Visual Studio 2022 läuft nun mit 64 Bit

Mit dem Release liefert Microsoft erstmal eine 64-Bit-Version seiner Entwicklungsumgebung aus. KI-gestützte Eingabeunterstützung und Hot Reloading sind an Bord.

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(Bild: pio3/Shutterstock.com)

Von
  • Dr. Holger Schwichtenberg

Größte Neuerung in Visual Studio 2022 ist, dass es erstmals eine 64-Bit-Anwendung ist. Bisher war die Entwicklungsumgebung lediglich als 32-Bit-Version verfügbar und bei seinem Ressourcenkonsum auf rund vier GByte Hauptspeicher begrenzt. Die Umstellung von 32- auf 64-Bit beschleunigt die Entwicklungsumgebung, insbesondere das Öffnen größerer Projektmappen. Es ist weiterhin möglich, in Visual Studio sowohl 32- als auch 64-Bit-Anwendungen zu kompilieren, zu debuggen und zu testen.

Allerdings sind alle Erweiterungen für Visual Studio zu überarbeiten, da es zahlreiche Breaking Changes im Visual Studio SDK gibt. Auch wenn Microsoft die Entwicklergemeinde schon im Juni 2021 zur Anpassung der Erweiterungen aufgerufen hatte, zeigt ein Blick in den Visual Studio Marketplace, dass viele Erweiterungen noch nicht umgestellt sind. Dazu gehören auch wichtige Erweiterungen von Microsoft selbst wie der .NET Portability Analyzer sowie Visual-Studio-2022-fähige Erweiterungen. Aktuell sind nur 542 der vielen Tausend Erweiterungen im Visual Studio Marketplace im Visual Studio Marketplace bereits als kompatibel zur 64-Bit-Version Visual Studio 2022 markiert (vgl. Abb. 1).

Nur 542 der zahlreichen Erweiterungen im Visual Studio Marketplace sind bereits an die 64-Bit-Version Visual Studio 2022 angepasst (Abb. 1).

Die IntelliSense-Eingabeunterstützung gibt es nicht erst seit der ersten Visual-Studio-Version im Jahr 1997, sondern es gab sie auch schon in den Vorgängerprodukten (Visual C++, Visual Basic und Visual FoxPro). Seit 2018 gibt es mit IntelliCode eine Zusatzfunktion, die aus dem Kontext heraus häufig verwendete Klassenmitglieder hervorhebt.

In Visual Studio 2022 macht Microsoft erstmals nicht nur Vorschläge für einzelne Bezeichner, sondern aus dem aktuellen Kontext heraus auch für vollständige Programmzeilen (s. Abb. 2). Mit einem doppelten Drücken der Tabulator-Taste übernehmen Entwickler einen Vorschlag. Die Vorschläge basieren dabei auf dem KI-Training mit dem Quellcode einer halben Million Open-Source-Projekte auf GitHub. Details zu dieser erweiterten IntelliCode-Funktion findet man in einem Blogeintrag.

Auch bei den C#-Refactoring-Funktionen gibt es einige Neuerungen in Visual Studio 2022, unter anderem Sync Namespaces, Introduce Parameter, Track Value Source, Convert to File-scoped Namespace.

Zeilenvorschläge in Visual Studio 2022 (Abb. 2).

Hot Reload nennt Microsoft die Fähigkeit der Entwicklungsumgebung, eine laufende Anwendung zu ändern. Der Entwickler kann damit Programmcodeänderungen zur Entwicklungszeit durchführen, ohne dass sie neu gestartet werden muss und ihren Zustand verliert. Grundsätzlich funktioniert Hot Reload beim Entwickeln von Anwendungen mit .NET Framework, .NET Core, .NET 5 und .NET 6, und zwar sowohl mit C# als auch Visual Basic .NET. Ältere .NET-Versionen können Hot Reload lediglich beim Start im Debugger einsetzen.

.NET 6: Die neue LTS-Version kennenlernen

Am 23. November 2021 veranstalten Heise und Dr. Holger Schwichtenbergs Firma IT-Visions.de ein Online-Event zum neuen LTS-Relase: .NET 6 ist die Basis für alle Programme, die auf Microsofts Entwicklungsplattform aufbauen. Die Online-Konferenz verschafft einen Überblick und hilft beim Abwägen, ob sich der Wechsel bereits lohnt.

Darum geht es:

  • Migration: Wann und wie man auf .NET 6 umsteigen sollte
  • Was ist neu in .NET 6?
  • Neue Features von ASP.NET Core 6 und Blazor 6 kennen lernen
  • Wichtigste Neuerungen in C# 10
  • WinUI 3 in den eigenen Anwendungen einsetzen
  • Ausblick auf .NET 7

Ein Tag geballte .NET-Erfahrung

Ausgewiesene .NET- und C#-Experten präsentieren einen Tag lang online die Neuigkeiten der LTS-Version und beantworten in den Talks sowie direkten Fragerunden die Anliegen der Teilnehmenden rings um das neue Release und die anstehende Migration. Neben sieben 45-minütigen Fachvorträgen moderiert Dr. Holger Schwichtenberg eine Frage- und Diskussionsrunde. Flankierend lässt sich am 25. November das Gelernte in einem Praxis-Workshop bei ihm vertiefen (der Workshop ist ausverkauft, Interessierte können sich auf die Warteliste setzen lassen).

Konferenztickets sind zum Preis von 199 Euro (zzgl. 19 % MwSt.) erhältlich, und für Gruppen, Schüler sowie Studierende gibt es auf Nachfrage einen Nachlass. Weitere Informationen lassen sich dem Konferenzprogramm entnehmen.

Nur .NET 6 kann eine Anwendung auch verändern, wenn der Debugger nicht läuft. Auch andere Funktionen von Hot Reload hängen an .NET 6. Visual Studio 2022 wird für .NET 6, das zusammen mit der Entwicklungsumgebung erschienen ist, und C# 10 zwingend gebraucht – der Vorgänger Visual Studio 2019 kann .NET 6 und C# 10 nicht kompilieren.

Hot Reload funktioniert auch für native C++-Anwendungen – anders als im Blogeintrag genannt nicht nur mit MSBuild, sondern auch CMake. C++-Entwickler können sich zudem über eine erweiterte Unterstützung für C++ 20 sowie eine verbesserte Pointer Dereference Detection freuen.

Neben Hot Reload gibt es für XAML-basierte Anwendungen auch eine Live-Preview auf die grafische Oberfläche, die sowohl mit WPF- als auch WinUI-, UWP-, Xamarin-Forms- und MAUI-basierten GUI-Anwendungen funktioniert. Den XAML-Designer für WPF in .NET Framework hat Microsoft ebenso wie den Razor-Editor für ASP.NET Core und Blazor überarbeitet. Insbesondere in Blazor-Anwendung funktionieren die Syntaxhervorhebung und die automatische Einrückung besser und schneller. Einige WPF-Steuerelemente (DataGrid, ListBox und ListView) zeigen nun Beispieldaten an. Abschalten lässt sich das unter Tools > Options > XAML-Designer.

Beim Debugging können Entwickler via Dependent Breakpoint nun Haltepunkte definieren, an denen der Debugger nur hält, wenn zuvor ein anderer Haltepunkt erreicht wurde. Auch kann man einen Haltepunkt definieren, der nur einmalig die Codeausführung anhält und sich dann selbst entfernt. Zudem lassen sich Haltepunkte nun ganz einfach per Drag-and-Drop mit der Maus verschieben.

Beim Unit Testing ist es hilfreich, dass man aus dem Testcode nun mit Show in Test Explorer den passenden Eintrag in der Testliste finden kann. Während Web Load Tests sich nun auch mit Visual Studio 2022 erstellen lassen, hat Microsoft in den Release Notes angekündigt, dass der Rekorder für den im April 2019 abgekündigten Coded-UI-Test nicht mehr auf die neue 64-Bit-IDE migriert.

Visual Studio bietet schon seit Langem einen Editor für JavaScript und TypeScript, allerdings gab es bisher nur Projektvorlagen, um diese Sprachen für Frontends in Verbindung mit .NET-basierten Backendprojekten zu nutzen. Erstmals in Visual Studio 2022 liefert Microsoft auch eigenständige Projektvorlagen für Client-Webprojekte. Im Dialog Create a new project finden sich Vorlagen für die Webframeworks React, Vue.js und Angular (s. Abb. 3). Beim Anlegen eines Projekts fragt Visual Studio gleichwohl, ob auch ein ASP.NET Core-basiertes WebAPI dazu vorhanden ist. Dann legt Visual Studio die Projekte mithilfe der Framework-spezifischen CLI-Werkzeuge an.

JavaScript- und TypeScript-Projektvorlagen in Visual Studio 2022 (Abb. 3).

Über den Ast "npm" (s. Abb. 4) können Entwickler NPM-Pakete hinzufügen. Die Eingabeunterstützung funktioniert allerdings derzeit nur für den JavaScript- und TypeScript-Code, nicht für die Platzhalter in den Templates. Tests für Webprojekte zeigt nun auch der Visual-Studio-Test-Explorer an.

Paketverwaltung und Start einer eigenständigen Vue.js-Anwendung in Visual Studio 2022 (Abb. 4).

Abbildung 4 zeigt die auffallendste optische Änderung in Visual Studio 2022, nämlich die neue Schriftart Cascadia Code und die komplett neu gestalteten Symbole.

Die vertikalen und horizontalen Registerkarten der geöffneten Dateien können in der Entwicklungsumgebung nun eine farbige Markierung haben, die die Projektzuordnung erleichtert. Diese Funktion müssen Entwickler unter Tools > Options > Environment > Tabs and Windows aber erst aktivieren.

Das in Visual Studio Code populäre UI-Theme "Winter is Coming" gibt es nun auch für das große Visual Studio.

Während Visual Studio bisher beliebige Projekte von der Festplatte öffnete, auch wenn es dabei zur Ausführung von Programmcode kam, fragt Visual Studio 2022 nun bei den Entwicklern nach, ob sie dem Quellcode vertrauen. Unter Tools > Options > Environment > Trust Settings können sie vertraute Pfade hinterlegen.

Unter Tools > Options > Environment > Preview Features können Entwickler das bisher oft vermisste automatische Speichern von Dateien beim Verlassen des Fensters aktivieren.

Das Tool Azurite ersetzt den bisherigen Azure Storage Emulator. Für Git gibt es Unterstützung für Visual-Studio-Projektmappen, die mehrere Git-Repositories umfassen.

Wie bisher liefert Microsoft sein Visual Studio in den Varianten Community, Professional und Enterprise. Open-Source-Projekten und kleinere Unternehmen können die Community-Variante weiterhin kostenfrei nutzen. Das vollständige Visual Studio 2022 läuft wie zuvor nur auf Windows. Das auf der Download-Seite angebotene Visual Studio for Mac und Visual Studio Code (für Windows, macOS und Linux), beide kostenfrei, haben jeweils eine andere Codebasis und unterstützen nicht alle Funktionen von Visual Studio. Visual Studio 2022 für macOS bleibt vorerst in der Preview-Phase.

Visual Studio 2022 lässt sich parallel zu Visual Studio 2019 installieren. Wie bei der Vorgängerversion gibt es neben dem Release-Kanal (Version 17.0) auch einen Preview-Kanal, der bereits eine Vorschau auf das kommende Update (Version 17.1) enthält.

Weitere Informationen zu Visual Studio 2022 finden sich auf der Website zum Visual Studio Launch Event. Die Einführungsveranstaltung wird am 8. November 2021 ab 17:30 Uhr (MEZ) und am 9. November um 9:30 Uhr sowie um 17:30 (MEZ) in Wiederholung ausgestrahlt.

(sih)