Vorzeitige Todesfälle: WHO verschärft Leitlinien zur Luftqualität deutlich

Die Weltgesundheitsorganisation empfiehlt, die Belastungsgrenzen für Feinstaub und Stickstoffdioxid teils massiv zu senken. Die EU-Grenzwerte liegen darüber.

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Luftverschmutzung entsteht unter anderem durch Verbrennungsprozesse

(Bild: BoJack/Shutterstock.com)

Von
  • Stefan Krempl
  • Kristina Beer

Luftverschmutzung gilt global als eine der größten Gefahren für die menschliche Gesundheit. Die Weltgesundheitsorganisation WHO reagiert nun auf jüngste Forschungen zu diesem Risikobereich mit neuen Leitlinien zur Luftqualität. Damit rät sie Politikern weltweit, die Belastungsgrenzen vor allem für Feinstaub und Stickstoffdioxid (NO2) teils deutlich zu senken.

So liegt der Wert für die NO2-Belastung künftig nicht mehr bei 40 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft (µg/m3), wie es auch die rechtlich bindenden Grenzwerte für die EU vorschreiben, sondern nur noch bei 10 µg/m3. Bei Feinstaub mit maximal 10 Mikrometer (µm) mit aerodynamischem Durchmesser (PM10) empfiehlt die WHO nun 15 statt bisher 20 µg/m3. Der EU-Grenzwert liegt mit 40 µg/m3 deutlich darüber. Die WHO-Linie für die Langzeitbelastung mit Feinstaub mit aerodynamischem Durchmesser von maximal 2,5 µm (PM2.5) liegt nun bei 5 statt bisher 10 µg/m3. Die EU gibt sich auch hier mit 25 µg/m3 unverkennbar laxer.

Würde die EU die verschärften WHO-Leitlinien in ihren Grenzwerten umsetzen, würden auch in Deutschland wieder deutlich mehr Messstationen Überschreitungen der zulässigen Belastung anzeigen. Laut einer Analyse des Science Media Center (SMC) wurde 2019 allein bei NO2 an 51 Messpunkten der Grenzwert gerissen. Mit den neuen Empfehlungen hätten in den vergangenen beiden Jahren alle bundesweiten 252 städtisch verkehrsnahen Stationen den neuen Richtwert im Jahresmittel überschritten.

Bei Feinstaub PM2.5, dessen Partikel bis in die Bronchien und Lungenbläschen vordringen können, erfüllten 2019 und 2020 alle Messpunkte die EU-Vorschriften. 80 Prozent der Stationen an verkehrsnahen städtischen Standorten detektierten aber bereits höhere Belastungen als beim Heranziehen des alten WHO-Standards. Setzt man den neuen Grenzwert der UN-Organisation an, sind selbst im Jahr 2020 mit einer einzigen Ausnahme alle Messstationen darüber. Bei PM10 sieht es nicht viel anders aus. Hier würden etwa 113 der 119 verkehrsnahen Messpunkte in Städten die neue Latte reißen.

Die WHO spricht mit ihrer überarbeiteten Linie auch Empfehlungen und Zwischenziele für die Luftschadstoffe Ozon (O3), Schwefeldioxid (SO2) und Kohlenmonoxid (CO) aus. Zum ersten Mal formuliert sie dabei auch Empfehlungen für die Langzeitbelastung mit O3 sowie für die Tagesbelastungen mit NO2 und CO. Dies könnte in Teilen Europas wie Deutschland, wo die bisherigen Ozongrenzwerte der WHO zuletzt kaum noch überschritten wurden, zu einer neuen Diskussion über zu hohe Belastungen führen.

Die letzte Überarbeitung der WHO-Grenzwerte hatte vor der Anpassung 15 Jahre zurückgelegen. Die Institution hat in der Zwischenzeit hinzugewonnene wissenschaftliche Erkenntnisse zum Zusammenhang zwischen Luftqualität und gesundheitlichen Folgen gebündelt und bei den Leitlinien berücksichtigt.

So haben sich etwa die Hinweise verdichtet, dass Luftverschmutzung selbst bei noch niedrigeren Konzentrationen als bisher angenommen negative Auswirkungen auf Körper und Psyche hat. Die Europäische Umweltagentur geht von etwa 417 .000 vorzeitigen Todesfällen pro Jahr allein in 41 europäischen Staaten durch dreckige Luft aus.

Etwa acht Prozent der städtischen Bevölkerung in der EU sind Belastungen mit Feinstaub PM2.5 ausgesetzt, die die Grenzwerte der Gemeinschaft überschreiten. Die WHO betont nun: Wenn ihre Richtwerte für PM2.5 eingehalten werden würden, könnten etwa 80 Prozent der auf diesen Schadstoff zurückzuführenden frühzeitigen Todesfälle vermieden werden. Sie legt ihre Richtwerte nach eigenen Angaben rein gesundheitlich präventiv fest und sucht dabei nach Exposition-Wirkung-Zusammenhängen. Maßgeblich sei etwa, wann welche Korrelation in welcher Dosis zu welchen gesundheitlichen Effekten führe.

In Städten und Wohngebieten gilt unter anderem die Holzverbrennung als eine weitere große Feinstaubquelle, wie auch das Umweltbundesamt klarmacht. Ein neuer Kaminofen "üblicher Größe" emittiere, wenn er bei Volllast betrieben wird "in einer Stunde etwa 500 mg Staub. Das entspricht ca. 100 km Autofahren mit einem PKW der Abgasnorm Euro 6."

In der Stellungnahme "Saubere Luft" der Leopoldina von 2019 heißt es deshalb auch: "Durch die Anwendung von Abgasreinigungstechnologien nehmen verbrennungsmotorische PM2,5-Primäremissionen deutlich ab. Dadurch rücken andere Primär- und Sekundärquellen wie Abrieb, Holzöfen, und Landwirtschaft zunehmend in den Fokus. Sie sollten im Interesse einer weiteren Reduktion der PM2,5-Belastung stärkere Beachtung finden." Der Anteil direkter Emissionen von PM2,5 von Holzöfen rangiere mittlerweile deutlich über dem von Verbrennungsmotoren. Über den Feinstaub hinaus trügen Holzöfen zudem zur Belastung mit Polyzyklischen Aromatischen Kohlenwasserstoffen (PAK) bei.

Neben dem Straßenverkehr ist die Holzfeuerung der größte Luftverschmutzer in Deutschland

(Bild: Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina)

Das EU-Parlament forderte im März in einer Entschließung, die Luftqualitätsnormen zu aktualisieren, sobald die WHO ihre neuen Leitlinien veröffentlicht hat. Die Grenzwerte sollen laut den Abgeordneten daran ausgerichtet werden. Die EU-Kommission hat bisher geplant, den Vorschriften bis zum Herbst 2022 ein Update zu geben. Bis 2050 sollen Luftschadstoffe auf null sinken.

"Die Richtwerte mussten nach unten korrigiert werden", erläutert Nino Künzli vom Schweizerischen Tropen- und Public-Health-Institut, der an den neuen Leitlinien mitgearbeitet hat. In den vergangenen 15 Jahren seien sehr große Langzeitstudien mit zum Teil mehreren Hunderttausend Teilnehmerinnen und Teilnehmern publiziert worden, an denen auch Regionen mit sehr geringer Schadstoffbelastung teilgenommen hätten. Sie bestätigten: "Es gibt keine 'unschädlichen Schwellenwerte' der Luftverschmutzung." Die neuen WHO-Richtwerte entsprächen den tiefsten Veranlagungen, für die "solide und replizierbare Daten vorliegen". Jede Verbesserung der Luftqualität lohne sich. Die Reinhaltung sei im Kern "eine Frage des politischen Willens".

"Auch ein bisschen Luftverschmutzung ist schlecht für den Körper, wenn sie jeden Tag, Jahr für Jahr eingeatmet wird", begrüßt Barbara Hoffmann Leiterin der Arbeitsgruppe Umweltepidemiologie an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf, den neuen WHO-Kurs. Die Luft sauberer zu halten, lohne sich auch finanziell: "Die Krankheitskosten, die durch Luftverschmutzung entstehen, sind höher als die Kosten für Luftreinhaltung." Die EU müsse ihre jetzigen "sehr laxen" Grenzwerten daher dringend anpassen. Nötig seien auch mehr Studien für ultrafeinen Schadstoffe, die möglicherweise sogar ins Gehirn eindringen könnten.

Als "lange überfällig" und "ambitioniert" schätzt Hoffmanns Uni-Kollegin Tamara Schikowski die überarbeiteten Richtwerte ein. Es sei fraglich, inwieweit viele Schwellenländer wie Indien oder China – aber auch EU-Staaten wie Polen – diese Vorgaben einhalten könnten. Erforderlich seien "umfassende und ambitionierte Maßnahmen in allen Sektoren – zum Beispiel Verkehr, Energie, Industrie, Landwirtschaft, Wohnen – und auf allen Ebenen – international, national, lokal". Vor allem die Automobilindustrie müsse umdenken.

Die Richtwerte seien insgesamt angemessen, meint Wolfgang Straff vom Umweltbundesamt. Man werde prüfen, was sie für Deutschland bedeuten.

(kbe)