Videotipp: Tim Hunkin – Ein Maker Urgestein aus der Zeit vor YouTube

Der britischer Maker, Ingenieur und TV-Moderator ist nach fast zwanzig Jahren Pause zurück. Mit einer neuen Staffel und alten, digital aufgefrischten Folgen.

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(Bild: Tim Hunkin, Youtube)

Von
  • Carsten Wartmann

Hätte es 1988 schon YouTube gegeben, wäre Tim Hunkin vielleicht ein YouTuber geworden. Der englische Ingenieur, Cartoonist, Autor und Künstler aus Suffolk startete 1988 mit einer Serie über das "geheime Leben" von Maschinen ("Secret Live of...") auf Channel 4 im britischen Fernsehen. Die erste Folge dieses Edutainment-Programms war "The Secret Life of the Vacuum Cleaner", also "Das geheime Leben des Staubsaugers". Natürlich wird Englisch gesprochen, aber dies sehr verständlich und klar, sodass man auch gleich sein Schulenglisch aufpolieren kann.

Staffel1, Folge 1: "The Secret Life of the Vacuum Cleaner - Remastered"

Ich sah durch Zufall vor einigen Wochen die erste Folge von 1988, die Hunkin auf YouTube gestellt hat, und war sofort fasziniert. Einmal, weil das mein Opa hätte sein können, der seine Elektromotoren und ähnliche Geräte, mit denen ich noch als Kind gespielt habe, nach dem Krieg selbst gebaut hat. Zweitens zog mich die Präsentation in den Bann – etwas springt über, wenn Tim Hunkin erzählt und demonstriert. Die Entwicklung von technischen Geräten, auch von scheinbar banalen Apparaten, warum und wieso und welche physikalischen Grundlagen dahinterstehen, sind heute wie damals noch interessant und relevant. In den komplett durchdesignten Geräten von heute steckt in den Grundzügen keine andere Technik, nur ist sie überkompliziert und hochgradig optimiert, sodass man das Funktionsprinzip dahinter oft nicht mehr erkennt. Wer das Glück hat, noch eine alte Waschmaschine zu besitzen und dort schon einmal die Motor-Kohlen gewechselt hat, um damit eventuell weitere zehn Jahre Betriebszeit zu erhalten, wird dies sehr zu schätzen wissen.

Hat man sich durch die Folgen der drei alten Staffeln geschaut, kommt man in der Gegenwart an. Nun ja, zumindest in der "hunkinschen" Gegenwart. Mit seinen 70 Jahren hat Tim Hunkin, auch durch die Panedemie ausgelöst, eine vierte Staffel im Geiste der alten Serie produziert: diesmal mit dem Titel "The Secret Life of Components", die einzelne Bauelemente wie Schalter, Federn, LEDs usw. beschreibt.

Dabei geht es immer sehr hemdsärmelig und direkt zur Sache: Der beneidenswert rüstige Hunkin springt, macht Klimmzüge an geklebten Buchstaben oder steigt mit vielen Kilo schweren Stahlgewichten auf eine Leiter, um Schwingungsversuche mit Federn an der Decke zu machen. Das alles ist sehr informativ, ohne die polierte, auf YouTube-Algorithmen zugeschnittene, aufgesetzte Fröhlichkeit "moderner" YouTuber. Hunkin geht mit merklich Spaß und großem Sachverstand an die Sache heran. Seine Werkstatt ist ein kreatives Chaos und hat so wenig mit einer modernen Industriewerkstatt zu tun, dass einem die eigene Werkstatt gleich viel aufgeräumter vorkommt.

Trailer: "The Secret Life of components"

Auch in den neuen Folgen geht es um das praktische Verständnis der Mechanik und Physik hinter den Bauelementen. Wie stellt man selbst Federn her? Wie wählt man die Art der Feder aus, warum reagieren Federn so und nicht anders? Welche Schalter und Lager gibt es? Wie kann man sie selbst bauen? Auf mich haben diese Videos die Wirkung, dass ich sofort in die Werkstatt gehen möchte, um dies alles auszuprobieren. Nebenbei bekommt man so einige Ideen, wie man alte Geräte repariert oder zu Neuem verarbeitet, in unserer Wegwerfgesellschaft aktueller und wichtiger als je zuvor.

Vergleichbares in deutscher Sprache, wenn auch wesentlich stärker auf den Massengeschmack der TV-Zuschauer zugeschnitten, gab es bei uns mit der Sendung "Hobbythek" im WDR. Sehr zu meinem Missfallen damals wurde diese Sendung immer mehr zu einem Gesundheits- und Wellness-Magazin, bis sie im Jahre 2004 nach 30 Jahren eingestellt wurde. Hätte ich doch nur britisches Fernsehen gehabt.

Die neuen Folgen und die Wiederveröffentlichung der alten Folgen entspringen natürlich auch Hunkins Wunsch, der Nachwelt etwas zu hinterlassen. Sei es ein kulturelles Erbe oder die Kenntnisse von Dingen, die Tim in den langen Jahren als Ingenieur und Erbauer von skurrilen Maschinen gelernt hat. (caw)