Virgin Galactic verschiebt Raumflüge erneut

Virgin Galactic will Touristen die Erdkugel zeigen. Bei 14 Jahren Verspätung kommt es auf ein 15. auch nicht mehr an. Blue Origin verschiebt ebenfalls.

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Fluggerät über Wüste

(Bild: Virgin Galactic)

Von
  • Daniel AJ Sokolov

Das britisch-amerikanische Raumfahrtunternehmen Virgin Galactic verschiebt seinen Fahrplan erneut. Die Firma möchte kommerzielle Kurzausflüge ins All anbieten. Einen für Mitte Februar geplanter Testflug musste Virgin Galactic auf Mai verschieben. Das verschiebt den ersten Start mit Privatastronauten ins nächste Jahr.

Das Überraschendste daran ist die Reaktion der Aktionäre: Nach Bekanntgabe der Verschiebung Donnerstagabend sind die Aktien der Firma am Freitag um fast zwölf Prozent abgestürzt. Dabei sind Verschiebungen bei Virgin Galactic nichts Ungewöhnliches.

Bereits vor 17 Jahren hatte Firmengründer Richard Branson angekündigt, ab 2007 kommerzielle Flüge anzubieten, die für wenige Minuten ins All führen sollen. Zunächst kostete ein Ticket ins All 200.000 US-Dollar, dann stieg der Preis für den Kurzausflug auf 250.000 Dollar. Wer fünf Sitze bucht, bekommt den sechsten gratis dazu. Mehr Passagiersitze hat das Raumfahrzeug nicht.

Hunderte Leute haben bereits gebucht oder zumindest eine Anzahlung geleistet. Mehrere Starttermine sind unerfüllt verstrichen. Die jahrzehntelange Wartezeit führte zwar zu einigen Storni, doch um die 600 Anwärter halten die Treue. Die Touristenflüge sollen von Neumexikos Spaceport America starten, wo Virgin Galactic ein Terminal mietet.

Im Oktober 2019 war Virgin Galactic die erste Firma für Weltraumtourismus an der Börse. Am Donnerstag hat das Unternehmen seine Finanzergebnisse des ersten vollen Jahres seit dem Börsengang bekanntgegeben. Der Jahresumsatz ist mit 238.000 US-Dollar kaum der Erwähnung wert. Der Betriebsverlust beläuft sich auf 275 Millionen Dollar. Weil Virgin Galactic zum Jahresende fast 666 Millionen Dollar auf der hohen Kante hatte, gab es 2020 2,3 Millionen Dollar Zinseinnahmen. Sie haben den Nettoverlust auf 273 Millionen Dollar gedrückt.

Virgin Galactics Terminal am Spaceport America (Archivaufnahme)

(Bild: Daniel AJ Sokolov)

Der von 13. Februar in den Mai verschobene Testflug ist eine Wiederholung eines im Dezember unzufriedenstellend verlaufenen Testfluges: Damals hatten elektromagnetische Interferenzen einen Steuerungscomputer abstürzen lassen, just als die Raketentriebwerke zünden sollten. Anstatt loszubrausen mussten die Piloten das Fahrzeug ohne Motor zurück zur Erde segeln. Die Interferenzen sind noch nicht beseitigt, weshalb im Februar nicht gestartet werden konnte.

Zwei weitere Testflüge plant Virgin Galactic für den Sommer, dann schon mit Passagieren: Zunächst sollen sechs Mitarbeiter mitfliegen, dann Firmengründer Richard Branson selbst. Er feiert im Juli seinen 71. Geburtstag. Zu einem späteren Zeitpunkt möchte Virgin Galactic Mitglieder der italienischen Luftwaffe befördern, wofür Italien etwas zahlen wird.

Geht das alles gut, könnten 2022 zahlende Privatastronauten Platz nehmen. Dass sie wirklich ins All gelangen, verspricht Virgin Galactic nicht. Zwar gibt es keine klare Grenze zwischen Atmosphäre und All, doch hat sich die Wissenschaft auf eine gedachte Linie in 100 Kilometern Höhe über dem Meeresspiegel verständigt. Virgin Galactic setzt sich die Hürde 20 Kilometer tiefer.

Kunden Blue Origins müssen ebenfalls länger warten. Das von Jeff Bezos gegründete Unternehmen hat den Jungfernstart seiner neuen Rakete namens New Glenn auch auf 2022 verschoben. Das hat vor allem finanzielle Gründe, wie Spacenews berichtet.

Letzten Sommer ist Blue Origin bei der Vergabe eines Milliardenauftrags der US Space Force leer ausgegangen. Im Dezember stornierte die US-Luftwaffe einen Vertrag. Statt ursprünglich angekündigter 500 Millionen US-Dollar hat Blue Origin dabei nur etwa die Hälfte lukriert. Daher bremst das Management die Raketenentwicklung ein bisschen.

Blue Origins Kunden, die New Glenn für Satellitenstarts nutzen möchten, seien von der Verschiebung nicht überrascht, betont das Unternehmen. Umsatz macht es dieses Jahr dennoch. Blue Origin wird Raketentriebwerke für die Vulcan-Rakete der United Launch Alliance liefern.

(ds)