Warum smarte Heizungen wenig gefragt sind

Vernetzte Heizungssteuerungen versprechen mehr Komfort und besseres Energiemanagement. Nur elf Prozent der Bundesbürger können sich bislang dafür erwärmen.

Lesezeit: 4 Min.
In Pocket speichern
vorlesen Druckansicht Kommentare lesen 898 Beiträge
Thermostat mit Touchscreen

Seit die Server offline sind, ist dieser Thermostat nicht mehr vernetzt.

(Bild: Daniel AJ Sokolov)

Von
  • Stefan Krempl
  • Daniel AJ Sokolov
Inhaltsverzeichnis

Trotz steigender Energiepreise scheuen die meisten Eigentümer und Mieter vor dem Einbau vernetzter Heizsysteme zurück. Derzeit setzen nur elf Prozent der Bundesbürger solche "intelligenten" Heizungssteuerungen ein. Acht Prozent verwenden vernetzte Rauchmelder, sechs Prozent Videoüberwachung und fünf Prozent Bewegungsmelder.

Das hat eine repräsentative Umfrage des Marktforschungsinstituts Forsa im Auftrag des TÜV-Verbands unter 1005 Personen ab 16 Jahren ergeben. Grund für die Zurückhaltung ist das geringe Vertrauen in die Sicherheit einschlägiger Geräte: 39 Prozent der Befragten haben aus Sorge vor Hacks auf den Kauf vernetzter Heimsteuerungen verzichtet. Die Anfang des Jahres durchgeführte Umfrage zeigt, dass viele Anwender zu wenig tun, um die IT-Sicherheit in den eigenen vier Wänden zu verbessern.

So ändert nur knapp die Hälfte der Teilnehmer voreingestellte Passwörter ihrer Smart-Home-Geräte. Die Nutzer selbst seien "ein großes Sicherheitsrisiko" für das vernetzte Heim, moniert daher Marc Fliehe, Bereichsleiter Digitalisierung und IT-Sicherheit beim TÜV-Verband: "Durch falsche Einstellungen oder unachtsamen Gebrauch können sich Dritte schnell und unbemerkt Zugriff auf die Heizanlage erschleichen." Angreifer seien dann in der Lage, die Raumtemperatur zu erhöhen oder auszuschalten "und sich im schlimmsten Fall über die Anwendung Zugriff auf andere Systeme im Smarthome und dessen Daten" zu verschaffen.

Fliehe empfiehlt, bei Inbetriebnahme ein sicheres Passwort aus mindestens zehn Zeichen mit Groß- und Kleinbuchstaben, Zahlen sowie Sonderzeichen zu setzen. Bei WLAN-Routern sollte WPA3 als Verschlüsselungsstandard verwendet werden. Nutzer müssten zudem Datenfreigaben überprüfen, Software-Updates regelmäßig installieren sowie auf ausreichende und passende Zertifizierung achten.

Empfohlener redaktioneller Inhalt

Mit Ihrer Zustimmmung wird hier eine externe Umfrage (Opinary GmbH) geladen.

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen (Opinary GmbH) übermittelt werden. Mehr dazu in unserer Datenschutzerklärung.

Grundsätzlich versprechen vernetzte Heizsysteme laut TÜV-Experten Fliehe besseres Energiemanagement und mehr Komfort. Per Klick aufs Smartphone können Raumtemperatur und Heizdauer reguliert werden. "Intelligente Thermostate sind so konzipiert, dass sie Häuser und Wohnungen so effizient wie möglich heizen", erklärt der Experte. "Konsequent eingesetzt können die smarten Anwendungen dann Monat für Monat die Energierechnung senken."

Die Geräte können etwa die Heizung herunterschalten, wenn ein Fenster offen steht. "Kostenintensives Schnellaufheizen" lässt sich so vermeiden. Demgegenüber stehen neben den Herausforderungen bei der IT-Sicherheit die Kosten für die Geräte, ihre Vernetzung sowie den Betrieb des Heimnetzwerks.

Hinderlich für stärkere Verbreitung vernetzter Thermostate ist zudem die Vorliebe für proprietäre Systeme seitens der Hersteller. Das erhöht nicht nur das Sicherheitsrisiko, sondern untergräbt auch die Zukunftssicherheit der Investition. Als warnendes Beispiel dient das kanadische Territorium Yukon: Dort wurden freiwillig teilnehmende Haushalte kostenfrei mit vernetzten, programmierbaren Thermostaten der Firma CaSA ausgerüstet. Hinzu kamen vernetzte Steuerungen für die Warmwasserboiler. Kauf und fachmännische Installation finanzierte der staatliche Stromerzeuger Yukon Electric.

Im Rahmen eines zweijährigen Pilotprogramms sollten Wissenschaftler erforschen, wie die Haushalte die vernetzten Geräte nutzen und welche Energieeinsparungen das mit sich bringt. Gleichzeitig wollte das E-Werk bei drohender Stromknappheit die Raum- und Wassertemperaturen um 1-3 Grad Celsius senken können. Das sollte höchstens zwölfmal pro Jahr für jeweils zwei bis drei Stunden erfolgen, aber ohne Zwang: Die Teilnehmer konnten jede solche Sparmaßnahme überbrücken und eine beliebige Temperatur einstellen. Da das Stromnetz des Yukon ein Inselnetz ist, kann Strommangel dort nicht durch Stromimport kompensiert werden.

Doch im Frühsommer, nach weniger als einem Jahr des Projekts, nahm der Anbieter der vernetzten Thermostate plötzlich die Server offline. Da die vernetzten Thermostate über kein dokumentiertes offenes Protokoll erreichbar sind, kann Yukon Electric die notwendige Serverinfrastruktur nicht selbst bereitstellen. Damit sind die installierten Thermostate nicht mehr vernetzt.

Auch manuell sind sie nicht mehr programmierbar. Die Geräte funktionieren jetzt fast so gut wie einfache, manuelle Thermostate, an denen man einzeln vor Ort die gerade gewünschte Temperatur einstellen muss – bloß ungleich langsamer, weil die Touchscreens den Schwuppdizitätsfaktor eines Gletschers haben.

(ds)