"Wie ein Körperteil": Menschen benutzen "dritten Daumen" intuitiv und kreativ

Bei einem Experiment haben sich Menschen schnell an ein zusätzliches, künstliches Körperteil gewöhnt. Schon nach fünf Tagen fiel der Abschied schwer.

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Nicht unpraktisch

(Bild: The Third Thumb Project/Dani Clode)

Von
  • Martin Holland

Menschen können sich innerhalb von kürzester Zeit an einen "dritten Daumen" gewöhnen und ihn kreativ benutzen. Der Einsatz eines solchen künstlichen Körperteils hat zudem Auswirkungen auf Prozesse im Gehirn, haben Forscherinnen in England herausgefunden. Sie hatten beobachtet, wie Menschen den im Rahmen eines Kunstprojekts entwickelten künstlichen Daumen unter kontrollierten Bedingungen benutzen. Schon nach fünf Tagen hätten sich einige der Teilnehmer und Teilnehmerinnen so an die Prothese gewöhnt, dass sie als Teil des Körpers empfunden und danach vermisst worden sei, zitiert Gizmodo dessen Entwicklerin.

Der dritte Daumen ist ein Projekt der Designerin Dani Clode vom Royal College of Art in London. Sie habe damit die Sicht auf Prothesen ändern wollen, erklärten die Forscherinnen weiter. Der zusätzliche Daumen stammt aus dem 3D-Drucker und wird so am Arm befestigt, dass er wie ein Spiegelbild des echten Daumens funktioniert. Gesteuert wird die Prothese mittels Sensoren an den großen Zehen beider Füße. Über eine Funkverbindung können damit unterschiedliche Bewegungen des künstlichen Daumens ausgelöst werden. Damit eignet er sich vor allem für Tätigkeiten im Stehen, beim Laufen kann er nicht so gut benutzt werden, berichtet Gizmodo. Das soll sich bei einem möglichen Nachfolger ändern.

Wie das Team um Tamar Makin vom Institut für kognitive Neurowissenschaft am University College London erläutert, konnten insgesamt 20 Probanden und Probandinnen den dritten Daumen fünf Tage lang benutzen. An der Forschungseinrichtung wurden sie trainiert, sie durften die Geräte aber auch mit nach Hause nehmen. Die Benutzung haben sie demnach schnell erlernt und konnten rasch beispielsweise mehrere Bälle aufheben, oder mit einer Hand einen Kaffeebecher halten und gleichzeitig umrühren. Eine Teilnehmerin erklärte Gizmodo, dass sie es besonders praktisch gefunden habe, ihren Schlüssel aus der Hosentasche holen und gleichzeitig mit der gleichen Hand das Smartphone bedienen zu können. Sogar wer abgelenkt war oder verbundene Augen hatte, habe die Prothese benutzen können.

Der "dritte Daumen" im Einsatz (9 Bilder)

(Bild: The Third Thumb Project/Dani Clode)

Während des Experiments haben die Neurowissenschaftlerinnen die Gehirnaktivität untersucht und festgestellt, dass sich tatsächlich Veränderungen nachweisen ließen. Während in unseren Gehirnen jeder Finger unabhängig von den anderen repräsentiert sei, hätten sich diese Abweichungen während der Nutzung des dritten Daumens verringert. Die Unterschiede zwischen den Repräsentationen der einzelnen Finger wurden als kleiner. Schon eine Woche nach dem Abschluss des Experiments sei das aber nicht mehr nachweisbar gewesen, die Veränderungen seien also womöglich nicht auf Dauer. Angesichts des wachsenden Interesses an der Erweiterung des Körpers durch Technik sei hier weitere Forschung nötig. Entwickler solcher Geräte müssten eng mit der Neurowissenschaft kooperieren, meinen die Forscherinnen. Ihre Erkenntnisse haben sie im Fachmagazin Science Robotics veröffentlicht.

(mho)