Vor 40 Jahren: "Pelé's Soccer" – das erste Videospiel mit Promi auf dem Cover​

1981 erscheint das erste Spiel, dessen Packung eine Berühmtheit zeigt: "Pelé's Soccer". Noch heute sind Fußballer wichtige Zugpferde für den Erfolg von Games.

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Von
  • René Meyer
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Im Frühjahr 1981 veröffentlicht Atari für seine 2600-Konsole das Spielmodul "Pelé's Soccer". Es ist nicht nur das erste Lizenzspiel im Sportbereich, aber das erste Videospiel überhaupt, für das eine Persönlichkeit auf dem Cover wirbt. Eine reale, zumindest. Schon 1979 erscheint "Superman", auch von Atari, zum damaligen Spielfilm mit Christopher Reeve. Und ein Jahr früher ist Clint Eastwood unfreiwillig auf dem Cover des Spiels "Outlaw": Das gezeichnete Motiv ist offensichtlich dem Plakat für den gleichnamigen Western entnommen.

Der berühmteste Fußballer der Welt heißt 1981 Pelé. Er gewinnt dreimal für Brasilien die Fußball-Weltmeisterschaft und wechselt 1975 zu New York Cosmos. Der Verein ist erfolgreich, wird zwischen 1972 und 1982 fünfmal Landesmeister. Pelé beendet 1977 dort seine Karriere; das gleiche Jahr übrigens, in dem Franz Beckenbauer zu Cosmos stößt.

Atari ist gut im Geschäft, das Atari 2600 verkauft sich prächtig. Neben der Spielautomaten-Sektion wird auch der Heimcomputer-Markt mit den Atari 400 und 800 bedient.

Leonard Herman, Autor der Konsolen-Bibel "Phoenix", zählt 1 und 1 zusammen: "Pelé spielte zuletzt für New York Cosmos, die im Besitz von Warner waren. Auch Atari gehörte zu dieser Zeit zu Warner. Es lag also auf der Hand, den Star-Spieler als Werbeträger für eines ihrer Spiele zu gewinnen; genau wie zuvor Superman, übrigens auch im Besitz von Warner." Zu jener Zeit arbeitete Atari außerdem an einer Handheld-Konsole namens Cosmos, die aber nie erschien und von der heute nur einige wenige Sammlerstücke erhalten sind.

Praktischerweise gibt es bereits ein Fußballspiel für das Atari 2600: "Championship Soccer". Es ist seit Mitte 1980 auf dem Markt und stammt von Steve Wright. Der wird von Atari eigentlich als Chip-Tester eingestellt, landet aber irgendwie in der Spiele-Entwicklung.

"Pelé's Soccer" sieht aus wie diverse "Pong"-Varianten. Spätere Titel wie "NASL Soccer" und "RealSports Soccer" zeigen das Spielgeschehen dagegen von der Seite und punkten mit animierten Pixelfiguren.

(Bild: heise online)

Schlecht ist das Spiel nicht. Als erstes Programm für die Konsole ist es nicht nur 2 Kilobyte, sondern 4 Kilobyte groß (spätere Spiele nehmen bis zu 32 KB ein). Das Spielfeld geht nicht über den ganzen Bildschirm, sondern darüber hinaus: "Championship Soccer" ist das erste Heim-Videospiel mit einem vertikal scrollenden Hintergrund. Für die besser ausgestatteten Arcade-Automaten gibt es das schon länger; seit "Speed Race" von 1974, das Midway von Taito unter den Namen "Wheels" und "Racer" für die USA lizenziert.

Optisch erinnert es noch an die vielen Pong-Varianten der Siebzigerjahre, bei denen Tennis, Hockey und Fußball gleich aussehen. Doch hier wird ein Computer-Gegner gestellt, wenn der menschliche Partner fehlt.

Man steuert bei "Championship Soccer" eine feste Formation von drei Spielern; und es gibt einen Torwart. Den kann man nicht kontrollieren (außer zum Werfen des Balles aus dem Tor); er bewegt sich automatisch parallel zum Ball. Daher gelingen in der Regel nur schräge Schüsse ins Tor. Gibt es einen Treffer, wird ein Feuerwerk gezündet. Auch das ist neu: das erste Spiel mit einem Jubel-Bildschirm.

Es werden sogar Spieloptionen geboten: drei Schwierigkeitsstufen, drei Geschwindigkeiten, drei Torgrößen und drei Modi, wie mit Strafen umzugehen ist. An Menüs denkt man noch nicht; zumal Textausgabe ohnehin keine Stärke der Konsole ist. Die Auswahl trifft man aus über 54 Spielvarianten, die mühsam über die Select-Taste am Gerät auszuwählen sind. Spielmodus 16 ist etwa: 2 Spieler, mittlere Geschwindigkeit, breites Tor, Strafe, wenn der Ball über Seitenlinie oder Torlinie hinausgeht. Die Legende ist als Tabelle im Handbuch abgedruckt.

Beim Torerfolg gratuliert ""Pelé's Soccer" mit einem Feuerwerk.

(Bild: heise online)

Kurzerhand nimmt man "Championship Soccer" und tauft es um in "Pelé's Soccer". Am Code muss nicht einmal etwas geändert werden: Zu jener Zeit haben TV-Spiele noch kein Titelbild. Das wird erst anderthalb Jahre später eingeführt, mit Spielen wie "Star Raider", "E.T." oder "Centipede". Das Handbuch schwärmt:

"Wir haben Pelé gebeten, sich unsere SOCCER Game Program Kassette anzusehen, und uns seine Meinung darüber zu sagen. Dabei hatten wir nur ein einziges Problem: ihn lang genug vom Spielen abzuhalten, um uns Bescheid zu geben. Als es uns dann gelungen ist, ihn vom Spiel wegzulotsen, bestätigte er unsere Hoffnung: Wir hatten einen Hit! Kurz gesagt, er war Feuer und Flamme für das Spiel! Ja, Pelé machte das ATARI SOCCER dermaßen Spaß, daß er sich entschloß, das Spiel persönlich zu fördern. Deshalb nennen wir es PELÉ'S SOCCER. Und sogar der Fußballstar selbst hat es recht schwer, wenn er versucht, das Computer-Team in den Spielen für einen Spieler zu schlagen."

Im Mai 1981 gelingt es Klaus Ollmann, dem Atari-Chef von Deutschland, gar, den Fußball-Star für drei Tage nach Deutschland zu holen. Geboten wird das volle Programm: Besichtigung der Niederlassung, Pressekonferenz, Autogrammstunde. Eingebunden ist eine Meisterschaft im TV-Spiel, begleitet durch die damaligen Schaubude-Moderatoren Victoria Voncampe und Carlo von Tiedemann. Pelé wünscht sich ein Treffen mit Franz Beckenbauer, der nach Deutschland zurückgekehrt ist; und so kommt es zu einem Wettstreit der beiden an der Atari-Konsole.

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Heute zählt "Pelé's Soccer" zu den weniger bekannten Spielen von Atari. Bereits 1984 kann "Das große Handbuch der Videospiele" über die überholte Grafik nur noch schmunzeln. Kein Wunder: Mittlerweile sind feschere Fußballspiele erschienen, wie "NASL Soccer" und "RealSports Soccer". Sie zeigen das Geschehen nicht in "Pong"-Manier aus der Vogelperspektive, sondern von der Seite. Und sie punkten mit animierten Pixelfiguren, die "Pelé's Soccer" noch nicht bieten kann.

"Pele's Soccer" bleibt das einzige Spiel von Steve Wright. Es macht ihm keinen Spaß. Keinen Spaß, Spiele mühsam in Assembler zu programmieren. Keinen Spaß, Grafiken auf kariertem Papier zu zeichnen, die Kästchen als Bits zu verstehen, sie in Hexcodes umzurechnen und manuell einzutippen.

Er wird nach der Entwicklung des Spiels Leiter der Abteilung. Dort prägt er, so sagt man, den Begriff "Easter Egg" für versteckte Gags in Spielen: Eigentlich ist es Firmenpolitik, die Programmierer eines Spiels nicht zu nennen. Doch Warren Robinett versteckt seinen Namen im Spiel "Adventure"; dem ersten Action-Adventure, basierend auf den Ideen des gleichnamigen Textspiels. Erst durch den Brief eines 15 Jahre alten Spielers, der den Weg zum geheimen Raum offenbart, erfährt Atari davon. Bei Warner ist man zunächst erbost; aber Wright schlägt vor, aus der Not eine Tugend zu machen und künftig in allen Atari-Spielen solche "Ostereier" zu verstecken. Er stellt sich sogar eine Schatzsuche mit Hinweisen über mehrere Spiele hinweg vor. Vielleicht rüttelt auch auf, dass 1979 führende Entwickler Atari verlassen, weil es ihnen an Anerkennung mangelt, und Activision gründen. Dort schreibt man David Cranes Namen auf das Cover von "Pitfall II"; eine Anerkennung, die noch heute ziemlich selten ist.

Wright wechselt später in die Filmbranche, wo er mit dicken 32-Bit-Maschinen an Spezialeffekten und 3D für Filme arbeitet; darunter vielen Hollywood-Streifen wie "Air Force One" und "Shutter Island".

Der Einsatz von Promis als Werbeträger für ein Spiel macht Schule. Weitere frühe Vertreter sind etwa "Chuck Norris Superkicks" oder "Bruce Lee" – das sich gar nicht die Mühe macht, einen Zusatz für den Titel zu finden. Auch für Computer treten Persönlichkeiten auf. So wirbt Texas Instruments mit Bill Cosby für den TI-99. Und mit E.T., dem Außerirdischen, für das Lernspielzeug Speak & Spell. Spectravideo wirbt mit dem Bond-Darsteller Roger Moore für seinen Heimcomputer, Tandy Radio Shack mit dem Science-Fiction-Schriftsteller Isaac Asimov für den TRS-80, Commodore mit William "Captain Kirk" Shatner für den PET und den C64-Vorläufer VC 20. Und selbst Bill Gates wirbt für Computer – für den Tandy 2000 (auf dem Windows 1.0 läuft). Am bekanntesten ist sicher Charlie Chaplin als Werbeträger für den IBM PC; ein großer Erfolg, obwohl der Schauspieler 1981 bereits vier Jahre tot ist.