeitverlauf, dadurch könne auch die Zahl der gemeldeten COVID-19-Todesfälle als Anteil aller Todesfälle ebenfalls deutlich variieren. In vielen Ländern mit hohem Einkommen wurden die Todesfälle durch COVID-19 von älteren Menschen insbesondere in Langzeitpflegeeinrichtungen in den ersten Monaten der Pandemie nicht registriert. In Ländern wie Ecuador, Peru und Russland deutet laut IHME die Diskrepanz zwischen gemeldeten Todesfällen und Analysen der Sterberaten darauf hin, dass die Gesamt-COVID-19-Sterblichkeitsrate um ein Vielfaches größer ist als in offiziellen Berichten.

Das IHME schätzt die Zahl der COVID-19-Tote, indem es die erwarteten Todesfälle aus allen Ursachen auf der Grundlage von Trends und Saisonalitäten vor der Pandemie mit der tatsächlichen Anzahl während der Verbreitung des Virus vergleicht. Daraus ergibt sich ein Maß für die Übersterblichkeit, von dem jene Todesfälle abgezogen werden, die indirekt auf die Pandemie zurückzuführen sind. Das betrifft beispielsweise Menschen, die gestorben sind, weil medizinische Behandlungen aufgeschoben wurden. Auf der anderen Seite steht die Zahl der Menschen, die beispielsweise wegen geringeren Straßenverkehrs nicht ums Leben kamen, wie es sonst zu erwarten gewesen wäre.

IHME-Direktor Dr. Chris Murray sieht die neue Modellrechnung seines Instituts als wichtig an, damit sich die Länder der Welt besser auf die Pandemie einrichten können. Die Analyse zeige, wie schwierig es ist, eine neue und sich schnell ausbreitende Infektionskrankheit genau zu verfolgen. Das IHME will mithilfe seines Modells wöchentlich aktualisierte Prognosen erstellen und veröffentlichen. Demnach könnte es sein, dass im schlimmsten Fall bis September dieses Jahres weltweit insgesamt 10,2 Millionen Menschen an COVID-19 gestorben sein könnten.

(anw)