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Wenn Pixel lügen: Bildoptimierung oder Fälschung?

Digitalkamera plus Photoshop: Gilt das noch als Künstlerbedarf oder bereits als Fälscherwerkzeug? Die Grenze zwischen erlaubtem Handwerk und Manipulation ist fließend, denn selbst ein minimaler Eingriff kann die Aussage eines Bildes komplett verändern.

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Inhaltsverzeichnis

Kopierpinselverstärkte Rauchwolken über Beirut, ein geschönter iranischer Raketenstart, in Blutlachen verwandelte Wasserpfützen, auf Promi-Arme montierte Babies: Digitalkamera, Computer und Bildbearbeitungsprogramm scheinen aus jedem Wohnzimmer eine potenzielle Fälscherwerkstatt zu machen, aus jedem "Bild"-Leserreporter einen begnadeten Fälscher. Deshalb entwickeln Forscher mehr und mehr technische Verfahren, um Manipulationen automatisch zu erkennen. In den Redaktionen wacht derweil das menschliche Auge über Authentizität. Dennoch mogelt sich immer wieder manipuliertes Material auf die Titelseiten.

Trotz Photoshop & Co. gehört zu einer glaubhaften Fälschung glücklicherweise eine Menge Geschick. Das menschliche Auge lässt sich nicht so leicht täuschen. Selbst Laien merken unwillkürlich, wenn etwas im Foto nicht stimmt: Fehlende oder falsche Schatten, inkonsistente Beleuchtung, ein im Eifer der Bauchverkleinerung wegretuschierter Bauchnabel, frei schwebende Hände oder abgesägte Körper – eine lange Liste lustiger Photoshop-Unfälle nebst höhnischer Kommentare kann man hier genießen.

Geschicktere Fälschungen haben sich unbemerkt in den Alltag geschlichen, allerorts lachen sie falten- und porenfrei von Plakaten und den Titelblättern der Magazine: Hier traut sich garantiert kein unbearbeiteter Körper mehr hin. Gefährlich oder politisch bedenklich sind sie nicht, propagieren aber ein Ideal, dem nicht einmal zentimeterdick geschminkte, unter perfekter Beleuchtung fotografierte Schönheiten annähernd genügen. Auf der Website des Retuscheurs Glenn Feron kann man per Mouseover bestaunen, wie sich irdische Gesichter, Körper und Parfumflaschen in göttliche Glamour-Gestalten verwandeln.

Bildfälschung ist kein digitales Phänomen. Links das Originalfoto von Lenin mit Kamenew und Trotzki auf dem Swerdlow-Platz in Moskau, später wurden Kamenew und Trotzki herausretouchiert.

(Bild: Staatliches Historisches Museum Moskau)

Die retuschierte Wirklichkeit hat in ihrer subtilen Art einen starken Effekt: Der Betrachter gewöhnt sich so sehr an klinisch reine Gesichter, erschütternde Szenen aus Krisenregionen und dramatische Landschaftsbilder ohne Stromleitungen oder unästhetisches Gestrüpp, dass sich realistische Bilder nurmehr schlecht verkaufen. Und die Generation Photoshop unter den Fotografen findet meist nichts Anstößiges daran, den unerwünschten Wildwuchs von Bäumen und Stromleitungen digital zu bändigen.

Ist es legitim, dass die französische "Paris Match" ihrem sportlich bootsfahrenden Präsidenten Nicolas Sarkozy den unsportlichen Hüftspeck digital absaugt oder "BR online" unserer Kanzlerin die wenig dezenten Schweißflecken vom aprikotfarbenen Kostüm entfernt? Nein, denn leider ist es wie beim Doping: Das Publikum hasst es viel mehr, betrogen zu werden, als unspektakuläre Fotos oder schlechte Leistung sehen zu müssen. So ist zwar das Entfernen von Achselschweiß eigentlich nur eine Lappalie, genügte aber dennoch, um Grundsatzdiskussionen über die Seriosität der Presse loszutreten.

Rund 300 aktuelle und historische Beispiele von Bildmanipulationen zeigt im Übrigen die Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland in ihrer Wanderausstellung "Bilder, die lügen" [1], die ab dem 31. Oktober im liechtensteinischen Landesmuseum in Vaduz gastiert.