Vor 30 Jahren: Siemens Nixdorf Informationssysteme wird Nr. 1 in Europa

Von der Nummer 1 in Europa wurde das im Herbst 1990 fusionierte Computerunternehmen Siemens Nixdorf schon nach wenigen Jahren zum Kandidaten für Zerschlagung.

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Das PC-System Nixdorf 8810/25 aus den 1980ern.

(Bild: Andreas Franzkowiak (CC BY-SA 4.0))

Von
  • Detlef Borchers

Am 1. Oktober vor 30 Jahren fusionierte die Nixdorf Computer AG mit der Datentechnik-Sparte von Siemens zur Siemens-Nixdorf AG (SNI). Stilvoll zum endgültigen Abschluss dieser ruinösen Beziehung wurde am gestrigen Mittwoch in Augsburg das letzte produzierende Werk geschlossen, in dem zuletzt die japanische Firma Fujitsu Computer baute.

Nachdem der Firmengründer Heinz Nixdorf auf der ersten CeBIT 1986 gestorben war, wurde das Unternehmen vom Klaus Luft geleitet. Als Kronprinz hielt er an dem von Nixdorf eingeschlagenen Kurs fest und baute das Unternehmen weiter aus. So stellte er 5000 Mitarbeiter im Vertrieb ein, während sich die Geschäfte ab 1988 rückläufig entwickelten. Besonders das Geschäft, Banken mit der mittleren Datentechnik aufzurüsten, war stark rückläufig.

Nachdem die Nixdorf Computer AG heftig von einem Streik der Gewerkschaften getroffen wurde, stellte Luft zudem die moderne Just-in-Time-Belieferung zu einer Lagerhaltung um, bei der jedes Teil so verfügbar sein musste, dass die Produktion ein Jahr lang weiterlaufen kann. Später nannte Luft den Fehler beim Namen: "Die vergleichsweise üppige Vorratshaltung aufgrund der Produktionsstrukturen erwies sich in einem hoch innovativen Markt und tendenziell sinkenden Preisen als große Hypothek."

Relativ früh kamen Gerüchte auf, dass Nixdorf mit der Datentechnik-Sparte der Siemens AG fusionieren würde. Luft tat diese Gerüchte als "Blödsinn" ab, konnte aber nicht verhindern, dass die Geschäfte immer schlechter liefen. Als Nixdorf 1989 bei einem Umsatz von rund 5 Milliarden DM einen Verlust von einer Milliarde einfuhr, war die Zeit reif für Fusionsgespräche.

Erleichtert wurde die Sache dadurch, dass das Bundeskartellamt seinen anfänglichen Widerstand gegen die Fusion der beiden Firmen aufgab. Man sah Siemens-Nixdorf als europäischen Marktführer, der die technologische Spitze im Computerbau stellte. Offiziell wurden die Fusionspläne am 10. Januar 1990 nach dem Rücktritt von Klaus Luft bekannt gegeben: zum 1. Oktober 1990 sollte die Firma Siemens Nixdorf Informationssysteme (SNI) mit Sitz in München und Paderborn entstehen.

Vorstandvorsitzender sollte Hans-Dieter Wiedig von Siemens werden, der Luft-Nachfolger Horst Nasko wurde sein Stellvertreter. Über 50.000 Beschäftigte arbeiteten für den neuen Konzern, darunter 25.000 Nixdorfer, die fortan "unter dem Strich" lebten.

Siemens Nixdorf war nach der Fusion vor 30 Jahren zwar die Nummer 1 in Europa, aber weltweit nur die Nummer 6, nach IBM, DEC, Fujitsu, NEC und Unisys. Unisys ist darum erwähnenswert, denn dieser Konzern begann im Herbst 1990 damit, sich komplett auf Dienstleistungen umzustellen und den wenig profitablen Rechnerbau einzustellen. Als Grund nannte man bei Unisys, dass sich Hardware und Software zu unterschiedlichen Märkten mit sehr unterschiedlichen Geschäftsmodellen entwickeln werden, eine Erkenntnis, die man bei Siemens Nixdorf ignorierte.

Fünf Jahre versuchte man sich als Komplettanbieter in der mittleren Datentechnik und im Bau von Personal Computern, dann wurde die Firma umgebaut. Das Dienstleistungs- und Beratungsgeschäft sowie die Abteilung Telekommunikation mit der Fertigung von ISDN-Anlagen wurde in eine Firma namens Siemens Business Services ausgegliedert (SBS, heute unter dem Namen Atos bekannt).

Nach weiteren drei Jahren wurde der Rest von SNI zerschlagen. Die PC-Sparte ging an die japanische Fujitsu, das Geschäft mit Bankautomaten an die amerikanische Firma Diebold. In diesem Sinne passt die Nachricht zum Jubiläum, dass Fujitsu gestern in Augsburg die letzte große Produktionsstätte schloss, zur Niedergangsgeschichte der deutschen Computerindustrie.

(axk)