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Werkstattkalender 2016: Zwischen Trash und Fotokunst

Der Pirelli-Kalender ist zwar der bekannteste, aber bei weitem nicht der einzige mit hohem Budget produzierte Werkstattkalender. Wir stellen die wichtigsten Vertreter dieses unterschätzten Fotogenres mit opulenten Bilderstrecken vor.

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Werkstattkalender 2016: Zwischen Trash und Fotokunst

(Bild: Berner)

Inhaltsverzeichnis

Der klassische Werkstattkalender ist seit Jahrzehnten ein überaus beliebter Werbeträger für eher bodenständige Produkte wie Schraubenschlüssel, Reifen oder Schmieröle. Für den Fotografen ist der künstlerische Spielraum bei derartigen Projekten meist eher gering. Die ebenso simple wie erfolgreiche Formel besteht überwiegend darin, das Produkt zusammen mit einem leicht oder gar nicht bekleideten weiblichen Model in Szene zu setzen. Der gestalterische Spielraum ist oft gering, dafür stimmen die Rahmenbedingungen: Der Hersteller bezahlt nicht nur den Fotografen und die Models, er hat auch Abnehmer für die meist kostenlos verteilten Kalender. Für Fotografen kann ein derartiges Kalendershooting aber nicht nur finanziell, sondern auch künstlerisch eine Bereicherung sein. Selbst ein Helmut Newton hat seine Karriere mit Fotos von Gartengrills für eine Baumarktkette begonnen. Auch damals wußte Newton seine grillenden Models schon in der für ihn typischen Weise zu inszenieren.

STIHL Kalender 2016 (12 Bilder)

Januar

(Bild:
STIHL/Esther Haase)

Der mit Abstand bekannteste Werkstattkalender ist der jährlich erscheinende Pirelli-Kalender. Von der ursprünglichen Ausrichtung als Pin-Up-Kalender mit Reifenwerbung hat sich das Projekt inzwischen sehr weit entfernt. Inzwischen steht nicht mehr das Produkt im Vordergrund, sondern der sorgsam gehegte Mythos des Pirelli-Kalenders selbst. Für ihn werden stets die besten und teuersten Fotografen und Models gebucht. In ihrem Bestreben, jeweils ganz neue Schwerpunkte zu setzen, hat sich das Projekt aber weit von seinen Ursprüngen entfernt. Die jüngsten Experimente von Annie Leibovitz beim 2016er Kalender wurden durchaus kontrovers diskutiert. Es gibt aber neben neben dem Pirelli-Kalender gleich eine ganze Reihe ähnlicher und durchaus vielversprechender Fotoprojekte. Große Unternehmen wie beispielsweise Würth, STIHL, Liqui Moly, Stahlgruber und Berner produzieren eigene Kalender für ihre Kunden. Bei Würth hat der eigene Kalender eine über dreißigjährige Tradition. Der 2015er Kalender wurde in einer Auflage von 723.000 Exemplaren gedruckt, auch andere Hersteller investieren erhebliche Summe in die Kundenbindung per Kalender. Wir hätten gerne die Würth-Kalenderblätter in diesem Artikel gezeigt, sind mit diesem Begehren aber an deren Marketing-Abteilung gescheitert.

Der STIHL-Kalender ist ein moderner Klassiker, es gibt ihn schon seit 1973. Der aktuelle Kalender wurde von der Starfotografin Esther Haase in Südafrika fotografiert. Es dominieren gedeckte Farben, hervorgehoben sind Hauttöne und die Gehäuse der STIHL-Geräte. Ohne die Geräte könnten Bilder dieser Art ohne weiteres in einer Fotokunst-Ausstellung hängen. Ob man die Fotos wie der Hersteller als "einzigartige Verbindung von Mensch und Maschine" sieht, oder die Werbung als notwendiges Übel eines ansonsten gelungenen Bildstrecke ansieht, liegt im Auge des Betrachters. Möglicherweise werden nachgeborene Generationen die hübschen Motorsägenmädchen mit dem gleichen Interesse betrachten, wie wie wir heute antike Amazonenstatuen. Eine weitreichende Verbreitung des Kalenders ist bei einer Auflage von 900.000 Exemplaren und einem Verbreitungsgebiet von 110 Ländern in jedem Fall gesichert.

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Genderfragen und Ästhetik

In diesem Artikel stellen wir Ihnen exemplarisch Werkstattkalender des Jahres 2016 vor. Bei der Auswahl der Kalender kam es uns darauf an, die künstlerische Bandbreite des Fotogenres abzubilden. Bei Werkstattkalendern ist von ambitionierter Fotokunst bis zum billigen Pin-Up wirklich alles möglich, wir haben bewußt nicht selektiert. In einer Zeit in der Geschlechterrollen extrem kontrovers diskutiert werden, gibt es ohnehin kein Foto, mit dem jeder Betrachter und jede Betrachterin glücklich werden kann. Apropos Betrachterin: Unternehmen wie Berner, Addinol, Förch und Merkle-Schweißtechnik entziehen sich möglichen Gender-Diskussionen elegant, indem sie zwei Kalender parallel produzieren. Und zwar jeweils einen mit männlichen und einen mit weiblichen Models.

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