Weshalb ich Professor wurde

Klaus Maier hatte einen hochdotierten Job mit Zukunft und weiteren Aufstiegschancen. Er hat trotzdem gekündigt, um Professor zu werden. Warum?

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Klaus Maier, Professor an der Hochschule in Aalen.

Von
  • Klaus Maier
  • Peter Ilg

Mein erstes Semester als Professor ist fast vorbei. Die Vorlesungen sind beendet, aktuell ist Prüfungszeit. Seit einem halben Jahr bin ich Professor für Embedded Software an der Hochschule Aalen. Diese Programme sind in einer spezifischen Anwendung eingebettet. Man findet sie überall: in Autos und auf Kreditkarten. Eingebettete Systeme sind meine Leidenschaft und die kann ich als Professor nun ausleben. Ich erlebe eine fachliche Freiheit, wie ich sie in meinem bisherigen Berufsleben nicht kannte. Das macht mich total glücklich und ich spüre, dass es absolut richtig war, Professor zu werden. Dies war die schwierigste Entscheidung in meinem Berufsleben.

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Ich bin 42 Jahre und stamme aus Möhringen. Das ist ein Stadtbezirk von Stuttgart, wir haben nahe der damaligen Konzernzentrale von Daimler gewohnt. Nach dem Abitur habe ich an der Universität Stuttgart Biotechnologie studiert und nach zwei Jahren parallel dazu an der Fernuni Hagen Informatik angefangen. Als ich die Biotechnologie abgeschlossen hatte, promovierte ich in Bioverfahrenstechnik an der Uni Stuttgart, die Informatik lief weiter.

2009 war dann mein Jahr der Abschlüsse und ich fand meine berufliche Leidenschaft: Ich war Master in Informatik, hatte erfolgreich promoviert und Embedded Systems für mich entdeckt während meiner Masterarbeit. Die schrieb ich in einem Unternehmen, was parallel zur Promotion eine echte Herausforderung ist. Die Firma NEC in Heidelberg machte mit und ich programmierte dort Sensornetzwerke, eine Mischung aus Funktechnologie, Embedded Software und Verschlüsselung.

2009 ist zwar ein erfolgreiches Jahr für mich gewesen, aber es war für Deutschland ein Krisenjahr mit Einstellungsstopps in vielen Unternehmen. Weit weg von Stuttgart wollte ich nicht ziehen, denn ich lebe schon lange in einer Partnerschaft und eine Fernbeziehung kommt für uns nicht infrage. Meine Partnerin hatte in der Region einen guten Job, was den Radius für meine Stellensuche eingrenzte. Zudem stand ich nach meiner Promotion vor der richtungsweisenden Entscheidung zwischen Tätigkeiten in der Biotechnologie oder der Embedded Softwareentwicklung.

Ich folgte meiner Begeisterung für die Welt der eingebetteten Systeme und begann bei Rhode und Schwarz als Embedded Softwareentwickler. Ich war in der militärischen Funkkommunikation tätig, habe fachliche und personelle Verantwortung bekommen und hatte eine spannende Zeit mit tollen Kollegen und interessanten Produkten. Die ging 2015 zu Ende mit einem Branchenwechsel in die Automobilindustrie zum Zulieferer Eberspächer in Esslingen. Als Leiter der Softwareentwicklung war ich für die Steuergeräte von Standheizungen für Fahrzeuge zuständig. Wieder hatte ich die Verantwortung für um die 20 Mitarbeiter und eine schöne Zeit mit den Kollegen in einem Familienunternehmen.

Drei Jahre später wollte ich an nachhaltigen Produkten arbeiten und fing bei der Deutschen Accumotive an. Der Hersteller von Lithium-Ionen-Akkumulatoren wurde unmittelbar nach meinem Wechsel in die Konzernmutter integriert und ich war plötzlich Daimler-Mitarbeiter in Kirchheim unter Teck. Ich habe ein Team in der Entwicklung von Batteriemanagementsystemen geleitet. Das war ein anspruchsvoller Job mit großer Zukunft, denn ich war im Zentrum der Elektromobilität in einem weltweit erfolgreichen Unternehmen. Vollauf zufrieden war ich dort und in den anderen Firmen aber nicht.

Das hat sich darin gespiegelt, dass ich schon einige Jahre mit der Idee geflirtet habe, Professor zu werden. Ich war mir aber nicht sicher, ob das wirklich etwas für mich ist. Mit meinem fachlichen Hintergrund aus der Industrie war ich ein interessanter Kandidat für eine Hochschule. Das war mir bewusst. Dann schrieb die Hochschule Aalen eine Professur für Embedded Software aus. Ich habe mich beworben und konnte überzeugen, denn mir wurde signalisiert, dass sie mich haben wollen. Das war ein gutes Gefühl, brachte mich aber in eine ziemliche Zwickmühle: Ich musste mich entscheiden!

Mithilfe einer Matrix habe ich versucht, formal eine Lösung zu finden. Das Ergebnis war ein Unentschieden, denn dort, wo die Industrie ihre Stärken hat, sind die Schwächen der Hochschule und umgekehrt. Am Ende des Tages musste der Bauch entscheiden und der war für Aalen. Dort ist nicht irgendeine Hochschule, sondern seit vielen Jahren die forschungsstärkste Hochschule für angewandte Wissenschaften in Baden-Württemberg mit rund 6.000 Studenten und etwa 150 Professoren. Bekanntlich ist Embedded Software genau mein Thema. An der Hochschule Aalen hat das Gesamtpaket gepasst.

Finanziell habe ich mit dem Wechsel mein Bruttoeinkommen in etwa halbiert. Netto ist die Differenz kleiner, weil ich als Beamter keine Sozialabgaben bezahlen muss. Für drei Jahre bin ich Beamter auf Probe, danach auf Lebenszeit. Damit habe ich eine größere Arbeitsplatzsicherheit, als sie im Daimler-Universum jemals möglich war.

Meine Work-Life-Balance ist an der Hochschule besser, weil ich selbst gestalten kann, wann ich meine Tätigkeiten ausführe, ob nun tagsüber, abends oder am Wochenende. Der zeitliche ist ein weiterer wichtiger Freiheitsgrad, den ich gewonnen habe und der es mir gestattet, unsere beiden Kinder aufwachsen zu sehen. Meine engen Freunde sagen, dass ich mich richtig entschieden habe, denn jetzt kann ich beruflich tun, was ich für richtig halte. Dieser Freiheitsdrang ist bei mir vielleicht stärker ausgeprägt, als bei anderen Menschen. Professor sein passt daher wunderbar zu meiner Persönlichkeit.

In meinem ersten Semester habe ich Programmierung und Softwareengineering unterrichtet. Die Studenten sind motiviert und ich war manchmal zu optimistisch darin, was alles an Inhalten in eine Vorlesung passt und musste deshalb nachjustieren. Mein höchstes Ziel für die Studenten ist es, dass ich die Begeisterung für die Programmierung in ihnen entfachen und vermitteln kann, wie viel Spaß es macht, solche Software zu erschaffen.

Mit der Karriere geht es an der Hochschule schon voran, denn ab März bin ich als Studiendekan im Fachbereich Elektrotechnik dafür verantwortlich, dass der Studiengang funktioniert. Den Zeitaufwand für diese Tätigkeit kann ich nicht einschätzen, deshalb lässt sich heute nicht abschätzen, wann ich mich an das nächste Thema wage, wahrscheinlich die Forschung. Es ist schön, einen Beruf zu haben, der einem alle Entscheidungsfreiheiten lässt.

Protokolliert von Peter Ilg

(axk)