VR-Brille Pico Neo 3 Link: Tiktok-Betreiber veröffentlicht Quest-Konkurrenten

Tiktoks Mutterkonzern ByteDance veröffentlicht in Deutschland eine VR-Brille. Die Pico Neo 3 war bislang nur in China und für Geschäftskunden erhältlich.

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(Bild: ByteDance)

Von
  • Jan Wöbbeking
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Der chinesische Technik-Gigant ByteDance möchte sich ein Stück vom "Metaverse" sichern. Eine bisher nur in China und für den Business-Einsatz erhältliche Virtual-Reality-Brille bekommt eine Variante für Endkunden. Pico Neo 3 Link heißt diese Version des VR-Systems, die sich ab Karfreitag, 15. April für 449 Euro vorbestellen lässt.

Das auf dem "Laval Virtual"-Event vorgestellte Headset erinnert nicht nur optisch frappierend an die Meta Quest 2. Die Auflösung des LCD-Bildschirms (SFR-TFT) beträgt hier ebenfalls 1832 × 1920 Pixel pro Auge. Im Inneren arbeitet der gleiche XR2-Chip von Qualcomm.

Auch Tracking, Controller und Einsatzmöglichkeiten erinnern an das Vorbild. Die Pico Neo 3 Link lässt sich wahlweise eigenständig betreiben oder per Funk oder Kabel als PC-Brille nutzen. An der Front erfassen vier seitlich eingelassene Weitwinkelkameras die Umgebung und die Controller mit 32 optischen Tracking-Sensoren. Nutzerinnen und Nutzer können sich also frei durch einen vorher eingerichteten Raum bewegen, um auf dem Mobilchip laufende Spiele und Apps zu konsumieren.

Bei der SteamVR-Nutzung an der Strippe bringt das Gerät sogar einen Vorteil für die Bildqualität mit. Anders als bei der Quest 2 fließt kein komprimiertes Signal mit störenden Artefakten durch das USB-Kabel, sondern ein DisplayPort-Signal. Wie bei der Valve Index oder Metas alter Rift S sollte es im Kabelbetrieb also keinen Qualitätsverlust geben. Ein entsprechendes Kabel von USB auf Displayport wird mitgeliefert. Drahtloses Streaming erfolgt über Wi-Fi 6 oder Wi-Fi 5, sofern ein entsprechend schneller Router oder Access-Point bereitsteht.

Ein wichtiges Argument für ein Konsumenten-Headset ist natürlich das Spieleangebot. In Picos App-Store sollen zum Start 200 Veröffentlichungen zum Kauf bereitstehen. Unter den ersten Highlights im Programm befindet sich das klassische Tabletop-Rollenspiel "Demeo", das 2021 mehrere Auszeichnungen als VR-Spiel des Jahres gewann. Im Start-Lineup befinden sich zudem das Musikspiel "Synth Riders", das gesellige "Walkabout Mini Golf", der Zeitlupen-Evergreen "Superhot VR" und die Shooter "Contractors", "After the Fall" sowie "Arizona Sunshine". Erwähnenswert sind auch die Pfeil-und-Bogen-Action "In Death: Unchained" sowie das kreative Puzzlespiel "A Fisherman's Tale".

Beim Software-Katalog hat Meta trotzdem einen großen Vorsprung. Seit 2019 wurde der Quest-Store stetig erweitert, hinzu kamen Übernahmen wichtiger VR-Studios. Ein Großteil der VR-Entwickler konzentriert sich auf Metas beliebtes System. In Deutschland sind die Quest-VR-Brillen jedoch nicht offiziell erhältlich, da Meta aufgrund laufender Gerichtsverfahren den Verkauf einstellte. Technische Gemeinsamkeiten mit der Pico Neo 3 Link könnten allerdings Spiele-Umsetzungen erleichtern. Dabei könnte auch der offene Standard OpenXR helfen, der von beiden Systemen unterstützt wird.

Vorerst scheint Bytedance aber ohnehin kleinere Brötchen backen zu wollen. Während die Quest 2 laut Qualcomm schon grob 10 Millionen Mal verkauft wurde, gibt es von der Neo 3 Link zunächst nur ein begrenztes Kontingent. Verkauf und App-Store starten in einer monatlichen Staffelung – zunächst nur in Deutschland, Frankreich, Spanien und den Niederlanden. Im Juni folgt Großbritannien. Unklar ist, wie ausgefeilt sich die Funktionen des Betriebssystems zum Launch präsentieren. Pico hat zumindest ein Beta-Testprogramm angeteasert, in dessen Rahmen Store-Updates, soziale Funktionen & Co. getestet werden.

Die Pico Neo 3 Link unterstützt eine Bildwiederholfrequenz von 90 Hertz – bei der Quest 2 sind in manchen Apps sogar schon 120 Hertz möglich. Der Pupillenabstand zwischen 58 und 69 Millimetern dürfte sich erneut nur in drei unflexiblen Stufen einstellen lassen wie bei der Business-Version der Neo 3 und der Quest 2. Wer dazwischen liegt, muss mit angestrengten Augen leben. Ein Vorteil ist hingegen die Kapazität von 5300 Milliamperestunden (mAh), die eine Spielzeit von rund 3,5 Stunden erlauben soll (Quest 2: 3640 mAh).

Der integrierte Akku am Hinterkopf sorgt zusätzlich für ein besser ausbalanciertes Gewicht und wird bei der Quest 2 nur als Zubehör-Strap angeboten. Nutzerinnen und Nutzer von Sport- und Musik-Apps dürften sich über das schweißabweisende Kunstlederpolster freuen, das standardmäßig beiliegt. Pico ist kein Neuling auf dem VR-Markt. Mit der Pico Goblin gab es sogar schon 2017 eine autarke VR-Brille, also vor Metas Modellen Oculus Go und Oculus Quest. Ähnlich wie HTC Vive hat sich auch Pico bislang allerdings stark auf den chinesischen Markt konzentriert. Metas Brillen sind dort nicht offiziell erhältlich. Im August 2021 übernahm Tiktok-Betreiber ByteDance die Firma und kündigte langfristige Investitionen in den Bereichen Virtual- und Augmented Reality an.

Wer Metas Datenschutzprobleme ablehnt, dürfte mit dem neuen Headset des Tiktok-Betreibers vermutlich keine sinnvolle Alternative finden. Der chinesische Staat wacht unter anderem als Anteileigner und im Aufsichtsrat über ByteDance. Datenschützer mahnen auch bei der Tiktok-Nutzung Vorsicht an.

Schon am Dienstag, 12. April kündigte Pico zudem ein neues Business-Bundle der VR-Brille an: An ihrer Front ist ein hochpräzises Fingertracking-Modul der Firma Ultraleap befestigt. Alternativ gibt es für Geschäftskunden bereits ein Modell mit Eye-Tracking (Pico Neo 3 Pro Eye).

Der Vorbestellungszeitraum für die neue Pico Neo 3 Link startet am Freitag, 15. April, um 12 Uhr und endet am 23. Mai. In Deutschland ist das Gerät mit 256 GByte Speicherplatz zunächst exklusiv beim Vertriebspartner Bestware erhältlich. Der Preis beträgt 450 Euro. Sobald der Verkauf beginnt, soll eine limitierte Stückzahl ausgeliefert werden, bis die Vorräte aufgebraucht sind. Der Hersteller behält sich Änderungen im Zeitplan vor, falls Lieferketten-Probleme dazwischenfunken.

(dahe)