Webstandards: Das W3C baut sich um

Das Gremium für Webstandardisierung W3C, das als internationale Kooperation mehrerer Einrichtungen arbeitet, bekommt eine zentrale Struktur.

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(Bild: NicoElNino/Shutterstock.com)

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  • Rainald Menge-Sonnentag

Das World Wide Web Consortium (W3C) wird im Januar 2023 in eine einheitliche, gemeinnützige Organisation überführt. Bisher ist das Gremium, das Webtechniken standardisiert, ein Zusammenschluss mehrerer Universitäten und Forschungsorganisationen. Mit der zentralen Struktur soll es effizienter agieren beziehungsweise schneller auf technische Entwicklungen reagieren.

Tim Berners-Lee hatte die Gründung des W3C am 1. Oktober 1994 angestoßen. Das Gremium sollte Normen für Browserhersteller und Autoren von Webseiten veröffentlichen und so eine Fragmentierung der Techniken im World Wide Web verhindern. Diese drohte bereits fünf Jahre, nachdem Berners-Lee die Hyptertext Markup Language (HTML) entwickelt und zusammen mit Robert Cailliau in Genf am CERN (Conseil Européen pour la Recherche Nucléaire, Europäische Organisation für Kernforschung) das World Wide Web gestartet hatte.

Die Standardisierungsmaßnahmen des W3C zielten anfangs vor allem auf die Auszeichnungssprache HTML, das zustandslose Übertragungsprotokoll HTTP (Hypertext Transfer Protocol) und einheitliche URIs (Uniform Resource Identifier, damals noch Universal Resource Identifier).

Später kamen weitere Webstandards hinzu, darunter die Stylesheet-Sprache CSS (Cascading Style Sheets) und die Programmierschnittstelle DOM (Document Object Model). Inzwischen umfasst die Liste der Standards zahlreiche Themengebiete, darunter WebAssembly, Kartierung im Netz, Echtzeitkommunikation, das IoT und barrierefreie Webtechniken. Derzeit kümmern sich 42 Arbeitsgruppen um unterschiedliche Themenbereiche.

Das World Wide Web Consortium entstand am MIT (Massachusetts Institute of Technology). Aus europäischer Sicht unterstützten das CERN und die Europäische Kommission die Gründung. Der europäische Host war jedoch ab 1995 zunächst das französiche Institut Inria (Institut national de recherche en informatique et en automatique), und seit 2003 ist das ERCIM (European Research Consortium for Informatics and Mathematics) zuständig. 1996 trat die japanische Keiō-Universität als asiatischer Host dem Gremium bei, und 2013 kam die chinesische Beihang-Universität hinzu.

Die vier Partner arbeiten in einem Hosted Model zusammen, um die Mitglieder des W3C zu verwalten und international Mitarbeiter für das Gremium zu beschäftigen, das unter der Leitung des W3C-Managements arbeitet.

Da das verteilte Hosted Model wohl die Weiterentwicklung des Teams und der Prozesse verlangsamt, baut das Konsortium künftig auf eine zentrale Struktur. Dabei soll es laut der Pressemitteilung des W3C klare Zuständigkeiten geben. Im Zentrum der neuen Organisation steht die Governance; einheitliche Berichterstattung und Rechenschaftspflicht sollen die globale Koordination verbessern.

Allerdings betreffen diese Änderungen laut den Plänen lediglich die äußere Hülle um das Gremium herum. Intern soll der Standardisierungsprozess beibehalten werden. Aus Sicht der Webentwickler und Browserhersteller ist vor allem wichtig, dass die Patentpolitik dieselbe bleibt: Die W3C-Patente werden laut der Pressemitteilung weiterhin ohne Lizenzgebühren verfügbar bleiben. Auch wird das Gremium alle Standards weiterhin öffentlich nach den Vorgaben des W3C Process Document entwickeln.

Alle Entscheidungen will das Gremium wie bisher im Konsens treffen. Die Mitglieder des W3C überprüfen weiterhin die technische Ausrichtung und die Recommendations. Für technische Fragen bleibt die Technical Architecture Group die höchste Autorität.

In der Pressemitteilung zur Umstrukturierung nennt das W3C die Schritte für den Übergang. Zunächst verabschiedet das Gremium die Satzung und beantragt den Status einer 501(c)(3)-Organisation. Das ist eine US-Amerikanische Vorgabe für gemeinnützige Organisationen, die von der Einkommenssteuer befreit sind. Anschließend wählt das Gremium einen Vorstand, um schließlich die Mitarbeiter, Mitgliederverträge und den Betrieb in die neue Struktur zu überführen.

Die Umorganisation könnte durchaus auch eine Maßnahme für die Zeit nach dem absehbaren Rücktritt des 67-jährigen Berners-Lee als Präsident der Organisation sein, der mit vollständigem Namen seit der Erhebung in den Ritterstand 2004 Sir Timothy John Berners-Lee heißt. Der Beirat des W3C hat ein öffentliches Dokument mit den Überlegungen zum "Director-free Plan" veröffentlicht.

(rme)