VR-Headset Project Cambria: Facebooks Vorgeschmack auf das Metaversum

Facebook baut hervorragende VR-Headsets, das kommende Project Cambria soll das bisher beste Erlebnis bieten. Aber reicht die Technik schon fürs Metaversum?

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Ein unscharfes Thumbnail eines Youtube-Videos – mehr Bildmaterial gibt es zu Facebooks Project Cambria nicht.

(Bild: Facebook)

Von
  • Daniel Herbig

Mark Zuckerberg sieht die Zukunft seines Unternehmens Meta, formerly known as Facebook, im Metaversum. Ihn treibt die Vision einer virtuellen Parallelwelt um, die die Vielschichtigkeit der menschlichen Kommunikation besser einfängt als Facebook, WhatsApp und Instagram. Um das umzusetzen, braucht es endlich alltagstaugliche VR-Headsets. Zuckerberg möchte sie am liebsten selbst bauen, dafür hat er schon 2014 Oculus für 2,3 Milliarden US-Dollar gekauft. Auf der Facebook Connect hat Zuckerberg nun sein neues Headset angekündigt: Project Cambria.

Dass der Produktname des neuen Facebook-Headsets nur vorläufig ist, passt ins Bild: Noch gibt es nur wenige Informationen zur neuen Oculus-Brille, die das Unternehmen in einem gerade mal 10 Sekunden langen Youtube-Video ankündigt. Zuckerberg sagte auf der Connect ganz offen, Cambria werde ein High-End-Headset – mit entsprechendem Preis. Eine kostspieligere, aber leistungsfähigere Alternative zu den günstigen Quest-Modellen des Unternehmens. Neben seinen VR-Fähigkeiten soll das kommende Oculus-Gerät auch über AR-Fähigkeiten verfügen, also per Passthrough Objekte ins Sichtfeld der Trägerinnen und Träger einblenden.

Meta zeigt erstes Render-Video von Project Cambria
(Quelle: Facebook / Meta)

Cambria soll außerdem mit neuen Sensoren ausgestattet sein, die es virtuellen Avataren ermöglichen, Augenkontakt zu halten und die Gesichtsausdrücke des Brillenträgers widerzuspiegeln. Für die meisten VR-Spiele ist das komplett irrelevant, doch darum geht es Facebook auch gar nicht: Cambria soll den Einstieg ins soziale Metaverse ermöglichen, wo sich alles um Kommunikation und Austausch mit anderen Avataren dreht. Cambria wird Facebooks erstes Headset, das fürs Metaverse konzipiert wurde.

Für Sci-Fi-Fantasien von einer alternativen Welt, die unsere eigentliche ersetzt, ist es freilich noch zu früh: Zuckerberg selbst sagte auf der Connect-Keynote, es könne fünf bis zehn Jahre dauern, bis sich das Metaversum wirklich etabliert. Viele Analysten sehen das als optimistische Schätzung und sprechen sogar von Jahrzehnten. Auf jeden Fall muss sich VR-Hardware noch deutlich verbessern, bis die Vision zur Realität werden kann.

Es gibt nämlich gute Gründe, dass VR-Brillen trotz Bemühungen großer Firmen wie Meta, Valve und HTC noch immer ein Nischendasein fristen. Bisherige Headsets sind immer mit Kompromissen verbunden. Da gibt es die Geräte, die Trägerinnen und Trägern ein vergleichsweise scharfes Bild auf die Netzhaut werfen und auch komplexere Umgebungen rendern können – zumindest, solange sie per Kabel an einen potenten Rechner angeschlossen sind. Bewegungsfreiheit und unbeschwertes VR-Vergnügen geht anders.

Auf der anderen Seite des Spektrums stehen autarke VR-Brillen, die kabellos und vergleichsweise mobil eingesetzt werden können. Sie haben die Hardware, die zur Berechnung von VR-Welten notwendig ist, direkt eingebaut. Doch diese mobile Rechenpower kann mit stationären PCs nicht mithalten, den dargestellten Inhalten merkt man das durch niedrigere Auflösung und Bildraten an. Obendrein brauchen diese Headsets einen Akku, der nicht zu schwer am Schädel hängen darf. Bisherige Modelle, darunter auch Facebooks Oculus Quest 2, halten daher bestenfalls wenige Stunden ohne Strom durch.

Gerade Neueinsteigern fällt es außerdem schwer, VR-Headsets über einen längeren Zeitraum zu tragen. Die sogenannte Simulatorkrankheit entsteht, wenn die Augen in VR-Umgebungen der Meinung sind, der Körper bewege sich, dieser aber tatsächlich stillsitzt. Solche widersprüchlichen Sinneseindrücke können beispielsweise zu Übelkeit und Kopfschmerzen führen. Ein weiteres Hindernis für Facebooks Zukunftsfantasien: Metaverse-Bewohner müssen Hunderte Euro ausgeben, um überhaupt in die virtuelle Realität abtauchen zu können. Facebooks Oculus Quest 2, die bald Meta Quest 2 heißen wird, gehört mit einem Preis von 350 Euro noch zu den günstigeren Modellen.

Nicht alle diese Baustellen werden in den kommenden Jahren zu lösen sein. Metas kommendes Cambria zeigt aber auf, wie das Unternehmen die Problemzonen der virtuellen Realität angehen möchte. Über die Augmented-Reality-Funktionen könnten Avatare anderer Metaversianer beispielsweise aus der virtuellen Realität gerissen und stattdessen in die tatsächliche Umgebung projiziert werden – das könnte Nutzerinnen und Nutzern eine Verschnaufpause verschaffen, wenn Simulatorkrankheit droht. Bisherige Metaverse-Anwendungen wie Horizon Workrooms präsentieren sich außerdem in abstrahierter Cartoon-Grafik, die keine allzu hohen Anforderungen an die Rechenpower stellen dürfte.

Ein kleiner Teil des künftigen Metaversums: In der Anwendung Horizon Workroom kann man sich zum Geschäftsmeeting verabreden.

(Bild: Facebook)

Um Platz zu sparen, baut Meta in Cambria sogenannte "Pancake Lenses" ein: Die Pfannkuchen-Linsen sollen flacher ausfallen als die bisher in VR-Headsets von Oculus eingebauten Linsen und dadurch ein kompakteres Design eröffnen. Im Teaser-Video sieht Project Cambria tatsächlich vergleichsweise schmal aus, von einer wirklichen "Brille" ist Facebooks Gadget aber noch weit entfernt.

Schon mit seinem aktuellen Headset Quest 2 hat Metas Oculus-Abteilung gezeigt, dass es richtig gute Headsets bauen kann: Die Quest 2 kann wahlweise autark oder kabelgebunden am PC eingesetzt werden und bietet mit einer XR2-Plattform auf Basis des Snapdragon 865 ordentlich Leistung zum günstigen Preis. Facebook ist in einer guten Position, auch künftige Headsets vergleichsweise preiswert anbieten zu können: Das Unternehmen investiert Milliarden in das Metaverse. Da ist es gut möglich, dass künftige Headsets unter Produktionskosten verkauft werden, um User anzulocken. So handhaben es beispielsweise auch Microsoft und Sony bei ihren Spielkonsolen.

Weitere Informationen zu Project Cambria, darunter eine Preisempfehlung und Hardware-Details, will Facebook dann im kommenden Jahr nennen. Noch ist auch unklar, wann das Headset überhaupt in den Handel kommen soll – und ob es angesichts der bevorstehenden Entkopplung von Headset und Facebook-Account wieder in Deutschland verkauft werden kann.

VR-Prototyp von Facebook: Bei künftigen Headsets könnten Augen der Träger für Außenstehende sichtbar sein.

(Bild: Facebook)

Cambria wird einen ersten Vorgeschmack auf das Metaversum bieten. Bis Zuckerbergs VR-Utopie Realität werden kann, braucht es aber noch mehrere weitere Produktgenerationen. Facebook forscht beispielsweise an einem "Reverse-Passthrough-System", bei dem Außenstehende die Augen eines VR-Brillenträgers sehen können. Für Consumer-Geräte ist das noch Zukunftsmusik, aber vielleicht ändert sich das ja in den kommenden Jahren.

Bis dahin wird das Metaverse wohl vor allem als hybride Andeutung dessen existieren, was irgendwann einmal möglich sein könnte. Schon jetzt macht Zuckerberg Zugeständnisse an die technische Realität: Metaverse-Anwendungen sollen sich auch auf gängigen Endgeräten wie PCs und Mobilgeräten nutzen lassen – ganz ohne VR-Headset.

(dahe)