Wendelstein 7-X, Bessy II: Deutsche Großforschung läuft in Energiekrise weiter

Die steigenden Stromkosten stellen auch die Großforschungszentren vor Probleme. Außerplanmäßige Pausen sind hierzulande trotzdem nicht geplant.

Lesezeit: 4 Min.
In Pocket speichern
vorlesen Druckansicht Kommentare lesen 21 Beiträge

Supercomputer SuperMUC in München

(Bild: MMM/LRZ)

Großforschungseinrichtungen in Deutschland und Europa gehen unterschiedlich mit der aktuellen Energiekrise um. Während der weltgrößte Teilchenbeschleuniger in Genf zwei Wochen früher in Winterpause geht und am Fusionsexperiment Wendelstein 7-X in Greifswald zumindest zu verbrauchsärmeren Tageszeiten experimentiert werden soll, sind an anderen Anlagen keine weiteren Stromeinsparungen vorgesehen. Das haben Recherchen der Nachrichtenagentur dpa ergeben. So plane das Helmholtz-Zentrum Berlin (HZB) einen unterbrechungsfreien Betrieb der Röntgenquelle Bessy II auch im Winter und am Höchstleistungsrechenzentrum der Bayerischen Akademie der Wissenschaften seien ebenfalls keine weiteren Stromeinsparungen vorgesehen.

Die Frage, welche Folgen die Energiekrise für die Grundlagenforschung hat, wird bereits seit Monaten diskutiert. Ende Oktober hat das CERN angekündigt, dass nicht nur die Winterpause verlängert, sondern der Stromverbrauch im kommenden Jahr um 20 Prozent gesenkt werden soll. Der Stromversorger EDF aus Frankreich hatte die Verantwortlichen um Einsparungen gebeten.

Dazu gezwungen werden kann die Einrichtung nicht, sie hat spezielle Verträge. Das CERN wolle aber dazu beitragen, dass der Industrie und Haushalten keine Stromausfälle drohen, versichert Forschungsdirektor Joachim Mnich nun erneut. Sollten die Strompreise längerfristig so hoch bleiben, werde aber auch das Forschungsprogramm zurückgefahren. Bislang würden etwa Heizungen später angestellt. Das CERN benötigt bislang jährlich etwa 1,3 Terawattstunden an Strom.

Das ebenfalls energiehungrige Fusionsexperiment Wendelstein 7-X in Greifswald soll dagegen auch in Versorgungsengpässen weiterlaufen können, berichtet die dpa. Man habe aber mit dem Stromversorger vereinbart, dass die Arbeitszeiten dann auf Tageszeiten verlegt werden, zu denen insgesamt weniger verbraucht wird. Das Experiment lasse sich nicht in einer Art Sparmodus betreiben, teilte ein Sprecher der Anlage mit. Wendelstein 7-X brauche bei fast vollem Energieverbrauch alleine drei Monate dafür, hoch- beziehungsweise heruntergefahren zu werden. Die Forschung an der Anlage war vor wenigen Monaten aufgenommen worden, sie soll jetzt bis zum März laufen. Die Verantwortlichen rechnen laut dpa mit einem Strombedarf von jeweils 18 bis 20 Gigawattstunden in den Jahren 2023 und 2024.

Auf 30 Gigawattstunden kommt demnach die Röntgenquelle Bessy II des Helmholtz-Zentrums Berlin (HZB). Die Forschung daran sei "die Grundlage für die sichere, nachhaltige Energieversorgung der Zukunft und muss deshalb weitergehen", erklärte eine Sprecherin der dpa. Betrieben werde dort Energie- und Materialforschung etwa für effizientere Solarzellen, verbesserte Batteriematerialien und neue Katalysatoren für die Erzeugung und Verarbeitung von grünem Wasserstoff. Dank langfristiger Lieferverträge sollen die Stromkosten in diesem und dem kommenden Jahr moderat steigen, das soll durch Stromeinsparungen aufgefangen werden. Das Helmholtz-Zentrum will bis 2035 treibhausgasneutral arbeiten und setzt dafür auf Ökostrom und Photovoltaik-Module auf den Gebäuden.

Keine weiteren Stromeinsparungen sind auch am Leibniz-Rechenzentrum in München vorgesehen. Dort habe man durchgerechnet, dass man die Stromaufnahme zwar durch eine Reduzierung der Taktfrequenz der Prozessoren verringern könnte, zitiert die dpa den Leiter Dieter Kranzlmüller: "In der Realität führt dies aber dazu, dass die einzelnen Anwendungen länger auf dem Supercomputer rechnen und am Ende sogar mehr Strom verbrauchen." Schon lange werde dort aber etwa durch den Einsatz von Heißwasserkühlung oder Optimierungen an der Infrastruktur der Gebäude an der Energieeffizienz der Systeme gearbeitet.

Darauf, dass die energieintensive Forschung besonders von den stark gestiegenen Energiepreisen getroffen wird, war bereits vor Wochen aufmerksam gemacht worden. Die Bundesregierung hat dann Anfang November finanzielle Hilfen zugesagt. Bundesforschungsministerin Stark-Watzinger hatte erklärt, dass die Energiekrise auch Bildung, Wissenschaft und Forschung vor große Herausforderungen stelle, sie "bedroht damit Deutschlands Zukunftsfähigkeit".

(mho)