Vor 50 Jahren: Xerox eröffnet das Forschungszentrum PARC

Am 1. Juli 1970 nahm das Palo Alto Research Center von Xerox seine Arbeit auf. Es sollte die Zukunft des Computerns erforschen.

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Der Eingang zum PARC

(Bild: Coolcaesar, CC BY-SA 3.0)

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Vor 50 Jahren beherrschte die Firma Xerox den Markt der Kopiermaschinen unangefochten. So, wie man mit den Kopierern die Büros versorgte, wollte man das Büro der Zukunft mit einer "Architektur der Information" versorgen und dominieren, hieß es in einer Rede zur Eröffnung des Palo Alto Research Center (PARC). Das Center war ein Steinwurf von der Stanford University entfernt und sollte die klügsten Köpfe mit hoch dotierten Verträgen anlocken, um das "Büro der Zukunft" zu erschaffen. Bis zum Niedergang des PARC im Jahre 1983 sollten dort die Grundlagen des Personal Computing erfunden werden.

Mit dem Xerox Alto entstand am PARC etwa der Personal Computer mit grafischer Benutzeroberfläche, mit Ethernet wurde er vernetzt, mit dem Laserdrucker druckten die Büros bald Dokumente in zahllosen Schriftarten, die mit einer grafischen Textverarbeitung geschrieben wurden. Mit Smalltalk wurde dort außerdem eine eigene Programmiersprache entwickelt.

Die Geschichte des PARC begann mit einem teuren Missverständnis. Für 920 Millionen US-Dollar kaufte der Büromaschinengigant Xerox die Firma Scientific Data Systems (SDS) in der Hoffnung, mit diesem Kauf den lukrativen Markt der Computerproduktion aufzumischen. Schnell stellte sich heraus, das SDS technologisch am Ende war. Für 30 Millionen wurde ein "Advanced Scientific & Systems Laboratory" geplant, das neue Technologien untersuchen sollte. Nachdem man vergeblich bei Universitäten wie Yale angefragt hatte, kam man mit Stanford ins Geschäft.

George Pake, der Direktor des PARC, stellte noch am 1. Juli 1970 Bob Taylor mit dem Auftrag ein, die Belegschaft für das Computer Science Lab zu finden. Taylor hatte zuvor die Arpanet-Forschung koordiniert und war bestens vernetzt. Er holte Stars wie Butler Lampson, Charles Tucker, Charles Simonyi, Peter Deutsch, Dick Soup und John Warnock ans Lab, begünstigt durch die Gehälter, die das PARC zahlen konnte. Bedingt durch den Vietnamkrieg wurden Anfang der 70er die staatlichen Forschungsgelder radikal gekürzt.

Auch das Systems Science Lab holte sich Spitzenkräfte. Hier war es Alan Kay, der Spitzenkräfte für seine "Learning Research Group" holte, die Smalltalk entwickelte. Daniel Ingalls, Adele Goldberg und Larry Tessler kamen so ans PARC, während von den Xerox Labs in Rochester einzig Gary Starkweather an die Westküste wechselte. Er arbeitete an einer Erfindung, die all die Millionen amortisierte, die Xerox in das PARC steckte: Der Laserdrucker wurde für Xerox im Jahr 1971 zum zweiten großen Wurf nach dem Bürokopierer. Einen anderen großen Wurf gelang einem Arpanet-Afficionado mit abgebrochenem Studium: Bob Metcalfe erfand am PARC das Ethernet, das 1979 im lokalen Netzwerk (LAN) 120 Altos und Dorados verband. Metcalfe gründete bald das Startup 3Com, um die Technik zu kommerzialisieren. Ähnliche Ausgründungen in Startups waren in den 70ern noch eine Seltenheit. John Warnock und Charles Geschke seien hier erwähnt, da sie mit dem PARC-Knowhow Adobe Systems gründeten.

Von den umliegenden Universitäten kamen viele Impulse, die die Entwicklungen am PARC beeinflussten. Hier seien Forscher wie Carver Mead von der University of California erwähnt, der am PARC die VLSI-Technologie erforschte. Sein Kollege James H. Clarke arbeitete als Assistenzprofessor an der Universität Stanford und entwickelte am PARC die VLSI-Grafik-Chips der "Geometry Engine", was zur Gründung der Firma Silicon Graphics führte, deren Workstations von den Trickfilmern in Hollywood für Animationen genutzt. Nach dieser Darstellung soll auch Andy Bechtolsheim durch das PARC gewandert sein und Ideen für seine Firma Sun Microsystems mitgenommen haben.

Die zweifellos berühmteste Ideenübernahme fand 1979 statt, als man im Dezember dem Apple-Gründer Steve Jobs und einem Team von Apple-Ingenieuren am PARC Smalltalk, die LAN-Vernetzung und die grafischen Oberflächen sowie mit ihnen realisierte PARC On-Line-Office System (POLOS) zeigte. Für Smalltalk und das LAN mit Verbindung zum Arpanet interessierte sich Jobs nicht, doch die grafische Bedienung fand Eingang in Apples Lisa und den Macintosh. Als Microsofts Windows auf dem Markt erschien, war es Steve Jobs, der Microsoft den Diebstahl geistiger Ideen vorwarf, worauf Bill Gates kühl erwiderte: "Mein lieber Steve, wir beide haben vom PARC Ideen übernommen." Tatsächlich waren es mehr als nur ein paar Ideen. Bei Microsoft war es der PARC-Mitarbeiter Charles Simonyi, der Ideen, Konzepte und die Textverarbeitung Bravo einbrachte, aus der Microsoft Word entwickelt wurde, bei Apple war es Larry Tesseler mit dem schönen Titel "Principal Scientist".

Für Xerox selbst war das PARC dagegen keine Erfolgs- aber auch keine Verlustgeschichte. Man war einfach zu früh dran für das Personal Computing. So besaß der Alto noch keinen kostengünstigen Microprozessor, wurde aber in einer Stückzahl von 2000 Exemplaren über 10 Jahre lang allein für die PARC-Mitarbeiter produziert.

Sein 1981 vorgestellter Nachfolger Xerox Star sollte schließlich kommerzialisiert werden, war aber mit einem Preis von 75.000 US-Dollar nicht konkurrenzfähig. Heute ist das PARC eine kleine Tochterfirma von Xerox, das mit der Übernahme von Hewlett-Packard an einer Wiederholung der Einkaufsgeschichte von 1969 arbeitet, diese aber virusbedingt erst einmal verschoben hat.

(mho)