Wenig Interesse an dualer Ausbildung: Das Studium wurde überbewertet

Deutschland gehen die Facharbeiter aus, denn das Interesse an einer Berufsausbildung sinkt von Jahr zu Jahr. Große Ausnahme sind die IT-Berufe.

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(Bild: ALPA PROD/Shutterstock.com)

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  • Peter Ilg

Wenn es schon an Auszubildenden mangelt, kann es künftig auch nicht ausreichend Facharbeiter geben. Im vergangenen Jahr blieben 12 Prozent der angebotenen Ausbildungsplätze unbesetzt. In Summe sind das 63.000 Stellen. Die Unternehmen melden den Arbeitsagenturen ihre Ausbildungsangebote freiwillig, eine Meldepflicht besteht nicht.

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"Werden auch die Stellen mit eingerechnet, die nicht besetzt und nicht gemeldet wurden, dann geht das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung von einer Quote von 40 Prozent unbesetzter Ausbildungsstellen aus", sagt Dirk Werner, Leiter des Kompetenzfelds berufliche Qualifizierung und Fachkräfte am Institut der deutschen Wirtschaft (IW). Vor allem kleine Unternehmen würden ihre offenen Stellen bei der Arbeitsagentur nicht melden, weil sie sich wenig Hoffnung machen, dass ihnen eine Besetzung mit deren Hilfe gelingt.

Von Jahr zu Jahr bleiben immer mehr Ausbildungsplätze vakant. 2009 sind es rund 18.000 gewesen und damit dreieinhalb Mal weniger als im vergangenen Jahr. Stand April dieses Jahres waren laut Statistik der Bundesagentur 290.500 Ausbildungsstellen unbesetzt und damit 40.700 mehr als zum Vorjahreszeitpunkt. "Die Betriebe sind nervös, die jungen Leute haben beste Chancen", sagt Dr. Monika Hackel, Abteilungsleiterin ‚Struktur und Ordnung der Berufsbildung‘ am Bundesinstitut für Berufsbildung BIBB.

Der Zuwachs an unbesetzten Ausbildungsstellen kommt nicht davon, dass die Betriebe weniger Plätze anbieten. "Sinkendes Interesse der jungen Menschen an einer Berufsausbildung ist der Hauptgrund", sagt Hackel. Betroffen sind vor allem die Klassiker unter den Berufen: das Handwerk, die Pflege und die Gastronomie. Die Gründe dafür: Die Tätigkeiten sind entweder körperlich anstrengend oder es muss rund um die Uhr gearbeitet werden.

Ausgenommen vom Auszubildenden-Defizit sind die IT-Berufe. Deren Ausbildungszahlen steigen kontinuierlich an, im vergangenen Jahr auf gut 18.000. Vor zwei Jahren sind die IT-Berufe grundlegend modernisiert worden. Dadurch könnte das Interesse weiter steigen. "Im Handwerk herrscht schon lange ein Notstand an Auszubildenden", sagt Hackel. Der Trend sinkender Ausbildungszahlen müsse gestoppt werden, sonst gehen Deutschland in vielen Berufen die Fachkräfte aus.

Was kann helfen? "Viel mehr Berufsorientierung durch Praktika und ausführliche Berufsberatung", sagt Hackel. Dies lässt die Vertragslösungsquote sinken, weil die Auszubildenden besser auf den Beruf vorbereitet sind. Das sind heute zu wenige. Nach einer Analyse des BIBB wurde im Jahr 2020 jeder vierte begonnene Ausbildungsvertrag vorzeitig aufgelöst. 465.200 neue Ausbildungsverträge wurden in dem Jahr abgeschlossen.

Nach Angaben von Hackel müssen die Eltern in die Berufsorientierung mit einbezogen werden. "Sie sollten wissen, dass ihre Kinder auch mit einer dualen Ausbildung ein gutes Leben führen können." Häufig wollen die Eltern, dass ihre Kinder studieren, damit sie es einmal besser haben, als sie selbst. Weiterhin rät Hackel dazu, die Berufschancen der höher qualifizierenden Berufsbildung zum Fachwirt, Meister und Techniker aufzuzeigen, die Weiterbildung zu stärken und das Potenzial möglicher Auszubildender zu erschließen.

Dazu zählen Behinderte, Flüchtlinge, Migranten und andere Menschen mit schlechten Startchancen. "Zwischen 13 und 15 Prozent eines Jahrgangs machen keinen Berufsabschluss, die müssen wir dafür gewinnen", sagt Werner vom IW. Das funktioniere allerdings nur mit intensiver Betreuung, die er insgesamt für Auszubildende vorschlägt. "Wenn die jungen Menschen an ihren Ausbildungsort ziehen, brechen sie die Ausbildung häufig ab und gehen nach Hause, weil sie allein sind und sich einsam fühlen", sagt Werner. Gemeinsame Jugendwohnungen und Freizeitbetreuung bieten ihnen eine Gemeinschaft. Weil Betriebe das allein nicht leisten können, müsse auch der Staat helfen.

Eine persönliche Betreuung beim Übergang von der Schule bis in die Ausbildung hinein hält Werner ebenfalls für erforderlich. "Häufig wechseln die Vertrauenspersonen der jungen Menschen, auch deshalb werden Berufsvorbereitung und Ausbildung abgebrochen." Assistierte Ausbildungen mit einer Orientierungsphase vor der Ausbildung und währenddessen eine durchgängige, persönliche Betreuung von einer Person gibt es zwar schon, doch sie werden noch zu selten genutzt.

Inzwischen haben 28 Prozent der Auszubildenden Abitur. Es gibt heute aber auch viel mehr Abiturienten als vor 20 Jahren und viele von ihnen entscheiden sich lieber für ein Studium. "Sie studieren in der Hoffnung auf bessere Karrierechancen und ein höheres Gehalt, als sie es von einer dualen Ausbildung erwarten", sagt Werner. Zumindest die finanzielle Vermutung ist häufig falsch: Das IW hat in einer Studie festgestellt, dass ein Drittel aller Meister und Techniker mehr verdienen als Akademiker. Zudem haben sie ein niedrigeres Risiko, arbeitslos zu werden.

Bildungspolitisch wurden in den vergangenen 20 Jahren Abitur und Studium stark gemacht und damit die Akademisierung beschleunigt. Die OECD hat die Bildungssysteme weltweit verglichen und verkündet: Ein starker Wirtschaftsstandort braucht viele Akademiker. "Dass dies zu einseitig ist, haben viele erst in den letzten Jahren erkannt", sagt Hubert Schöffmann, bildungspolitischer Sprecher aller bayrischen IHKs. Es wurde nämlich festgestellt, dass in Ländern mit einem hohen Anteil an Abiturienten und Akademikern die höchste Jugendarbeitslosigkeit herrscht. Abitur und Studium hält Schöffmann nicht für schlecht, im Gegenteil: "Wir brauchen beide, die beruflich und akademisch qualifizierten. Das mache einen Standort wirklich stark."

Etwa dreiviertel aller Beschäftigten am Arbeitsmarkt sind nach Angaben von Schöffmann Facharbeiter mit Berufsausbildung. Diese Zahl zeigt die Bedeutung der dualen Ausbildung und macht unmissverständlich klar: künftig fehlen viel mehr Facharbeiter als Akademiker – wenn es nicht gelingt, den Trend sinkender Ausbildungszahlen umzukehren.

(axk)